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Noch einen Schnaps
Bietet live vor allem Party: Jennifer Weist. Foto: Volkmar Könneke
Musik

Noch einen Schnaps

Jennifer Rostock hat die Politik zurück in die Popkultur gebracht. Jetzt sind sie auf Tour. Live geht es mehr ums Feiern als ums Provozieren.

30.01.2017
  • KATHRIN LÖFFLER

Ulm. Ein Meer aus 1200 Stinkefingern hebt sich auf Jennifer Weists Kommando. „Nazis raus!“, ruft die Frontfrau von Jennifer Rostock. Die Gruppe spielt im Ulmer Roxy, der Laden ist ausverkauft. Das Mittelfingermeer gegen Rechts bleibt die plakativste politische Äußerung. Ansonsten bricht sich Haltung in den üblichen Konzertaktivitäten Bahn: kurz hinsetzen und im Kollektiv aufspringen etwa. Jennifer singt „Kann man liken, kann man lassen“ dazu, ein Lied über die Krawallo-Mentalität im Internet. Aber die Kritik der Polemik kommt ohne Polemik aus. Das ist bei Jennifer Rostock nicht immer so.

Sommer 2016. „Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber“ – auch diese Zeile stammt aus einem Lied von Jennifer Rostock. Die Band veröffentlichte das Video kurz vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern. Mit den dummen Kälbern waren AfD-Sympathisanten gemeint. Auf YouTube entspann sich ein zorniger Kommentar-Bandwurm. 1,1 Millionen Mal wurde der Clip geklickt. Für kurze Zeit bescherte er Jennifer Rostock mehr öffentliche Aufmerksamkeit als ihre bisher fünf Alben zusammen. Und obendrein Vorwürfe, nur aus Ruhmgeilheit Stellung zu beziehen.

Allerdings sind Jennifer Rostock im deutschsprachigen Popuniversum einige der wenigen, die überhaupt Stellung beziehen. Durch die Charts schnöseln sich die Forsters und Giesingers und Bendzkos mit ihren Soundtracks für die Cabriofahrt durchs Leben. Musik für die schönen Gefühle gibt es bei Jennifer-Rostock-Auftritten aber auch.

Die Band spielt erst ältere Tracks, „Kopf oder Zahl“ etwa, oder „Kaleidoskop“. Weist, in Silberfransenrock und Lederjacke, schreit dazu oder probt den großen Balladengestus. Das Konzert ist eine Mischung aus einer kreischigen Punkrockschrammelhölle und elektronischem Nintendo-Pop, aus Texten über Liebesbeziehungsprobleme und aus Glitzerhymnen übers Jugendverschwenden. Weist verlangt regelmäßig nach Schnaps, brüllt „Zicke, zacke, zicke, zacke“, das Publikum brüllt regelmäßig „Hoi, hoi, hoi“ zurück. Hedonismus pur für eine Halle voller Millenials.

Zwischendurch schwenkt Weist eine Regenbogenfahne. Der Pulk tanzt im Kreis. Die Band spielt „Wir sind alle nicht von hier“. Der Song ist von der neuen Platte, er geht ums Grenzen-Öffnen und um Menschlichkeit. Weist singt: „Wir teilen uns die Erde, komm, wir teilen uns ein Bier!“ Die Meute hüpft. Die Botschaft ist da, die gute Party auch.

Hype und Shitstorm

Jennifer Rostock sammeln für die Obdachlosenhilfe und protestieren gegen als rechts geltende Deutschrocker wie die Böhsen Onkelz und Frei.Wild. Weist macht bei Kampagnen gegen Kleidung aus Tierpelzen mit. Ihre Facebook-Fans versorgt sie täglich mit Selfies, mitunter im Stringtanga, mitunter mit „Be polite you fucker“-Shirt. Im Herbst 2016 veröffentlichen Jennifer Rostock die Single „Hengstin“. Das Video zeigt Skateboarderinnen, Tätowiererinnen, Regisseurinnen. Der Beat pulsiert, Weist rappt. Es ist ein grimmiges Plädoyer für Feminismus, für mehr „Ladys im Business“ und gegen „Chauvis“, die „sich am Testosteron besaufen, bis sie reihern“. Es klingt ziemlich motzig. Weist brüllt: „Ich glaube nicht, dass mein Körper deine Sache ist“ – und sitzt dabei breitbeinig und völlig nackt vor der Kamera. Nächster Kurzzeit-Hype, nächster Shitstorm.

Effekthascherei? Weist dementiert. In Interviews betont sie immer wieder ihren Sinn hinter dem Ausziehen: Sie will damit für sexuelle Freiheit und die Gleichstellung von Männern und Frauen werden. Das kommt nicht bei allen so an. Im Internet dominiert das Sex-Sells-Interpretament. Ein User mit Deutschlandflaggen- Profilbild schreibt auf Weists Facebook-Seite: „Feministinnen sind echt die besten. Sie zeigen bei jeder Möglichkeit ihre nackten Brüste und Hintern, um gegen Sexismus zu demonstrieren. Das ist so, als ob ich Grillfeste veranstalte, um für mehr vegetarisches Essen zu werben.“

Beim Konzert fallen irgendwann Rock und Jacke. Bauchfreitop und Hotpants bleiben aber an. „Hengstin“ kommt erst als Zugabe. Weist steht dabei auf einer Mini-Bühne mitten in der Masse an Leuten. Bei der Passage „Ich seh‘ so viele Männer und so wenig Eier“ ist deren Echo deutlich. Es klingt, als hätten sie großen Spaß.

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30.01.2017, 06:00 Uhr

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