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Tagelange Schneefälle deckten Tübingen 1958 mit der weißen Pracht ein

OB Gmelin verdonnerte städtische Beamte zum Schnee schippen

Für all jene, die den Schnee in diesem Winter vermissen, hat TAGBLATT-Leser Horst Clauss ein Foto von Anfang Februar 1958 mit der Schnee bedeckten Haaggasse aus seinem Album herausgesucht. In Württemberg schneite es tagelang ununterbrochen.

05.02.2014
  • Manfred Hantke

Tübingen. Am Mittwoch, 5. Februar, begann der Schneereigen, er legte fast den gesamten (Schienen-)Verkehr lahm. Bei der Bahnmeisterei Tübingen waren „neun Mann“ eine ganze Nacht im Schneeräumeinsatz. Immerhin gelang es ihnen, die Frühzüge am Donnerstag zu 75 Prozent freizubekommen. Heißen Kaffee und heiße Würste gab’s zum Vesper von den Bahnhofswirten und der Bundesbahnkantine.

Im nördlichen Schwarzwald, so wusste das TAGBLATT zu berichten, fielen innerhalb von zwei Tagen zwischen 30 und 90 Zentimeter Schnee, in Tübingen wurden 52 Zentimeter innerhalb von 24 Stunden gemessen. Nur an einen ähnlich schneereichen Winter konnten sich die damaligen TAGBLATT-Redakteure erinnern: 55 Zentimeter Schnee fielen demnach im Kriegswinter 1942, allerdings in einem längeren Zeitraum.

Ordentlich zu schippen hatten da natürlich die Hausbesitzer. Wenn sie vorne am Gehweg fertig waren, konnten sie hinten wieder anfangen. OB Hans Gmelin verdonnerte Arbeiter, Angestellte und Beamte des Rathauses zum raschen Räumen mit der Schippe. Ebenso taten es die Schulen. Die Rektoren schickten die Schüler von der achten Klasse an nach Hause, damit sie dort mit ihren Eltern, Großeltern und Nachbarn die Schippe schwangen.

Auch das Arbeitsamt (heute: „Arbeitsagentur“) schickte am Freitagmorgen Hilfskräfte, und das Rottenburger Gefängnis entließ ein – freilich zeitlich befristetes – „Räumkommando von Sträflingen“, das zusammen mit Oberschülern die Weichen putzte. Doch der Zugverkehr wurde immer spärlicher. Züge, die morgens aus Tübingen herausfuhren, kamen nicht wieder zurück, obwohl im Stuttgarter Hauptbahnhof auch die Beamten der Bundesbahndirektion zur Schaufel griffen.

Dagegen hatten die Postbusse gar keine Probleme, auch die Energieversorgung war „nirgends ernsthaft infrage gestellt“, die Stadtwerke mussten sich lediglich um kleinere Leitungsstörungen kümmern. Nur Bebenhausen war für einige Stunden ohne Strom, dort legten sich die vom Schnee gebeugten Bäume auf die Stromleitungen. Lange aber hielt sich die weiße Pracht nicht. Wer sich noch am Freitag auf eine Ski-Abfahrt am Wochenende vom Österberg herunter gefreut hatte, wurde schon in der Nacht auf Samstag jählings aus seinem Traum gerissen.

Die Temperaturen stiegen, und am Sonntag ließen zehn Grad plus die weißen Schneeberge immer kleiner werden. Wieder griffen die städtischen Arbeiter, Angestellten und Beamten zur Schaufel, diesmal aber, um den Matsch auf Lastwagen und Pferdegespanne zu laden. Glücklicherweise aber regnete es nicht, das Hochwasser wäre dann noch schlimmer ausgefallen. Eine Woche nach den heftigen Schneefällen kletterte das Thermometer auf 18 Grad – im Schatten.

OB Gmelin verdonnerte städtische Beamte zum Schnee schippen

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05.02.2014, 12:00 Uhr

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