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Kommentar · K.O.-Tropfen

Nur wenige Opfer erstatten Anzeige

Schaut man in die Polizeistatistik, gibt es in Tübingen kein Problem mit K.O.-Tropfen. Es gibt kaum Anzeigen.

01.01.2015
  • Angelika Bachmann

Und wenn doch, verläuft der Fall meist im Sand. Die Betroffenen kommen, wenn überhaupt, erst am nächsten Tag zur Polizei – da lässt sich die Substanz im Blut längst nicht mehr nachweisen. Zudem nehmen die Fälle in der Polizei-Akte meist eine typische Wendung. Die Argumentation der Polizei ist simpel: Nach drei Bier und zwei Schnäpsen brauche man sich nicht zu wundern, wenn man einen Filmriss hat. Da seien nicht die K.O.-Tropfen Schuld – da hat sich jemand die Kanne gegeben.

Die Realität sieht oft anders aus. Und sie betrifft junge Leute, die am Wochenende in Clubs und Kneipen ausgehen wollen und – ja, natürlich – auch was trinken! Sie betrifft übrigens immer häufiger auch Männer. Ihnen wird eine Substanz verabreicht, die ihnen das Bewusstsein raubt. Die sie willen- und wehrlos macht. Das ist Körperverletzung.

Auf die vier in unserem Artikel geschilderten Fälle wurde das TAGBLATT ohne großen Rechercheaufwand aufmerksam. In wenigen Gesprächen zeigte sich: Fast jeder kennt jemanden, der ähnliche Erlebnisse schildern kann wie die Studentinnen. Viele Erzählungen enden mit dem Satz: „Ich weiß nicht, was es war. Aber es war anders als alles, was ich bislang erlebt habe, wenn ich betrunken war.“ Und niemand war mit seinen Berichten bei der Polizei.

Das sollte zu denken geben. Das Anliegen der Polizei müsste es doch sein, die offensichtlich zahlreichen Fälle aus dem Dunkelziffer-Bereich zu holen. Die Polizei sollte alle ermutigen: Meldet uns die Fälle! – Auch wenn die Substanz am nächsten Morgen nicht mehr nachweisbar ist. Stattdessen wird, wer Anzeige erstattet, erstmal zum Säufer abgestempelt. Andererseits folgt diese Abschreckungsstrategie einer gewissen Logik. Denn mit Anzeigen, deren Vorwürfe sich nicht gerichtsverwertbar erhärten lassen, kann man keine Erfolgsquote schreiben.

Es bräuchte in Tübingen dringend eine niedrigschwellige Anlaufstelle für alle diejenigen, denen K.O.-Tropfen verabreicht wurden. Eine Hotline oder eine Info-Stelle, an der Berichte und Erzählungen dokumentiert werden, jenseits der juristischen Verwertbarkeit, bei der es eventuell auch weitere Beratung gibt. Und wo die Betroffenen – auch das wäre für sie wichtig – ernst genommen werden.

Weil es das bislang nicht gibt, ist es umso lobenswerter, wenn sich Tübinger Kneipen- und Clubbesitzer dem Thema offensiv stellen. Die „Butterbrezel“, die in den vergangenen zwei Jahren zu einem der beliebtesten Clubs in Tübingen avancierte, macht seit Kurzem mit Schildern an der Bar und auf den Toiletten auf das Thema aufmerksam und kündigt aufwändigere Türkontrollen an. Gleichzeitig bitten die Betreiber die Gäste: „Meldet euch, wenn ihr etwas Ungewöhnliches bemerkt.“ Man fühle sich dafür verantwortlich, die Gäste vor solchen „feigen Aktionen“ zu schützen.


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