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Busfahren ohne Ticket

OB will „TüBus für alle“ schrittweise einführen

Eine faszinierende Idee, aber schwer zu verwirklichen – das war das Fazit einer Podiumsdiskussion zum ticketfreien Nahverkehr. Landesverkehrsminister Winfried Hermann ist skeptisch, sein grüner Parteifreund Boris Palmer will das kostenlose Busfahren aber ermöglichen. Allerdings will der Tübinger Oberbürgermeister dabei behutsam Schritt für Schritt vorgehen.

12.10.2012
  • Gernot Stegert

Tübingen. „TüBus für alle – ist das machbar?“ Die Antworten auf die Titelfrage der Diskussion am Mittwochabend im Schlatterhaus fiel unterschiedlich aus. Etwa 100 Interessierte waren der Einladung des Stadtverbands der Grünen gefolgt. Der Beifall gleich zu Beginn ließ große Sympathien für die Vision eines ticketfreien Nahverkehrs erkennen. Auch alle Podiumsteilnehmer waren im Prinzip dafür. Doch bei der Frage der Umsetzbarkeit schieden sich die Geister.

OB will „TüBus für alle“ schrittweise einführen
Im Schlatterhaus diskutierten (von links): Andreas Foitzik, Heiner Monheim, Jakob Sierig, Winfried Hermann, Boris Palmer und Thomas Pawlaczyk.

Die Vorteile waren von Moderator Jakob Sierig schnell aufgezählt: Wenn das Busfahren frei ist, brauche man keine Tickets und Kontrolleure mehr. Das Gratisangebot sei sozial und locke Kunden an. Immerhin koste eine Hin- und Rückfahrkarte im Stadtverkehr derzeit 4,30 Euro. Mehr öffentlicher Nahverkehr bedeute weniger Staus und Abgase in der Stadt.

Doch wie soll der Busverkehr bezahlt werden? Stadtverkehrsleiter Thomas Pawlaczyk zeigte sich offen für einen ticketfreien Nahverkehr. Doch müsse die Finanzierung gesichert sein. Derzeit koste der Busverkehr in Tübingen 14 Millionen Euro, bei Einnahmen von 10,3 Millionen Euro. Beim Nulltarif würde der Bedarf steigen, mehr Busse und Fahrer wären nötig. Die Mehrkosten bezifferte Pawlaczyk auf 30 bis 40 Prozent. Je erfolgreicher, desto teurer.

Entsprechend ging die Debatte vor allem um die Finanzierung. Andreas Foitzik vom Koordinationskreis „TüBus für alle“ sagte, eigentlich müsse Infrastruktur aus Steuern finanziert werden. Da das in Tübingen aber nicht realistisch sei, müsse eine Umlage her. Jeder Bürger solle einen festen Betrag zahlen – ob er Bus fahre oder nicht. Palmer bezifferte die Kosten einer Umlage für eine Person auf 200 Euro im Jahr, das sei die Hälfte der 384 Euro, die jetzt ein Jahresticket koste. Auch Autofahrer kämen durch Sprit-Ersparnisse günstiger weg, teurer würde es für Radfahrer.

Kritisch äußerte sich Hermann, der gerade aus einer kontroversen Landtagsdebatte zur Citymaut kam. Der Grüne zeigte sich ganz als Realpolitiker, der über die Macht der Autolobby stöhnte, den Investitionsstau beim Öffentlichen Nahverkehr wie beim Straßenbau beklagte und grundsätzlich einwandte: „Verkehr kostet. Der Nulltarif aber suggeriert, er wäre umsonst.“ Der ticketfreie Bus sei „vielleicht eine nette Idee für Tübingen, aber die wirklichen Probleme liegen woanders“. Noch fundamentaler sagte das Regierungsmitglied: „Man kann nicht alle Probleme mit ÖPNV lösen.“ Der Individualverkehr habe einen Anteil von 80 Prozent im Land. Was dem Grünen den Vorwurf von Foitzik einbrachte: „Du bist vor der Autolobby in die Knie gegangen.“ Der Ex-Rottenburger Hermann gab ferner zu Bedenken: „Wenn Tübinger ohnehin schon zu Fuß gehen und Rad fahren und dann auch noch für Menschen aus dem Umland zahlen sollen, ist das nicht überzeugend.“

Auch Palmer wies auf das Gerechtigkeits- und damit Legitimationsproblem hin: In Tübingen verzichten 75 Prozent aufs Auto, „das ist deutscher Rekord“. Bei den Auswärtigen sei es umgekehrt. Der Tübinger OB wie der Verkehrsminister waren sich einig, dass das Umland in eine Umlage mit einbezogen werden müsse. In diesem Punkt stimmte auch der Trierer Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim zu, ein vehementer Verfechter des freien Busfahrens: „Eine Insellösung für eine Stadt ist problematisch, man muss immer einen ganzen Verkehrsraum abdecken.“

Monheim forderte „ein Bürgerticket für alle 82 Millionen Bundesbürger“ und „eine Bahncard100 für alle“. „Dann ist die Verkehrswende möglich.“ Mit Verve widersprach der Trierer Professor allen Einwänden gegen die Finanzierbarkeit. In Nordrhein-Westfalen habe er das Bürgerticket für Studierende schon vor 20 Jahren mit Erfolg eingeführt. Wenn Tausende die Abgabe zahlen, dann kämen hohe Summen zusammen.

Daran schloss Palmer am Ende seinen pragmatischen Plan für Tübingen an: In einem ersten Schritt soll das bisherige Semesterticket auf eine Umlage umgestellt werden. In einem zweiten Schritt möchte er das Universitätsklinikum und die Universität für ein Jobticket gewinnen. Dann wären schon fast 40 000 Personen in einem Umlagesystem. Das Busangebot könne noch attraktiver werden und würde weitere Fahrgäste ohne Druck anlocken.

Zur Finanzierung eines kostenlosen Busverkehrs sind eine Umlage auf alle Bürger und eine Citymaut im Gespräch. Das Reizwort fiel am Mittwochabend im Schlatterhaus nur am Rande. OB Palmer sagte, er habe sich nie für eine Citymaut ausgesprochen, sondern lediglich für eine rechtliche Ermöglichung. Ansonsten sei sie ein Instrument, die Debatte solle aber mehr um Ziele wie eine höhere Lebensqualität durch weniger Autos kreisen. Skeptisch zeigte sich der Verkehrswissenschaftler Monheim: „Die Citymaut ist so problematisch, weil in dem Wort City steht. Wir brauchen eine Pkw-Maut und keine Citymaut.“ Insellösungen seien nicht gut.

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12.10.2012, 12:00 Uhr

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