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Bloß keine Erben abschrecken

Oberbürgermeister Boris Palmer räumt Fehler im Umgang mit dem Schaal-Erbe ein

Die Stadt Tübingen hat einen Großteil des Erbes von Gudrun Schaal sicher. Der Gemeinderat stimmte einem Vergleich mit den Erben zu. Das Geld soll im Sinne der Erblasserin eingesetzt werden. Das sicherte Oberbürgermeister Boris Palmer zu.

21.11.2012

Von Gernot Stegert

Tübingen. Ein Erbe führt oft zu unerquicklichem Streit. Besonders misslich ist dies, wenn es um eine Spende geht. Gilt es doch, nur keine anderen möglichen Erblasser von der guten Tat abzuschrecken. In diesem Sinne hat die Stadt Tübingen mit Palmer an der Spitze jetzt gerade noch die Kurve bekommen. Aber es war haarscharf.

Eigentlich sind es zwei Streitigkeiten. Der eine ging um das Erbe von Gudrun Schaal selbst. Die Begründerin und Mitinhaberin der Buchhandlung Gastl starb im März 2007 und hinterließ ihr Vermögen ihrer Mitbewohnerin Stefanie Wechsler. Diese starb am 18. Dezember 2011 und verfügte im Testament: „Das Eigentum von Frl. Dr. Gudrun Schaal zur allgemeinen Nutzung.“ Doch was bedeutete das? Die Wechsler-Erben, das Land und die Stadt beanspruchten das Erbe.

Mitte Oktober wurde ein Vergleich geschlossen (wir berichteten), der aber erst jetzt mit dem Ja des Gemeinderats gilt. Er sieht vor, dass zwei Häuser verkauft werden. Nach Abzug aller Kosten teilen sich die Stadt und die Wechsler-Erben das Geld im Verhältnis 80:20. Für Tübingen könnten 1,5 Millionen Euro übrig bleiben. Zum Vergleich gehört auch die Zweckbindung „nur für kulturelle und soziale Zwecke“ und der Zusatz „im Einvernehmen mit dem Land Baden-Württemberg“.

Womit der zweite Streitpunkt genannt ist: die Zweckbindung. Die Formulierung „kulturelle und soziale Zwecke“ ist deutbar. OB Palmer verstand darunter auch die von ihm gewollte Großausstellung zum Jubiläum des Tübinger Vertrags im Jahr 2014. Was ihm viel Kritik einbrachte. Stadträte warfen ihm vor, die Ausstellung zur Selbstdarstellung im OB-Wahlkampf missbrauchen zu wollen. Andere, auch Bekannte von Gudrun Schaal, meinten, die Finanzierung eines Events sei nicht in ihrem Sinne. Im Gemeinderat am Montag nun ruderte Palmer zurück: „Ich räume eine Fehleinschätzung ein.“ Er habe sich auf den Wortlaut des Verwendungszwecks bezogen und nicht damit gerechnet, „dass Menschen, die Frau Schaal kannten, bestimmte Vorstellungen haben“.

Der OB sagte: „Wenn ich gewusst hätte, dass wir eine Debatte über Erbschaften bekommen, hätte ich es gelassen.“ Schließlich wolle er weitere Menschen „motivieren, der Stadt etwas zu vererben“. Palmer verriet: „Wir haben derzeit mehrere große Fälle von Erbschaften.“ Der Umgang damit sei in der Verwaltung bisher ungeregelt. Das solle geändert werden. Der OB sicherte zu, eine Kommission aus dem Gemeinderat zu bilden, die den Verwendungswillen von Gudrun Schaal deuten soll. Die Stadträte kritisierten zwar nochmals Palmers Vorpreschen beim Verwendungszweck, zeigten sich aber einhellig zufrieden mit dem Einlenken und dankten den Wechsler-Erben.

Die Buchhandlung Gastl war Treffpunkt für Geistesgrößen. Auch der Philosoph Ernst Bloch war Stammgast bei Gudrun Schaal. Archivbild: Marbacher Magazin

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Erstellt:
21. November 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. November 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. November 2012, 12:00 Uhr

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