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Belsener Kirche

Noch den Sommer über werkeln Zimmerer und Steinmetze

Spuren müssen beseitigt werden im Kapellengebälk und -gemäuer: solche von Tieren, Wasser und Wind. Und immer neue werden sichtbar. Bis der Herbst kommt, sollen alle Balkenköpfe ersetzt und Ritzen vermörtelt sein.

06.07.2012
  • Kathrin Löffler

Belsen. Sanfter Nieselregen empfängt den Kirchgänger beim Verlassen des Gotteshauses im Belsener Frühsommer. Petrus kann nichts dafür. Steinmetze verpassen der Westfassade der Kapelle eine ordentliche Dusche, um das Mauerwerk für die anstehenden Sanierungsarbeiten zu reinigen. Währenddessen lassen Zimmerleute am Turm Späne wirbeln.

Anfangs sollte nur das Portal schöner werden

Eigentlich stand lediglich eine neue Tür auf der Wunschliste des Belsener Kirchengemeinderats. Drei Jahre ist das her. Das alte Portal schloss nicht mehr richtig. Der Eingangsbereich sollte schöner gestaltet, der Windfang entfernt werden. Architekten und Vertreter vom Landesdenkmalamt mussten dem zustimmen – doch die spürten dann noch einiges mehr auf, was es an der Kirche herzurichten galt. Pfarrer Martin Brändl fasst die schadhaften Stellen, Löcher und Verwitterungserscheinungen, von denen sich seit Arbeitsbeginn der Handwerker im April immer mehr offenbarten, so zusammen: „Wir haben zwei Probleme: Holz und Stein.“

Ziemlich (laut) zugegangen sein muss es in den letzten Jahren auf dem Kirchturm, zumindest, wenn man nach den „unendlich vielen Spechtlöchern“ dort oben urteilt. Wind und Regen haben der Zedern-Vertäfelung arg zugesetzt. Jetzt wird der gesamte achteckige Turm in neue Schindeln gekleidet. Im Dachstuhl der Kirche waren die Balken ganz vermodert. Die mussten entfernt und neue eingesetzt werden. Ausschließlich mit Holzdübeln – da war das Denkmalamt streng. Nur im Dachstuhl des spätgotischen Choranbaus von 1498 durften Eisenschrauben verwendet werden, der Statik wegen. Allein 85 000 Euro kostet die Renovierung zusätzlich, weil es sich bei der Kapelle um ein Denkmal handelt. Bislang will das Amt die Hälfte davon übernehmen. „Wir hoffen noch auf mehr“, sagt Brändl.

Aus einem Mauerloch unter dem Dach fischt der Pfarrer ein gut 20 Zentimeter langes Stück Holz. Zugegeben: Bis auf ein paar kleine Löchlein mutet es nicht so recht spektakulär an. Kennt man sein Alter, aber doch: Das Teil stammt aus dem Jahr 1140, vom Baubeginn der Kirche also. Ein Mittelalterarchäologe hat die Balken auf dem Dachboden angebohrt und genau unter die Lupe genommen. Einige fügte man 1391 hinzu, um das Kirchendach steiler aufzurichten, 1649 wurde wieder umgebaut und altes Holz mitverwertet, 1824 integrierte man einen Längsbalken und leitete das Deckengewicht auf die Außenmauern ab. In diesem Jahr nämlich wurde der Friedhof angelegt, in der Kirche fanden fortan regelmäßig Gottesdienste statt. „Das musste stabil sein, wenn hier größere Menschenmengen waren“, vermutet Martin Brändl.

Noch diesen Monat haben die Zimmerleute an der Belsener Kirche zu tun – das Unwetter jüngst hat alles verzögert. Die Arbeiten an der Außenmauer sollen bis Ende August erledigt sein: Die Fugen müssen neu aufgefüllt werden, manche hatten Wind und Wetter derart ausgehöhlt, dass man eine Hand hineinstecken konnte. Und der Mörtel benötigt ausreichend Zeit zum Trocknen, bevor der erste Frost ansteht. Um festzustellen, was an der Mauer welcher Reparatur bedarf, mussten die Schäden genau kartiert werden.

Vom vergangenen Herbst bis ins Frühjahr hinein war ein Experte da, begutachte via Hebebühne die Kirchenfassade, inspizierte Stein für Stein, hielt alles akkurat fest. 20 000 Euro hat diese Prozedur gekostet. Vor 50 Jahren stellten noch keine Gutachter derart detaillierte Pläne auf. Heute rächt sich das ein bisschen: Das tatsächliche Ausmaß der Wasserschäden im Turm oder der notwendigen Renovierungen im Chorstuhl tat sich erst im Verlauf der Sanierung auf.

Später bleibt von dem ganzen Aufwand nicht mehr allzu viel ersichtlich: Einzig die Schindeln auf dem Turm werden sich als erneuert ausmachen lassen. Im Innenraum ist alles in bester Ordnung. Auch während sich die Außenseite ins Baugerüst hüllt, feiern die Belsener Christen drinnen ihre Gottesdienste. Auf dem Pfarramt gibt es Plakate, Puzzles und Kirchlesnudeln zu erstehen, ein Benefizkonzert brachte Geld, Spenden gehen ein. „Wir haben eine große Unterstützung, ich denke, dass wir das finanziell gut stemmen können“, sagt Brändl. „Die Belsener identifizieren sich sehr mit ihrer Kirche.“

Früher auswärts zum Gottesdienst

Dabei war das romanische Bauwerk gar nicht als Gemeindekirche konzipiert, sondern eine Stiftung vom Kloster Hirsau. Bis ins 19. Jahrhundert marschierte man aus Belsen zum Gottesdienst nach Mössingen, erst 1842 wurde das Dorf selbstständige Kirchengemeinde. Zwar ist der Weg heute kürzer, aber so unbeschwerlich auch nicht. Man muss den Kirchhügel erklimmen, im Winter ist es glatt, bei Konfirmationen und Festen in der Kapelle ziemlich eng. Richtig funktional für Gemeindearbeit ist sie nicht. „Aber schön natürlich“, meint der Pfarrer.

Noch den Sommer über werkeln Zimmerer und Steinmetze
Das Türmchen ist aus dem Wasser geraten – wie sehr, das ermittelt Albert Ott mit einer Wasserwaage. Die morschen Balken mussten ersetzt werden. Bild: Franke

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06.07.2012, 12:00 Uhr

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