Horb · Ausbildung

Nur jeder zweite besteht

Schienen und Loks begeistern ihn seit frühester Kindheit: Martin Braun bildet im Bahnhof Horb Lokführer aus, damit endlich weniger Züge ausfallen.

15.02.2020

Von Frank Wewoda

Martin Brauns Firma bildet Lokführer aus. Bilder: Karl-Heinz Kuball

Lokführer sind rar in Deutschland. Der Mangel zeigt sich in der Region um Stuttgart, Tübingen und Horb immer häufiger durch Züge, die planvoll aus dem Fahr-Plan gestrichen werden, aktuell wieder zwischen Horb und Tübingen. Der Grund dafür ist schlicht: Es gibt nicht genug Lokführer. Diesem für den öffentlichen Nahverkehr rufschädigenden Zustand möchte die Landesregierung abhelfen (siehe Kasten). Durch die Privatisierung des Bahnverkehrs und den neu auf der Bildfläche aufgetauchten privaten Unternehmen wie etwa „Abellio“, „Go Ahead“ und „Flixtrain“, hat die Deutsche Bahn auch Konkurrenz beim Anwerben von Lokführern bekommen. Diese Nachfrage unter anderem bedient Martin Braun mit seiner eigenen Firma „Bahn PT“. Sie bildet im zweiten Stock des Horber Bahnhofsgebäudes Lokführer aus, ist aber auch in der Leiharbeit tätig und vermittelt ausgebildete Fachkräfte an Unternehmen mit kurzfristigem Bedarf.

Die Sprache als Hürde

Flüchtlinge zu Lokführern auszubilden, wie von der Landesregierung seit 2019 versucht (siehe Kasten), sei schwierig. Die Sprach stelle oft eine hohe Hürde dar, an der auch ein Flüchtling bei Martin Braun gescheitert ist. „Als Azubi kannst dir erst nicht vorstellen, wie komplex die Ausbildung ist“, erzählt Sven Egle, 50 Jahre alt. Er hat gerade im Trainings-Führerstand Platz genommen. Der entspricht exakt den realen Maßen hinter der Frontscheibe einer Lokomotive. Wie in der echten Lok sitzt er auf einem federnden Sessel, vor ihm bauen sich Geschwindigkeitsanzeigen und drei weitere Bildschirme des Führerstands auf. Im Trainingsraum wird mit Hilfe eines Großbildschirms das Führen eines Zugs simuliert. „Hier kann man Störungen einbauen, die ans Eingemachte gehen“, erzählt Martin Braun, Geschäftsführer von „Bahn PT“. Eine Zwangsbremsung sei so ein Fall. „Wir können auch entgleisen“, ergänzt Braun. Nachdem kürzlich der Intercity aus Konstanz vor der Einfahrt in den Horber Bahnhof nur wenige Meter entfernt von hier aus den Schienen gesprungen ist, mutmaßlich wegen einer beim Überfahren verstellten Weiche, sind sich die Schüler der realen Gefahr dieses Übungsfalls so bewusst wie nie. Zugunglücke wie das 2016 in Bad Aibling mit zwölf Toten sind äußerst selten, bleiben aber um so mehr in Erinnerung. Menschliches Versagen im Stellwerk war hier die Ursache. Die Darstellung am Bildschirm vor Martin Braun und seinem Schüler ist fotorealistisch, als ein schwarzer Mercedes von der linken Flachbildschirmseite nach rechts auf die an der Wand dargestellten Gleise rollt, selbst die Felgen sind klar zu erkennen.

Sven Egle war Automechaniker, wird nun zum Lokführer umgeschult. „Wenn man will, geht alles“, sagt er optimistisch. „Ein Unfall mit Personenschaden“, antwortet er auf die Frage nach der größten Angst. Wie anspruchsvoll die Ausbildung für viele ist, zeigt sich an der Durchfallquote: Rund 50 Prozent bestehen die Prüfung nicht. Das stellen sich viele, die sich für die Ausbildung interessieren ganz anders vor: „Geradeaus fahren kann doch jeder“, so beschreibt Egle das typische Missverständnis, dem auch er erst aufgesessen war. Das ist inzwischen aber einer realistischen Einstellung gewichen – und großem Lerneifer. Er müsse schon viel Freizeit opfern. Einer der Ausbilder in Martins Brauns Firma ist der Oberndorfer Christopher Richter. Er sitzt ohne Sichtkontakt zu seinem Schüler im Nebenraum und tut so, als säße er im Stellwerk, das Anweisungen gibt. „Du hast vorläufig beschleunigt, du musst aufpassen, du bist zu schnell geworden“, spricht Richter, nun wieder in der Rolle des Ausbilders, in sein Headset. „Ist das Thema so weit geklärt?“, fragt er.

Blick auf das Horber Gleisfeld

Für die Theorieausbildung gibt es ein Klassenzimmer mit Blick auf das Gleisfeld des Horber Bahnhofs. Der Chef im Schulungsbetrieb, Martin Braun, ist Bahner aus Leidenschaft, von klein auf. Lokführer zu werden war sein Kindheitstraum. In Pfalzgrafenweiler ist er aufgewachsen, hier waren die nächsten Bahnhöfe in Dornstetten und Schopfloch für ihn Orte der Sehnsucht, die er in jeder freien Minute besuchte. Bereits als 12-Jähriger Hauptschüler schaute er regelmäßig in der Bundesbahndirektion in Stuttgart vorbei, um sich zu erkundigen, wie er Lokführer werden könne. „Die kannten mich schon lange sehr gut. Ich war dann der Erste mit einem Ausbildungsvertrag bei der Deutschen Bahn“, erzählt er stolz. Beim einstigen Staatsbetrieb „Bundesbahn“ hätte ihm nach der Ausbildung im Lokführerstand eine Beamtenstelle gewinkt. Dann wäre er heute sicher nicht Geschäftsführer seiner eigenen Firma, sagt er, so habe das durchaus sein Gutes gehabt.

Was 1994 aber gefragt war: technisches Verständnis. Voraussetzung für die Ausbildung zum Lokführer war eine erste Ausbildung im technischen Bereich. So ließ sich Braun erst zum Industriemechaniker ausbilden im Bahn-Betriebswerk „Stuttgart 1“ Nach seiner 18-monatigen Ausbildung zum Lokführer saß er bis 2006 im Führerstand. Dann begann seine zweite Laufbahn als Trainer in Stuttgart später als Mitarbeiter in der zentralen Verkehrsleitung in Frankfurt.

Neben dem heutigen Ausbilder und dem Experten für technische Bahnfragen gibt es vor noch den Bahnromantiker Martin Braun, in dem das Kind mit dem Lokführer-Traum so lebendig ist. Von dieser Leidenschaft erzählt heute ein ungewöhnliches Ausstellungsstück im Garten: Ein Schienenbus „VT 798“ der Baureihe 103, Baujahr 1955, der einst in Sinsheim und Eppingen im Linienverkehr fuhr. Hier atmet und spürt Braun Nostalgie, fasst etwa beherzt an die Kupplung seines Kleinods, streicht über die Bremsleuchte. Die Leidenschaft lässt den 46-Jährigen selbst in der Freizeit nicht los. Es hat sich nicht viel geändert seit seiner Kindheit.

Angehende Lokführer drücken im zweiten Stock des Horber Bahnhofsgebäude die Schulbank.

Martin Braun

Sven Egle

Zugausfälle aus Mangel an Lokführern

Von 8. Februar bis 5. April fallen in Herrenberg, Horb und Tübingen sowie von Tübingen in Richtung Stuttgart Verbindungen aus, „um den Zugverkehr in der Region zu stabilisieren und somit kurzfristige Zugausfälle zu verringern“, wie es in einer Pressemitteilung der Bahn heißt. Sie schließt mit den lapidaren Worten: „Fahrgäste nutzen bitte die nicht von Ausfällen betroffenen Züge.“ Bereits im Dezember hatte die Bahn den Fahrplan ausgedünnt, da viele Fahrten durch Personalmangel ausgefallen waren: Wie ein Bahnsprecher auf Nachfrage sagte, werde derzeit neues Personal für die betroffenen Strecken aus- und fortgebildet, so dass nach dem 5. April wieder ausreichend Lokführer vorhanden seien, um den „Normal-Fahrplan“ einzuhalten. „Es werden dringend zuverlässige Lokführer gebraucht, um die Stabilität des Fahrbetriebs zu gewährleisten“, sagt auch Verkehrsminister Winfried Hermann. Das baden-württembergische Verkehrsministerium startete im Frühjahr 2019 eine Initiative, um Flüchtlinge zu Lokführern auszubilden. Nach rund 15 Monaten sollen Menschen mit geklärtem Aufenthaltsstatus,die über hinreichende Deutschkenntnisse verfügen, ins Führerhaus steigen.

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Erstellt:
15. Februar 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Februar 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2020, 01:00 Uhr

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