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„Nur nicht alles ausbreiten“
Es gibt interessantere Wesen als den Menschen, meint der Romancier Marcel Beyer. Foto: Ullstein
Literatur

„Nur nicht alles ausbreiten“

Verschönerte Wikipedia-Artikel nehmen in Romanen immer mehr Platz ein, sagt der Autor Marcel Beyer, der jetzt den Georg-Büchner-Preis erhält.

04.11.2016
  • ULRICH RÜDENAUER

Dresden. Morgen wird Marcel Beyer mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes, dem Georg-Büchner-Preis, ausgezeichnet. Der im Zollernalbkreis geborene Autor reiht sich damit in eine illustre Gruppe von Schriftstellern ein – von Gottfried Benn über Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson bis zu Rainald Goetz. Er interessiert sich fürs tagespolitische Geschehen, mischt sich auch mit Reden und in Interviews in aktuelle Debatten ein – sein bereits sehr imposantes Werk aber zeugt von einem großen Geschichtsbewusstsein, blickt unter die Oberflächen und gräbt in tieferen Zeitschichten.

Herr Beyer, denken Sie ein paar Jahre zurück: Wenn ein junger Schriftsteller an den Punkt kommt, wo es nicht weiterzugehen scheint, wie wichtig ist dann Ermutigung von außen?

Marcel Beyer: Die Frage ist eher eine andere: Bleibt das Schreiben für einen selber eine Herausforderung, bleibt es für einen selber spannend, gibt es einen dunklen Horizont, auf den man sich zubewegt, der aber immer gleich dunkel bleibt, gleich verlockend? Natürlich braucht man Durchhaltevermögen. Man muss ja auch Zeiten durchstehen, in denen es keine Aufmerksamkeit gibt. Heute glaube ich, dass es gar nicht so sehr die frühen Jahre sind, in denen man ins Stocken gerät. Für viele Kollegen sind eher die mittleren Jahre, das Alter zwischen 45 und 65 problematisch.

Wie wichtig war die Lektüre bei der Entwicklung Ihres eigenen Schreibens?

Man lernt im Austausch mit Büchern zunächst, welche Möglichkeitsräume es gibt. Man erfährt etwa, dass in einem Prosabuch nicht immer nur langer, fader Dialog über Alltagsquatsch stattfinden muss. Oder dass die gesellschaftliche Sphäre, nach deren Reflexion die Kritik ruft, auch kaltschnäuzig beiseitegelassen werden kann. Und Bücher leiten dich außerdem immer weiter an andere Bücher.

Wenn man sich intensiv mit Büchern und Autoren beschäftigt, entsteht ein Sog. Irgendwann muss man dem entkommen, eine eigene Stimme finden. Wie verläuft dieser Prozess?

Das hängt zusammen mit dem Durchhaltevermögen beim Probieren. Ich habe 1980 begonnen zu schreiben, und ich könnte Ihnen anhand der damaligen Manuskripte immer bis aufs Buch genau sagen, was ich gerade gelesen habe. Von 1988 an hatte ich dann das Gefühl, dass nicht mehr gewissermaßen meine Lektüre mich treibt im Schreiben, sondern dass ich anfangen kann, eigene Lektüreerfahrungen selber wieder als Werkzeug einzusetzen. Ob das dann eine eigene Stimme ergibt oder was das für eine Stimme ist, spielt erst einmal gar keine Rolle. Eine Rolle spielt jedoch, dass man bei der Arbeit souverän mit den Lieblingen umgeht. Bis heute nutze ich Lieblingsautoren und Lieblingsbücher, um in eine bestimmte Schreibspur zu kommen. Wenn ich an einem Text sitze und das Gefühl habe, ach, die Satzstrukturen und Satzabfolgen sind nicht so, wie ich das will, das ist alles so matt und grau und leuchtet nicht, dann lese ich schon mal zwei Seiten Claude Simon oder Friederike Mayröcker und merke, wie sich da die Satzstrukturen ganz einfach ergeben. Das führt mich dann ins eigene Schreiben.

Wie läuft Ihre Arbeit konkret ab?

Ich mache mir immerzu Notizen. Und ich freue mich zum Beispiel über die Einladung, einen Vortrag zu halten oder einen Essay zu schreiben, weil ich dann gewissermaßen heimlich bestimmte Konstellationen und Motive auf zehn, 20 Seiten testen kann. Oftmals entsteht so das Gefühl, dass noch nicht alles gesagt ist, dass erst langsam etwas anfängt zu gären. Insofern sind Notizen für kleinere Arbeiten immer wichtig, weil sich daraus größere Sachen entwickeln können.

Sie beschäftigen sich öfter mit zoologischen Themen. Wie kommt es zu dieser Nähe zu den Tieren, zu den Naturwissenschaften?

Für mich findet sich das Scharnier zwischen meiner Arbeit und der Arbeit eines Naturwissenschaftlers immer dort, wo man ein Forschungsobjekt vor Augen hat. Was mich daran sehr interessiert oder vielmehr erleichtert ist, dass nicht immer dieses blöde Ich im Zentrum stehen muss. Was mir unheimlich gut gefällt im Gespräch mit Zoologen: Sie haben alle keine Schwierigkeiten damit, dass der Mensch nicht im Zentrum der Welt steht. Im Gesamtökosystem gibt es Wesen, die wahrscheinlich viel interessanter und geheimnisvoller sind als der Mensch, und diesen Geheimnissen nachzugehen, um immer wieder auf neue Geheimnisse zu stoßen, und sich Fragen zu beantworten, nur damit man wieder auf neue Fragen kommt, das reizt mich als Lebenshaltung sehr und treibt mich auch an beim Schreiben.

Besteht zuweilen die Gefahr, zu viel Wissensballast einzubauen?

Ja, ich bin einfach so schreib- und sprachfixiert, dass ich mir das angeeignete Wissen nochmal erschreiben muss: Plötzlich fängt eine Figur an und hält einen komischen Vortrag für Laien. Es können Wochen vergehen, bis mir dann klar wird: weg damit. Es gibt ja sehr schöne Sachbücher, in denen das alles erzählt werden kann. Im literarischen Text geht es aber nicht darum, dass der Autor alles ausbreitet, was er weiß. Bei anderen Autoren fällt mir zuweilen die Tendenz auf, dass verschönerte Wikipedia-Artikel immer mehr Raum einnehmen in Romanen. Figuren und echte Menschen aber erzählen keine Wikipedia-Artikel.

Und dann wird gestrichen. Sie können Ihrem eigenen Text gegenüber also skrupellos sein?

Ja, natürlich. Radikal und skrupellos. Das ist das Tolle: Weil ich es selber gebaut habe, darf ich es auch kaputt machen. Das ist wirklich etwas ganz Kindliches – was ich aus Lego gebaut habe, darf ich auch zerstören. Jemand anderer darf es nicht, aber ich darf das. Das macht doch Riesenspaß.

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04.11.2016, 06:00 Uhr

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