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Ein stets hübscher Blick

Oasen in der Stadt: Der Stadtgarten hat eine lange Geschichte

REUTLINGEN (mas). Einen „stets hübschen Blick auf die Stadt und die benachbarten, das Echazufer flankierenden Albberge“ genoss der Spaziergänger laut Stadtführer von 1913. Heute schotten hohe Bäume neugierige Blicke von allen Seiten ab. Der Reutlinger Stadtgarten besteht seit über einem Jahrhundert. Während der Park für viele Geheimtipp für ruhige Stunden ist, will die Interessengemeinschaft Lebenswerte Oststadt (Ilos) mehr Leben hineinbringen.

14.10.2006

Bereits 1892 bemühte sich der Gemeinderat um ein Bauverbot für die 264 auf 34 Quadratmeter große Fläche zwischen Planie, Urban-, Charlotten- und Silberburgstraße, auf der sich heute der Stadtgarten erstreckt. Damit machte er sich freilich nicht nur Freunde. Ein Bürger erstattete gegen das Bauverbot und den „enormen und ungerechtfertigten Luxus eines großen Stadtparks“ Anzeige. Allerdings ohne Erfolg: Drei Jahre später kaufte die Stadt den zentralen Teil der früheren Abtswiese. 1897 wurde eine Kommission zur Ausführung der Parkanlage bestellt.

Drahtzaun gegen die Bahn

Bis zum Baubeginn dauerte es noch ein paar Jährchen. Vielleicht war es der Federführung Friedrich Lucas, Sohn des berühmten Leiter des Pomologischen Instituts Edward Lucas, zu verdanken, dass laut Fehleisens Chronik im Frühjahr 1901 endlich mit den Bauarbeiten begonnen werden konnte. Kosten: Stattliche 6 000 Mark.

Der Park änderte danach mehr als einmal sein Gesicht. 1912 wurde auf Anregung des Verschönerungsvereins ein Springbrunnen erstellt. „Zur Verschönerung des Gesamtbildes“ trug laut „Reutlinger General-Anzeiger“ vom 6. April 1925 die Vergrößerung des Stadtgartens um einen Kinderspielplatz mit Sitzgelegenheiten, sowie die Anlegung weiterer großer Rasenflächen bei. „Bald wird das ganze mit einem Drahtzaun versehen und so der Platz auch gegen die Echazbahn abgeschlossen werden,“ heißt es weiter.

Von Anfang an lockte der Erholungsort aber auch ungebetene Gäste an. „Unsere Jugend sei so roh und rücksichtslos, dass sie oft direkt darauf ausgehe, jede schöne Anlage zu verschandeln und zu vernichten,“ meldete der „Reutlinger General-Anzeiger“ damals. So seien zum Beispiel die neu erstellten eichenen Bänke angesägt und verschmiert worden. Nach nurmehr einem Jahr sei die Anlage „völlig verdorben,“ ärgerte sich gar ein Stadtgärtner.

Birke einfach umgeschlagen

Auch in der Gegenwart ist der Stadtgarten nicht vor Übergriffen gefeit. Erst im vergangenen Jahr wurde dort eine stattliche Birke gefällt. Der 18 Meter hohe und 40 Jahre alte Baum wurde nachts von Unbekannten einfach umgeschlagen. Vergleichsweise harmlos muten da die „Anschläge“ auf die Sitzgelegenheiten an. Die Bänke sind über und über mit Botschaften wie „Schatz, ich lieb dich über alles“ oder „I love Franzi“ beschmiert.

Mit öffentlichen Aufrufen an die Bürger, die Umwelt nicht zu verschandeln, begegnete man einst dem „Vandalismus“. Die Parole schienen Wirkung zu zeigen. Zumindest ist dem „Reutlinger General-Anzeiger“ vom 22. Oktober 1927 zu entnehmen, dass „die Anlagen im letzten Jahr weniger unter Zerstörungswut ihrer Besucher zu leiden hatten. Ganz besonders ist dies vom Stadtgarten zu sagen.“ Zum Glück, denn sonst hätte der vom Verkehrsverein geforderte Musik-Pavillon in dem Musikdirektor Viktor Schäfer 1928 mit einem Promenadenkonzert anlässlich seines 25-jährigen Dienstjubiläums geehrt wurde, kaum bis heute überlebt.

Ilos fordert Boule und Kiosk

Auf die Beleuchtung der beliebten Gartenanlage mussten die Reutlinger/innen bis 1939 warten. Danach tat sich wieder lange nicht. Die Landesgartenschau im Jahr 1984 verlieh dem Stadtgarten dann seine heutige Gestalt. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch der 700 Quadratmeter große Teich angelegt. Seit dieser Veränderung sind wieder 20 Jahre vergangen. Neuerdings bemüht sich Ilos um Bewegung im Park.

Ein Boule-Platz, ein bewirteter Kiosk, öffentliche Toiletten oder die abendliche Beleuchtung sind die Forderungen, welche die Interessengemeinschaft lebenswerte Oststadt regelmäßig vorbringt. Dass ihr viel am Park liegt, hat Ilos mehrfach bewiesen. Für das Überleben der Kastanienbäume und gegen die Miniermotte kämpft die Bürgerinitiative mit herbstlichen Laubsammelaktionen. Ein erster Erfolg stellte sich in diesem Sommer beim Kampf gegen den Durchgangsverkehr ein. Nun herrscht rund um den idyllischen Stadtgarten Tempo 30.

Oasen in der Stadt: Der Stadtgarten hat eine lange Geschichte
Der „stets hübsche Blick“ auf die Stadt und die das Echazufer flankierenden Albberge, den der Stadtgarten einst versprach, wird heute von stattlichen Bäumen versperrt. Der Erholungswert der grünen Lunge am Rande der Oststadt ist dennoch oder gerade deshalb derselbe geblieben.

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14.10.2006, 12:00 Uhr

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