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Fachtagung thematisierte Ansätze gegen Diskriminierungen

Nur die Spitze des Eisbergs

150 Teilnehmer haben gestern im Reutlinger franz. K über die Umsetzung des Antidiskriminierungsgesetzes auf kommunaler Ebene diskutiert.

07.12.2012
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Seit 2006 bietet das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz des Bundes Diskriminierungsopfern eine rechtliche Handhabe. Doch das Gesetz „zeigt nur die Spitze des Eisbergs“, ist die Stuttgarter Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) überzeugt. Nur wenige gehen zur Beratung, die Stellen sind kaum bekannt oder nicht vorhanden, und nur selten klagen Opfer vor Gericht, sagte Altpeter gestern im franz. K.

„Wir haben den Finger in die richtige Wunde gelegt, aber das Problem ist noch lange nicht gelöst“, fand die Ministerin. Diskriminierung sei weiter ein Alltagsphänomen. Ältere hätten schlechtere Jobchancen, Kinder aus Einwandererfamilien schlechte Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss, eine Studie berichte von „blankem Hass“ auf Minderheiten in konservativen und bildungsfernen Milieus. Und Schimpfworte „ auf den Pausenhöfen und in der Erwachsenenwelt“ richteten sich gegen die sexuelle Orientierung.

„Wir benötigen niederschwellige Angebote, Beratung und Information“, erklärte Altpeter. Die grün-rote Regierung setze sich für anonymisierte Bewerbungen ein, kämpfe für die Frauenquote in Führungsetagen sowie für gleiche Löhne. Doch „wir brauchen auch eine andere Grundhaltung in der Bevölkerung“, sagte die Ministerin. Sie versprach, was Moderator Andreas Foitzik aufmerksam hörte: „Wenn wir Sie unterstützen können, dann kommen Sie gerne auf uns zu.“ Foitzik glaubt, dass das Reutlinger Büro gegen Diskriminierung ein landesweites Pilotprojekt werden könne (siehe Kasten).

Der Reutlinger Sozialbürgermeister Robert Hahn verwies auf das städtische Integrationskonzept, in dem unter anderem steht: „Diskriminierung von Zuwanderern oder Rassismus haben keinen Platz in Reutlingen.“ Hahn begrüßte den Beschluss der Landesinnenminister, ein erneutes NPD-Verbotsverfahren zu starten.

Der Einsatz gegen Diskriminierungen liege der Landkreisverwaltung „auf allen Ebenen sehr am Herzen“, sagte Sozialdezernent Andreas Bauer. Der Kreis wolle in der Gesellschaft „eine positive Grundhaltung schaffen“ und „sehr dicke Bretter bohren“. Bauer relativierte indes das Ziel des Runden Tischs: „Wir müssen gemeinsam überlegen, ob die Eins-zu-eins-Übertragung der Beratungsstrukturen aus Berlin der passende Weg für unseren Kreis ist.“

Der Tübinger Filmemacher Harald Sickinger arbeitet derzeit an einem Film, der Reutlinger Stimmen zu alltäglichen Diskriminierungen sammelt. Der Film soll im Frühjahr im franz. K gezeigt werden. Sickinger führte Originaltöne vor. Es komme häufig vor, dass Migranten nicht in Diskos eingelassen oder von der Polizei kontrolliert würden, sagte ein Betroffener. „Am schlimmsten finde ich’s im Alltag. Man wird verdammt oft schief angeguckt.“

Vorträge und Workshops rundeten das sechsstündige Programm der Fachtagung ab.

Nur die Spitze des Eisbergs
Die Stuttgarter Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD), hier bei der Begrüßung im franz. K mit Pfarrer Lothar Bauer, dem Vorstandsvorsitzenden der Bruderhaus-Diakonie (links), und Andreas Foitzik vom veranstaltenden Runden Tisch (rechts).Bild: Haas

Ein Runder Tisch aus 20 Sozialträgern, Initiativen und Personen will professionelle Strukturen gegen Diskriminierung aufbauen. Erstes Projekt war die gestrige Tagung. Ziel ist ein wie auch immer geartetes Büro, das für Stadt und Kreis Reutlingen zuständig ist. Es soll sich nicht auf das Thema Migration beschränken, sondern sich auch um Armut, Behinderung, sexuelle Orientierung, Geschlecht und Religion als Ursachen von Diskriminierung im Alltag kümmern. Die beteiligten Initiativen wollen bei sich selbst beginnen und dann Betriebe und Institutionen sensibilisieren. Ein wichtiges Instrument ist „Empowerment“ – Selbstermächtigung, damit sich die Opfer gegen Diskriminierungen wehren.

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07.12.2012, 12:00 Uhr

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