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Nur sechs Prozent wählen Trump
Eine Besucherin der Wahlparty der IHK Stuttgart hatte sich einen Haarschmuck in den Farben der US-Flagge und Sterne ins Haar gebunden. Foto: dpa
Wahlparty in Stuttgart

Nur sechs Prozent wählen Trump

Bei der Stuttgarter „Election Night“ blicken Hunderte bis in die Morgenstunden gebannt auf die Leinwand. Wäre es nach ihnen gegangen, wäre Hillary Clinton nun neue US-Präsidentin.

10.11.2016
  • DPA

Stuttgart. Die Popcornmaschine ist fast leer, und Donald Trump wird zum Gewinner der Wahl im US-Bundesstaat West Virginia erklärt. Für einen Moment übertönt lauter Jubel den CNN-Sprecher auf der Leinwand. Aber es sind nur eine Handvoll Menschen, die ihre Fäuste wie Sieger in die Höhe recken. Der Rest der rund 300 Menschen, die gegen zwei Uhr in dem rot-weiß-blau-geschmückten Saal in Stuttgart ausharren, starrt weiter gebannt auf den Livestream, während die Landkarte der USA sich Stück für Stück in den konkurrierenden Parteifarben rot und blau verfärbt.

„Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass so viele um die Zeit noch da sind“, sagt Christiane Pyka. Die Direktorin des Deutsch-Amerikanischen Zentrums, das die Wahlparty veranstaltet, ist zufrieden: Von den 800 angemeldeten Teilnehmern waren ihren Zählungen zufolge die meisten gekommen. „Es ist lustiger, als die Nacht alleine vor dem Fernseher zu verbringen“, sagt Michael Kempf. Dort hat der 61-Jährige, wie er sagt, seit 1992 jede US-Wahl verfolgt. Der Wahlkampf in den USA sei schon seit jeher „nicht so inhaltlich geprägt“ wie der hierzulande. „Aber diesmal haben sie noch eins draufgesetzt.“

Bei Donuts, Nachos und amerikanischer Limonade verwandelte sich das holzgetäfelte Innenleben der Stuttgarter Industrie- und Handelskammer für die Wahlnacht zu einem amerikanischen Außenposten. Zwischen zwei lächelnden und lebensgroßen Papp-Aufstellern der Kandidaten bieten auf der Bühne debattierende Schüler, Politikwissenschaftler und Komiker Kontext zur Wahl. Ein schwäbisches Duo klampft mit Banjo und Gitarre Südstaaten-Musik. Die roten und blauen Anstecker mit Kandidaten-Konterfei, die man am Eingang kaufen kann, erfreuen sich großer Beliebtheit – ebenso wie die Wahlurne, an der Besucher abstimmen können.

Eine Meinung hat an diesem Abend fast jeder. „Ich will, dass Trump gewinnt, weil er einfach besser ist als die Clinton“, sagt der 65-jährige Unternehmensberater Lothar Ziegler. „Er ist von der Mentalität ein Macher und Geschäftsmann.“ Clinton sei das nicht: „Die hat das Gen nicht, dazu muss man geboren sein.“ Für die Studentinnen Rebecca und Christine ist dagegen klar: Sie sind für „Clinton, weil sie moralisch deutlich besser ist als Trump“. Trump sei für sie nicht wählbar, frauenfeindlich und rassistisch. „Aber Clinton ist auch nicht die Kandidatin, die man sich vorstellt“, sagt eine der 19-Jährigen.

Eine Gruppe Zwölftklässler eines Stuttgarter Gymnasiums ist sich fast einig: Clinton sei das kleinere Übel. Nur Stufensprecher Robin widerspricht: „Hillary ist ein größeres Übel als Trump.“ Trumps Standpunkt wisse man, Clinton traut er dagegen nicht. Den vor der Nominierung ausgeschiedenen Kandidaten Bernie Sanders „habe ich echt geliebt“, sagt der 19-Jährige. Jetzt prangt an seiner Brust der rote Button mit Trumps Profil.

„Ob man es mag oder nicht, Trump hat da etwas angezapft“, sagt Michael Pierce. Der Chicagoer lebt seit 18 Jahren in Deutschland, bei der Wahlparty vertrat er die Republikaner bei einer Podiumsdiskussion auf der Bühne. Das Interesse der Deutschen an der Wahl überrascht ihn dennoch, sagt er.

Den Exil-Amerikaner Bryan Groenjes dagegen erstaunt die Anteilnahme nicht. „Ich wohne hier seit 20 Jahren, ich kriege die Begeisterung der Deutschen für die Amerikaner mit“, sagt der Architekt. Die Wähler Trumps vergleicht er mit denjenigen, die in Deutschland für die AfD stimmen. „Die Leute, die das wählen, wollen das System kaputt machen und neu anfangen“, sagt er. „Aber das ist nicht meine Vorstellung von Neuanfang.“

Wenn man die Zwölftklässler fragt, ob sie auch in Deutschland Trump wählen würden, schütteln alle entrüstet den Kopf – auch diejenigen, die einen roten Anstecker tragen. Der 18-jährige Tim drückt es so aus: „Deutschland hat ein normales politisches System, da kann man auch normal protestwählen“, sagt der Schüler. „Man muss keine Rechten wählen.“

Dass der neue US-Präsident Donald Trump heißt, ist in den frühen Morgenstunden noch ungewiss, die politischen Verhältnisse im Stuttgarter Saal dagegen sind klar: Bei der Abstimmung der Gäste wählten 77 Prozent Clinton, nur sechs Prozent stimmten für Trump. Wahlfan Kempf trägt einen blauen Button mit dem Profil von Clinton am Revers, seine Partnerin trägt den roten Button mit dem Gesicht von Trump auf der Strickjacke. „Das hat nichts zu bedeuten“, sagt sie lachend. Die beiden haben einen von jedem Kandidaten mitgenommen. Christina Peters, dpa

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10.11.2016, 06:00 Uhr

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