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Leitartikel · Wirtschaftsethik

Nötige Korrektur

22.04.2016
  • Thomas Veitinger

Ist erlaubt, was nicht verboten ist? Dem Recht nach ja. Aber eine Gesellschaft beruht auch auf der Anerkennung und dem Vertrauen in Werte, die von der Mehrheit als richtig angesehen werden. Unternehmen bekommen immer wieder Probleme mit zwar legalem, aber nicht legitimem Handeln. So ist es legal, Briefkastenfirmen in Panama zu gründen, aber legitim ist es deshalb noch lange nicht. Es ist legal, als VW-Vorstand Boni für Arbeit anzunehmen, nach der das Unternehmen in seine größte Krise stürzt. Aber angebracht ist es nicht. Es ist legal von Daimler, bei Temperaturen unter zehn Grad Auto-Abgassäuberung zu drosseln. Aber gesellschaftlich akzeptiert dürfte dies nicht sein. Amazon, Ikea und Starbucks zahlen kaum Steuern in Deutschland, da es in Europa keine einheitliche Steuerpolitik gibt. Als richtig gilt das nicht.

Natürlich darf Unternehmen nicht verübelt werden, dass sie ökonomisch sinnvoll handeln und etwa so wenig Abgaben wie möglich zahlen wollen. Von erfolgreichem wirtschaftlichen Handeln profitiert die Gesellschaft. Aber die Wirtschaft ist Teil eines gesellschaftlichen Systems und sieht sich auch so, wie in ihren Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichten zu lesen ist. Unternehmensethik, soziale und ökologische Verpflichtung gelten heute als selbstverständlich. Aber warum agieren dann Unternehmen immer wieder anders?

Antwort: Weil die Korrektive zu schwach sind. Nur wenn in Politik, in Firmen oder in der Gesellschaft die Übereinstimmung von Werten und Idealen mit der tatsächlichen Praxis permanent eingefordert wird, kommt es zur Regulierung einer unbedingten Gewinnmaximierung. Unternehmen sind zunächst sich selbst und ihren Besitzern - etwa den Aktionären - verpflichtet. Aber eben auch von gesellschaftlichen Normen abhängig, wie der gern zitierte Fall von Shell zeigt. Als das Energieunternehmen seine Öllagerplattform Brent Spar Mitte der 90er Jahre versenken will, erreicht die Umweltschutzorganisation Greenpeace einen Boykott an Tankstellen. Shell rudert zurück. Ein anschließend beschlossenes allgemeines Versenkungsverbot im Nordatlantik wird öffentlich begrüßt, auch wenn sich Greenpeace bei Shell entschuldigen muss, weil Brent Spar weniger giftige Rückstände enthielt als behauptet.

Gerade dort, wo keine Gesetze verletzt werden, kann ein Unternehmen unter moralischen Druck geraten. Durch das deutsche Recht, etwa das Bilanzrecht, lässt sich nicht alles regeln. In nicht regulierten Bereichen oder juristischen Grauzonen müssen ethische Maßstäbe gelten. Kurz gesagt: der gesunde Menschenverstand. Unternehmen sollten einen gesellschaftlichen Diskurs führen und Moral nicht als Kosten- sondern Produktionsfaktor begreifen: Authentizität ist ein Verkaufsargument. Der Kampf um Akzeptanz wird täglich ausgetragen, Unternehmen müssen starke Korrektive etwa im Vorstand einführen - und sie beachten. Im Eigeninteresse: Nach dem Soziologen Max Weber kann nur eine legitime Macht dauerhaft mit Akzeptanz rechnen.

Gefordert ist die Politik, die im Staat Vorrang vor der Ökonomie hat. Notwendig sind nicht nur neue oder strengere Gesetze, die Schlupflöcher stopfen. Unternehmen müssen laut Wirtschaftsethiker Peter Ulrich auch aus dem Dilemma befreit werden, gegen ihre eigenen Interessen zu verstoßen. Politik muss Handelnde belohnen, ethisch gut zu sein. Die gesellschaftliche Moral und ethische Orientierung ist unberechenbar: Die Aufmerksamkeit um Shell verschwand schnell.

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22.04.2016, 06:00 Uhr

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