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BI macht sich für Netto stark

OB Palmer: Keine Handhabe gegen H & M

Die Bürgerinitiative (BI) Altstadt will sich nicht damit abfinden, dass der Netto-Markt einer Erweiterung von H & M weichen muss. Dies war das Ergebnis einer Gesprächsrunde am Mittwoch, in der überraschend Oberbürgermeister Boris Palmer auftauchte.

20.06.2014
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. Wird das Wohnen in der Altstadt zu beschwerlich, wenn ein Lebensmittel-Nahversorger wie der Netto-Markt aus ihrem Zentrum verschwindet? Diese Frage bejahten die meisten der 16 Anwesenden im Gemeindehaus „Lamm“ (darunter zwei Stadträte der Grünen). Eine kleine Minderheit zeigte auch Verständnis dafür, dass der Textilien-Filialist H & M für das Einkaufsangebot in der Stadt insgesamt wichtig ist. Wie berichtet, will H & M seine Tübinger Niederlassung am Holzmarkt um ein Herren-Sortiment erweitern und dafür die Räume des Lebensmittel-Discounters im Unterparterre des Hauses (brutto 420 Quadratmeter) dazupachten.

OB Palmer: Keine Handhabe gegen H & M
Mit diesem handgemalten Plakat beim Netto-Markt hatte eine Kundin für die Versammlung der Bürgerinitiative Altstadt geworben. Die kleine Runde im „Lamm“ bestand dann überwiegend aus älteren Altstadtbewohnern. Bild: Sommer

In den Wortmeldungen wurde deutlich, dass viele Altstadtbewohner den Netto-Laden schätzen, ja für „unverzichtbar“ halten: Wegen seiner zentralen Lage, der günstigen Preise, weil sie kein Auto haben (und deshalb in die Altstadt gezogen sind), aber auch wegen seiner Überschaubarkeit. Mehrere Teilnehmerinnen sagten, dass sie große Supermärkte zu anstrengend finden.

Das Oberzentrum gebietet die Ausnahme

Dass Netto die Filiale selbst aufgeben will, weil die Fläche nicht ausreiche, stieß auf wenig Verständnis. Kunden erleben den Laden als sehr gut frequentiert. Eine Teilnehmerin hatte unter den Gruppen, die auf den Netto-Markt angewiesen sind, neben Studenten, älteren Menschen und Familien mit Kindern auch Touristen ausgemacht. Diese suchten in der Altstadt häufig nach einem Geschäft für den täglichen Bedarf. Sie wünschte sich von der Verwaltung mehr Engagement für die „Stadt als Lebensraum“.

Kunden von H & M saßen keine in der Runde, deren Durchschnittsalter deutlich über 50 lag. OB Boris Palmer, der trotz Erkrankung überraschend zur BI kam, hatte das Textilgeschäft, dessen Zielgruppe eher jung und (bisher) weiblich ist, immerhin einmal mit seiner Patentochter besucht. Und gestaunt über „die große Zahl junger Mädels“, die er dort beim Shoppen antraf.

Palmer stellte die Interessen-Abwägung der Stadtverwaltung in einen größeren Kontext. Als Oberzentrum habe Tübingen laut Regionalplan die Funktion, auch umliegende Orte mit Gütern des „nicht-täglichen Bedarfs“ (etwa: Textilien) zu versorgen, und „die wollen wir auch haben“. Denn damit werde verhindert, dass ringsherum Einkaufszentren auf der grünen Wiese entstehen und die Innenstädte ihren lebenswichtigen Einzelhandel verlieren.

Auf dieser Basis müsse man H & M die Überschreitung der eigentlich für die Altstadt geltenden Laden-Höchstfläche von 1300 Quadratmetern genehmigen (die Filiale liegt schon jetzt etwas darüber). „Vor Gericht bekämen sie sicher Recht“, meinte Palmer. Den Einwand, der Bebauungsplan Altstadt erlaube nicht mal Ladenflächen im zweiten Obergeschoss, wies er zurück: Hier gilt Bestandsschutz, denn schon vor dem Plan wurden im zweiten Stock Textilien verkauft.

Politisch, räumte Palmer ein, wäre ihm am liebsten, „wir hätten beides“. Die Stadt habe sich um alternative Flächen für Netto bemüht, bisher ohne Erfolg. Große Filialen könnten in der kleinteiligen Tübinger Altstadt nur durch Zusammenlegung von Parterre-Flächen mehrerer Häuser entstehen. Dazu finden sich aber unterschiedliche Eigentümer nur selten bereit. Deshalb kämen, abgesehen von baulichen Hindernissen, auch die leer stehenden Ladenflächen von Gardinen- und Lederwaren-Heim nicht als Ausweichquartier für Netto infrage.

Aus Palmers Sicht ist Netto aber auch „nicht unverzichtbar“. Die Nahversorgung in der Altstadt sei noch immer gut, verglichen mit Wohngebieten wie dem Herrlesberg. „Es ist ja nicht der letzte Nahversorger in der Altstadt.“

Angesichts der Lage empfahl Bernd-Rüdiger Paul als Gast von der BI Corrensstraße, „das Fantasiefeld zu erweitern“: von einem Ladenlokal im Stiftskirchensockel über die Erweiterung des Wochenmarkts auf den Holzmarkt bis zu Lebensmittellieferungen ins Haus.

Grünen-Stadtrat Bruno Gebhart-Pietzsch, selbst Betreiber eines Fairtrade-Ladens in der Altstadt, wollte so schnell nicht klein bei geben. Ihn störte, dass Tübingen als Fairtrade-Stadt einem Konzern, der sich mit seinen Produkten nicht diesen Standards unterwerfe, den Weg ebne. „Wenn ein Textilhersteller mit ökologischen und fairen Produkten wie (die Tübinger Textilfirma) Rösch da reingehen würde, wäre es etwas anderes“, sagte er. Wenn H & M aus Tübingen wegzöge, „dann machen wir da ein Öko-Kaufhaus, das ist auch ein Alleinstellungsmerkmal“.

Studentische Kunden wurden vermisst

Da hatte sich Palmer längst wieder ins Krankenbett verzogen. Grünen-Stadträtin Susanne Bächer merkte nur noch leise an, ob man nicht auch würdigen müsse, dass die Jugend in Tübingen „das Gleiche will wie in New York oder Tokio“. Ja, sagte Diskussionsleiter Herbert Beilschmidt mit einem selbstkritischen Blick in die Runde: „Die Jugend fehlt hier.“ Die BI will sich nochmal zu dem Thema treffen. Bis dahin soll versucht werden, „die Studenten zu mobilisieren“.

Vorher verabschiedeten die verbliebenen 13 BI-Teilnehmer aber noch eine Aufforderung an die Stadt, sie möge sich „nachdrücklich“ für den Erhalt oder Ersatz von Netto einsetzen.

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20.06.2014, 12:00 Uhr

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