Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Bildung

Odyssee einer Software

Vor 14 Jahren beschlossen Bayern und Baden-Württemberg, ein Schulverwaltungs-Programm anzuschaffen. In Nachbarland läuft es, im Südwesten nicht.

08.03.2018
  • AXEL HABERMEHL

Stuttgart. Vergangene Woche flogen im Landtag die Fetzen. Die Abgeordneten stritten über den Unterrichtsausfall. Von Nichtstun war die Rede, von Versagen angesichts einer „miserablen Versorgungssituation“. Robuste Rhetorik, aber auf dünnem Eis. Denn kein Redner wusste, wie viel Unterricht ausfällt.

Die Debatte drehte sich um Zahlen einer Stichprobe. Das Kultusministerium hatte die Ausfälle einer Woche im November 2017 an 610 Zufallsschulen abgefragt: Die ermittelte Ausfallquote lag bei 3,6 Prozent. Doch das Schuljahr hat 39 Wochen, und es gibt rund 4800 Schulen im Land.

Wie viel Unterricht wirklich ausfällt, wie viel vertreten oder fachfremd unterrichtet wurde, ist unbekannt. Die Unterrichtsversorgung ist ein Dunkelfeld, obwohl die Daten vorhanden sind.

Wenn Lehrer krank sind oder schwanger, zur Fortbildung oder auf Klassenfahrt, weiß das die Schulleitung. Sie organisiert Vertretungen, schickt Schüler heim, regelt Papierkram. Doch jede Schule macht es anders.

Dabei hat das Land eine gemeinsame Software entwickeln lassen. 2004 vereinbarten Bayern und Baden-Württemberg, zusammenzuarbeiten. Der Auftrag ging an die Karlsruher Firma ISB. Im Jahr 2007 verkündete Helmut Rau (CDU), damals Kultusminister: „Das Schulverwaltungsprogramm Amtliche Schulverwaltung (ASV) wird die bisherigen Schulverwaltungsprogramme an den rund 10 000 Schulen beider Länder ersetzen.“ ASV erleichtere Schulleitern das Verwalten und dem Ministerium die Statistik. Und zwar bald: „ASV soll nach derzeitigem Planungsstand zum Schuljahr 2008/09 eingeführt werden.“

Das war vor elf Jahren. Bis heute hat das Land 24,5 Millionen Euro Steuergeld in ASV gesteckt. Im Regelbetrieb ist es nicht.

Der Bedarf ist da. Der Rechnungshof etwa stellt ihn regelmäßig fest. 2013 schrieb er: „An den Schulen gibt es reichlich Daten zur Unterrichtssituation, zur Abwesenheit von Lehrkräften und zu Vertretungsmaßnahmen. Diese Informationen werden in verschiedenen Medien analog oder digital vorgehalten, sind aber für eine effiziente Auswertung nicht erschlossen.“ Oder 2014: „Dringend benötigen die Schulen ein landeseinheitliches Schulverwaltungsprogramm.“

Der Job eines Schulleiters ist voller Verwaltung. Er entwirft Stundenpläne, führt Klassenlisten, pflegt Schüler- und Personaldaten, legt Zeugnisse an, beantwortet Abfragen, führt Statistiken. Rektoren nutzen dafür zig verschiedene IT-Anwendungen.

Dass diese Vielfalt ineffizient ist, liegt auf der Hand. Auf die Kritik des Rechnungshofs 2014 antwortete das Kultusministerium, damals unter Andreas Stoch (SPD), man teile die Einschätzung – und verwies auf das Programm, das 2008 hätte eingeführt werden sollen: ASV werde „im Schuljahr 2013/2014 an rund 150 allgemein bildenden und beruflichen Schulen getestet“.

Seit Juli 2015 steht ASV allen Schularten zu Verfügung. Heute, 2018, nutzen es 640 Schulen – von 4800. Warum so wenige?

Ganz einfach: Weil sie sich nicht durchsetzt, aber auch nicht verordnet wird. ASV ist freiwillig. Das Ministerium wirbt zwar, bietet Schulungen und Hotlines. Doch bis heute funktionieren nicht alle Funktionen für alle Schulen. Ganz einfach zu bedienen ist die Software auch nicht.

„Anfangs ist es schon schwierig, man muss sich daran gewöhnen, wie an jede Software“, sagt Stephanie Eimer, Lehrerin am Andreae-Gymnasium Herrenberg. Sie nutzt ASV seit zwei Jahren, bildet auch Kollegen fort. Sie findet, ASV sei „ein tolles Programm“, kann aber verstehen, dass Kollegen sich schwer tun. „Komplex und mächtig“ sei das Programm, die Einarbeitung brauche Zeit, man müsse alles „einrichten und zuschneiden, wie man es braucht“. Auch sei es nicht für alle Schulen gut geeignet.

An Berufsschulen etwa, wo es zig Bildungsgänge gibt, klagen Schulleiter, ASV decke das nicht ab. Kleine Schulen finden es zu aufwendig. Klaus-Martin Ocker leitet die Grundschule in Heidenheim-Oggenhausen. Er hat ASV getestet, aber wieder gelöscht. „Wir sind eine kleine Grundschule. Für uns war das zu viel Aufwand.“ Ocker sagt, er warte seit Jahren, „dass das mal verbindlich für alle Schulen kommt. Aber da tut sich ja nichts.“

Das Kultusministerium teilt mit, man arbeite weiter an einer flächendeckenden Einführung. verpflichtend werde ASV aber erst, wenn alle Module für alle Schularten funktionieren.

Bayern dagegen hat ASV seit 2013 allgemeinverpflichtend an Gymnasien und Realschulen eingeführt, 2016 auch an Grund- und Mittelschulen. Inzwischen nutzen es dort gut 4100 von 4500 allgemein bildenden Schulen. Wenn dort die Umstellung abgeschlossen sei, seien die beruflichen Schulen an der Reihe.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

08.03.2018, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball