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Die Perle der Altstadt in Not

OB Palmer will in der Etat-Runde zehn Millionen Euro für die Stadtbücherei reservieren

Das Dach ist undicht, der Aufzug klemmt, die Wärme zieht durch die Fenster ab – und überall herrscht drang volle Enge. Einige Stadträte waren ziemlich baff, als ihnen Martina Schuler, die Chefin der Stadtbücherei, am Montag schilderte, wie es in der Nonnengasse 19 zugeht. Einen Mitstreiter hatte sie bereits zuvor davon überzeugt, dass es für die Stadt höchste Zeit wird, sich um ihre Bibliothek zu kümmern: Für deren Sanierung oder auch für einen Neubau will OB Boris Palmer im Herbst zehn Millionen Euro in der Finanzplanung vormerken.

09.07.2014
  • Sepp Wais

Tübingen. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Provisorien, zumal in Tübingen, meist länger leben als geplant, dann lieferte ihn Martina Schuler am Montagabend im Kulturausschuss des Gemeinderats. Unter dem Titel „Zukünftige Entwicklung der Stadtbücherei“ ging es dort erstmal um deren jüngere Vergangenheit – eine Vergangenheit, in der die Tübinger Stadtoberen im Umgang mit der städtischen Bibliothek eine bemerkenswerte Sparsamkeit an den Tag legten.

OB Palmer will in der Etat-Runde zehn Millionen Euro für die Stadtbücherei reservieren
Auch dafür wünscht man sich in der Tübinger Stadtbücherei mehr Platz –für die „Einführung in die Kulturtechnik Lesen“.

Als sich die reichen Nachbarn in Reutlingen im Jahr 1985 für 22 Millionen Mark eine neue Stadtbibliothek gönnten, eine damals hochmoderne Konstruktion aus Beton, Stahl und Glas, fand man es auch in Tübingen an der Zeit, die städtische Bücherei aus ihrem chaotisch überfüllten „Freihandbüro“ im Technischen Rathaus zu befreien und etwas komfortabler in der Altstadt unterzubringen. Als neuer Standort wurde die einstige, inzwischen vakante Stadtwerke-Zentrale in der Nonnengasse erkoren, die dann mit zwei Millionen Mark für die Bücherei aufgemöbelt wurde.

Fortan konnte sich die Bibliothek mit ihren rund 80 000 Büchern auf 1800 Quadratmetern (in Reutlingen waren es über 4000) ausbreiten. Im Rathaus wusste man damals bereits, dass diese Nutzfläche nicht lange reichen würde, weswegen man dem Mitarbeiter-Team und dem Publikum von Anfang an Erweiterungen in einem zweiten und dritten Bauabschnitt in Aussicht stellte. Daraus ist bis heute nichts geworden.

Trotzdem hat sich die Tübinger Bücherei in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Wo die Planer ursprünglich allenfalls bis zu 400 Besucher pro Tag erwarteten, studieren heute im Durchschnitt 800 Leute pro Öffnungstag das 215 000 Medieneinheiten umfassende Angebot. Übers Jahr zählen die Bibliothekare weit über 400 000 Besucher – im statistischen Mittel kommt also jeder Tübinger vom Baby bis zum Greis etwa fünf Mal im Jahr in die städtische Bücherei. Damit, so verkündete Martina Schuler mit einigem Stolz im Kulturausschuss, hat Tübingen „die besucherstärkste Bibliothek aller deutschen Städte mit 50 000 bis 100 000 Einwohnern.

Erstmal sollen Gutachter den Raumbedarf klären

Ohne Hilfe des Gemeinderats lässt sich diese Erfolgsgeschichte laut Schuler aber wohl nicht mehr lange fortschreiben. „Aufgrund der deutlich zu geringen Fläche und des zunehmend sanierungsbedürftigen Zustands des Gebäudes“, so schärfte sie am Donnerstag den Stadträten ein, „stößt die Stadtbücherei an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.“ Weshalb „eine Anpassung der Räume an die heutigen Erfordernisse unvermeidlich“ sei. Insbesondere fehlen Schuler zufolge: Flächen für eine attraktive Medienpräsentation, Arbeitsplätze für Gruppen und einzelne Besucher, einladende Kommunikationszonen, differenzierte Sitzplätze zur Mediennutzung vor Ort, flexible Bereiche für Veranstaltungen und pädagogische Angebote sowie barrierefreie Zugänge zu allen Bereichen der Bibliothek.

An diesen Befund, den sich die Verwaltungsspitze offenbar längst zu eigen gemacht hat, knüpfte Boris Palmer die unüberhörbare Vorwarnung: Achtung, da kommt schon bald ein schwerer Brocken auf die Stadtkasse zu. Wie er damit umzugehen gedenkt, stellte er in einem lauten inneren Dialog unmissverständlich klar: „Der Finanzbürgermeister in mir sagt zum Oberbürgermeister ’Vorsicht, da geht‘s gleich um zehn Millionen‘. Als Oberbürgermeister muss ich dann aber sagen, dass es hier um eine der herausragenden Investitionen geht, die sich die Stadt einfach leisten muss.“

Fazit: Palmer will sich dafür einsetzen, dass die zehn Millionen Euro für die Bücherei schon in der nächsten Etat-Runde in die mittelfristige Finanzplanung aufgenommen werden. Zumindest im grün-roten Lager darf er dabei auf Beistand hoffen. Jedenfalls beteuerten etliche Stadträte von AL/Grüne und SPD, dass sie „die Perle der Altstadt“ (Bruno Gebhart-Pietzsch) nicht verkommen lassen. Von den anderen Fraktionen gab es dazu noch keine Stellungnahmen.

Offen bleibt vorerst, ob das Geld eher in die Modernisierung und Erweiterung des Altbaus oder in einen Neubau gesteckt werden soll. Entsprechende Nachfragen kamen für Palmer „viel zu früh“. Zunächst soll die „Fachstelle für das Bibliothekswesen beim Regierungspräsidium“ gutachterlich klären, welchen Raumbedarf die Bibliothek hat – und dazu eine erste Einschätzung liefern, ob und wie man die Flächen in der Nonnengasse 19 bereitstellen könnte.

Nach Ansicht des HGV muss die Stadtbücherei als „wichtiger Frequenzbringer“ für den Einzelhandel unbedingt in der Tübinger Altstadt bleiben. „Die Geschäfte haben den Auszug des Landratsamtes und der Kreissparkasse stark zu spüren bekommen“, erklärt HGV-Vorstand Christian Riethmüller dazu, „noch so einen Verlust können wir uns nicht leisten.“ Denkbar wäre für ihn allerdings, dass die Bücherei einen Neubau beim Kommödle an der Wilhelmstraße bekommt – vorausgesetzt, der Platz reicht dafür aus. Diesen Standort hart am Rand der Altstadt und an der Nahtstelle zwischen Stadt und Universität hält Riethmüller für äußerst attraktiv. Umso mehr als bei der
Rochade ein lang gehegter Wunsch vieler Geschäftsleute in der Altstadt in Erfüllung gehen könnte: „Es wäre sehr schön, wenn wir den Platz in der Nonnengasse für die Schaffung zusätzlicher Handelsflächen gewinnen würden.“ Sollte dieser Plan nicht aufgehen, bleibt der Stadt laut Riethmüller kaum etwas anderes übrig, als die Bücherei an Ort und Stelle zu erweitern. Der Europaplatz kommt für ihn jedenfalls nicht infrage: „Dort würde die Bibliothek die Balance zwischen der Altstadt und dem Zentrum Süd erheblich stören.“

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09.07.2014, 12:00 Uhr

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