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Nur die Liebe fehlt
Große Stimme in einer kurzen Show: Mariah Carey live. Foto: Getty Images / Neil Lupin
Mariah Carey speist ihre Fans in München mit einem kurzen Konzert ab

Nur die Liebe fehlt

War die Diva beleidigt, passte das Kleid nicht? Fast zwei Stunden ließ Mariah Carey ihre lediglich 4500 Zuhörer in der Münchner Olympiahalle auf sich warten. Um dann eine abgespeckte Show zu liefern.

16.04.2016
  • LENA GRUNDHUBER

Wenigstens einer hat alles richtig gemacht: Der Kollege eine Reihe weiter hinten hat sich eine große deutsche Tageszeitung mitgebracht und liest das Blatt, ohne aufzublicken, stoisch von vorne bis hinten durch. Kommt man ja sonst nicht dazu. Und viel zu sehen gibt es sowieso nicht, denn fast zwei Stunden lang passiert in der Münchner Olympiahalle bis auf DJ-Gedudel und Selfie-Shootings rein gar nichts. München ist "without her", Superstar Mariah Carey lässt sich nicht blicken.

Als man den Pfandbecher das dritte Mal nachgefüllt hat - der Kollege von hinten dürfte inzwischen gemütlich beim Kreuzworträtsel angekommen sein -, werden die Scherze langsam böser. Ist jetzt wirklich das Kleid geplatzt, oder holen sie noch ein paar Leute aus dem Olympiapark, um wenigstens die ersten Reihen im Publikum ganz vollzukriegen?

4500 verkaufte Tickets sind schon eine Majestätsbeleidigung für eine Pop-Königin Mitte bis Ende 40, die mehr als 200 Millionen Platten verkauft hat. Eine Klage kann man in diesem Fall zwar nicht anstrengen, aber ein bisschen bestrafen kann man so ein Publikum, das auch noch die Frechheit besitzt, unbotmäßig zu pfeifen und zu buhen, um an sein Konzert zu kommen.

So gegen Viertel nach neun schlurfen ein paar Gestalten auf die Bühne, man kann nur hoffen, es handelt sich um die Band. Weitere zehn Minuten später bequemt sich die Diva dann höchstselbst zum Auftritt. Man muss das so ausführlich schildern, schließlich nimmt das Warten den größten Teil des Abends ein. Die Show, auf die Mariah Careys deutsche Fans 13 Jahre lang gewartet haben, dauert gerade mal 75 Minuten. Bei Ticketpreisen von über 60 bis zu mehr als 200 Euro grenzt das an eine Unverschämtheit.

Dabei muss Mariah noch nicht einmal selber die Bühne erklimmen: Sechs junge Tänzer tragen die Dame im Glitzerbody auf die Bühne. Was albern, aber egal ist, denn bis zu "My All" hat man sich fast wieder mit ihr versöhnt, beziehungsweise mit ihrer Stimme. Mariah Carey nutzt die ersten paar Songs, um fast schon aggressiv klar zu machen, dass sie es immer noch kann. Die berühmten fünf Oktaven gehen der 46- oder 47-Jährigen (die Angaben variieren) noch ziemlich geschmeidig rauf und runter. Und das muss als Message auch genügen, denn die für diesen Abend offensichtlich zusammengestutzte "Sweet Sweet Fantasy"-Show gibt bis auf ein paar Verweise auf allesamt tote Musikerkollegen dramaturgisch nicht viel her. Eine schöne Retro-Hommage an Michael Jackson mit "Rock With You" performt Trey Lorenz solo mit den Tänzern, die ansonsten so freundlich sind, ihre nackten Six Packs regelmäßig für die Gestaltung von Mariahs Umziehpausen einzusetzen. Der Star selbst singt im Duett mit der verstorbenen Whitney Houston auf Großbildleinwand "When You Believe". Ein Moment, den man in seiner abgelebten 90er-Jahre-Glamour-Nostalgie traurig finden kann, schön klingen tut die doppelte Damenpackung trotzdem. Der R&B-Block im Mittelteil dagegen wird seltsam fragmentiert abgefeiert, und ausgerechnet bei "Touch My Body" erreicht Mimi dann den Gipfel der Lustlosigkeit: Ein auf die Bühne geholter Zuschauer wird einmal angetatscht und dann so schnell wieder hinunterkomplimentiert, wie Mariah die Seidenstrümpfe abstreift. "I love you too", sagt sie mehrmals. Das hier sieht aber eher aus wie "lass uns Freunde bleiben".

Für mehr reicht es halt nicht an diesem Abend. Nicht einmal "Against All Odds", die Nacht zuvor in Köln noch zu hören, gönnt Mariah Carey ihrem Publikum, das ihr trotzdem erstaunlich gewogen ist. Für die Münchner müssen "Hero" und "Without You" reichen. Ein Hauch von Sonnenuntergang, ein paar Tropfen stürmische See flackern noch über die Leinwand, doch bevor die letzten Selfies geschossen sind, gehen die Lichter im Saal auch schon wieder an. Man verzupft sich pronto, bevor sie einen rauskehren, und hat grad noch Zeit, das Fazit eines Zuhörers aufzuschnappen: "Singen kann sie schon." Stimmt. Aber man fragt sich irgendwie, warum sie es tut.

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16.04.2016, 06:00 Uhr

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