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Obama auf Farewell-Tour
Im Gleichschritt: Angela Merkel und Barack Obama. Foto: dpa
Besuch

Obama auf Farewell-Tour

Der scheidende US-Präsident hinterlässt bei seinem Abschiedsbesuch in Deutschland viel Wehmut. Sein Nachfolger Donald Trump wirft Schatten voraus.

18.11.2016
  • GUNTHER HARTWIG

Berlin. Rund 42 Stunden, auf drei Tage verteilt, dauert die Berlin-Visite Barack Obamas (55), ein kombinierter Arbeits- und Abschiedsbesuch. Für eine „Lame Duck“ macht der im Januar abtretende Präsident einen äußerst agilen Eindruck – körperlich fit und geistig präsent wie bei allen seinen bisher sechs Besuchen in Deutschland seit 2008, damals noch Senator und Kandidat der Demokraten für das Weiße Haus. „Wir werden ihn vermissen, sehr sogar“, sagt ein erfahrener Diplomat an der Spree und spricht eine verbreitete Stimmung aus.

Auf seiner Farewell-Tour durch Europa macht sich – erst in Athen, seit Mittwoch in Berlin – eine Mischung aus Wehmut und bangen Erwartungen breit. Der 44. US-Präsident, der erste Schwarze an der Spitze der Vereinigten Staaten und 2009 Friedensnobelpreisträger, hat sich in seinen acht Amtsjahren als verlässlicher Freund des alten Kontinents erwiesen. Und Obama betrachtet die Bundeskanzlerin als „wohl engste internationale Verbündete“ in einer immer unübersichtlicheren Weltordnung.

Deshalb ist die ausgedehnte Begegnung mit Angela Merkel (62) für den Gast aus Washington mehr als ein pflichtschuldiges Dankeschön für eine unter dem Strich harmonische Zusammenarbeit, sondern erkennbar eine ganz persönliche Herzensangelegenheit. Am Ende scheint sogar jene trübe NSA-Affäre überwunden, die der Kanzlerin den legendären Satz entlockte: „Ausspähen unter Freunden – das geht gar nicht.“ Und man glaubt Obama, wenn er mit Blick auf „Chancellor Merkel“ sagt: „Es ist die wichtigste Beziehung, die wichtigste Freundschaft, die ich in meiner Amtszeit hatte.“

Angel Merkel wiederum gibt sich alle Mühe, die Zuneigung des Präsidenten zu erwidern. Am ersten Abend nach der Landung der Air Force One in Tegel begibt sie sich ins Hotel Adlon, in dem Obama residiert – Übernachtungspreis der Suite: 15 000 Euro pro Tag. Drei Stunden lang tafeln die beiden Bündnispartner im Restaurant Lorenz Adlon, der hauseigene Sternekoch soll zünftige Kost auf den Tisch gebracht haben: Berliner Currywurst und Königsberger Klopse. Der Mann aus Chicago liebt die regionale deutsche Küche, wie man seit seinem Weißwurstfrühstück beim G7-Gipfel 2015 im Werdenfelser Land weiß.

Nun ist Obama allerdings nicht allein und zum reinen Vergnügen nach Berlin gekommen, sondern mit schwerem Gepäck. Nach dem Sensationssieg des Republikaners Donald Trump über Hillary Clinton muss der noch amtierende US-Präsident seinen aufgescheuchten Gesprächspartnern in Europa viel erklären. Das Amerika-Bild gerade der Deutschen, meldet Allensbach, hat sich verdunkelt. Doch Obama wird nicht müde, die ärgsten Sorgen seiner Gastgeber zu zerstreuen, selbst wenn auch er nicht hundertprozentig wissen kann, was mit dem Amtswechsel am Potomac auf Amerika und die Welt wirklich zukommt.

Dass die „New York Times“ die Bundeskanzlerin bereits zur politischen Nachlassverwalterin Obamas hochjubelt, zur „letzten Verteidigerin des liberalen Westens“, mag ein bisschen übertrieben klingen. Aber aus der Tatsache, dass sich der Präsident so viel Zeit für Angela Merkel nimmt und der kleine EU/USA-Gipfel heute in Berlin stattfindet, darf geschlossen werden, wie viel Verantwortung für den Zusammenhalt der EU und der transatlantischen Allianz, für den globalen Klimaschutz, für die Einhegung Moskaus im Schatten der Ukraine-Krise, nicht zuletzt für die Beherrschung der Flüchtlingsströme Obama der Deutschen zumisst.

Nach ihrem Treffen im Kanzleramt, zu dem Angela Merkel von ihrem in seiner gepanzerten Staatskarosse vorfahrenden Besucher mit den obligatorischen Wangenküsschen begrüßt wird, stellen sich beide den Medien. Noch eine Gelegenheit für Obama, seine offene Wertschätzung für Angela Merkel, seine „wunderbare Freundin“, auszudrücken: „Ich hätte mir keine standfestere und zuverlässigere Verbündete wünschen können.“ Das darf die Kanzlerin als Ermutigung für ihren künftigen Umgang mit dem neuen US-Präsidenten Donald Trump empfinden.

Am Abend bittet Angela Merkel im Speisesaal ihres Dienstsitzes zu Tisch. Zur Freude ihres Ehrengastes ist auch Jürgen Klinsmann bei dem familiären Dinner dabei, der schwäbische Nationaltrainer der US-Fußballer, dazu Stardirigent Daniel Barenboim, der Biochemiker und Nobelpreisträger Thomas Südhof, Filmregisseur Tom Tykwer. Nicht eingeladen dagegen: Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), gemeinsamer Kandidat für die Wahl des Bundespräsidenten im Februar. Ob bei dem Essen dezente Hintergrundmusik erklingt, wird vorher nicht verraten. Für Barack Obama vielleicht „Time to say goodbye“, für Angela Merkel: „I'm still standing.“

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18.11.2016, 06:00 Uhr

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