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Kaum ein Stein blieb auf dem anderen

Nur die Ammer blieb in ihrem alten Bett

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ging es vor dem Schmiedtor offenbar noch recht geruhsam zu. Etwa ein Dutzend Fußgänger sind auf der Straße unterwegs, Wägen und Fuhrwerke sind weit und breit keine zu sehen. Auf der Brüstung des alten Steinbrückchens über die Ammer haben es sich zwei Jungen mit einem Netz und zwei Dienstmädchen mit weißen Schürzen bequem gemacht.

27.08.2005
  • Antje Zacharias, Stadtarchiv Tübingen

Über diese Brücke rollte noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der gesamte Verkehr aus Stuttgart und Herrenberg durch das Schmiedtor in die Stadt.

Mittelpunkt der alten Ansicht ist die ehemalige Hölderlinschule am Stadtgraben. Sie wurde nach Entwürfen von Stadtbaumeister Hermann Lenz unter großen Opfern der Stadt für die Evangelische Mädchenschule errichtet. Das Gebäude umfasste acht geräumige Schulsäle und war das erste moderne Schulhaus Tübingens überhaupt.

Nur die Ammer blieb in ihrem alten Bett
Blick über die 1904 abgebrochene Steinbrücke hinweg auf die 1997 abgebrochene Hölderlinschule. Rechts neben der Schule das ebenfalls nicht mehr existierende Gasthaus zum Hasen.

In der „Tübinger Chronik“ wurde die feierliche Einweihung vom 1.Mai 1882 detailliert geschildert: Nach einem Festgottesdienst in der Stiftskirche formierte sich ein Zug der Kinder vor dem alten Schulhaus in der Münzgasse. Von dort ging es dann hinunter zum neuen Gebäude am Stadtgraben, wo Stadtschultheiß Goes der Lehrerschaft formell den Schlüssel übergab. In einer kurzen Rede wandte er sich an die Kinder und sprach von den „lichten und hellen Räumen“ , die man geschaffen habe, damit es „Licht werde in Eurem Geiste (. . .) und wie die Sonne freundlich in dieses Haus dringt, so sollen auch Euch die Strahlen der Erkenntnis des Schönen, Edlen, Wahren erwärmen.“

Im weiteren Verlauf des Stadtgrabens ist links neben der Hölderlinschule ein Walmdach zu sehen. Dieses gehört zur katholischen Volksschule, welche 1872/ 73 von der katholischen Kirchengemeinde auf einem von der Stadt kostenlos überlassenen Grundstück erbaut wurde. Damit ging der lang gehegte Wunsch der katholischen Minderheit von einem eigenen Schulhaus in Erfüllung. 1936 erhielt die Schule den Namen Uhlandschule, zum gleichen Zeitpunkt wurde auch die evangelische Mädchenschule in Hölderlinschule umgetauft.

Hinter dem Dach der Uhlandschule erhebt sich der Turm der Salemskirche. 1885 feierte dort die Evangelische Gemeinschaft erstmals einen Gottesdienst. Heute wird das Kirchlein in der Hinteren Grabenstraße von der Hahnschen Gemeinschaft genutzt.

Nur die Ammer blieb in ihrem alten Bett
Die Grabenstraße heißt jetzt Hinter dem Graben, tonangebend ist dort ein modernes Geschäftshaus. Anstelle des „Hasen“ steht ein Wohn- und Geschäftshaus, das auf dem Foto nur halb zu sehen ist.

Rechts neben der Schule, vor dem Gasthaus zum Hasen, befindet sich eine kleine umzäunte Grünanlage, die laut Gemeinderatsprotokoll von 1881 mit Ruhebänken bestückt werden sollte. Auf dem linken Foto sind Leitern und Kletterstangen zu erkennen. Sie deuten darauf hin, dass zur Zeit der Fotoaufnahme die Anlage als Turn- oder Spielplatz für die Schulen genutzt wurde.

Schon nach nach der alten Aufnahme – im Jahr 1904 – wurde das alte Steinbrückchen abgebrochen und durch eine breitere Brücke ersetzt. Die Hölderlinschule erhielt 1905 ein drittes Stockwerk mit weiteren vier Klassenzimmern, da die Zahl der Schülerinnen weiter gewachsen war.

Inzwischen sind hundert Jahre vergangen und die Schmiedtorkreuzung hat sich zu einer lebhaften Verkehrsknoten entwickelt. Aber nicht nur die Straßen wurden den modernen Bedürfnissen angepasst, auch die Gebäude entsprachen nicht mehr dem Zeitgeschmack. Bereits beim Abbruch des Gasthauses zum Hasen im Jahr 1965 gab es Überlegungen zur Zukunft der Hölderlinschule. Jedoch dauerte es noch bis 1997, bis sie mit der benachbarten Uhlandschule das gleiche Schicksal teilen musste.

Nach einem Wettbewerb entstand auf beiden Brachflächen ein großes Geschäfts- und Wohnhaus mit Turm, das vom Jahr 2000 an sukzessive bezogen wurde. Der von dem Investor Capital Consulting finanzierte und von den Architekten Panzer, Rädle und Hess entworfene Bau war heftig umstritten, da er auf die Maßstäblichkeit und Formensprache der nahen Altstadt keine Rücksicht nahm.

Am linken Bildrand der älteren Bildansicht ist das Gebäude Rümelinstraße 4 , auf dem aktuellen Bild (rechts) die Rümelinstraße 2 zu sehen. Nummer 4 wurde 1886 von dem Werkmeister Franz Josef Bärtle errichtet. Dann entwarf um 1905 des Werkmeisters Sohn, der Architekt Franz Bärtle, für den vorgelagerten Garten das Eckhaus Rümelinstraße 2. Ursprünglich war die Fassade mit hölzernen Schindeln bekleidet. Vor ein paar Jahren jedoch wurden diese entfernt, weshalb jetzt, wie das aktuelle Foto belegt, das Konstruktionsfachwerk sichtbar ist. Einzig die Ammer hat, zumindest in der beschriebenen Zeitspanne, alle Umgestaltungen überstanden und fließt in ihrem Bett wie vor hundert Jahren.

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27.08.2005, 12:00 Uhr

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