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Öd, platt und leblos
Straße frisst Landschaft: In Bayern werden jeden Tag etwa 17 Hektar Land verbaut. Foto: imago
Landschaftsverbrauch

Öd, platt und leblos

Der Flächenfraß greift immer weiter um sich und zerstört die Natur. Beispiel Niederbayern: Dort wird ein Gewerbegebiet nach dem anderen hochgezogen.

05.01.2017
  • PATRICK GUYTON

Deggendorf. Christian Baer steht an dem verlassenen Schotterweg und schaut auf die Landschaft. Hügelige Wiese, Gründüngung auf einem Getreidefeld, weiter vorne werden Nadelbäume gezogen. Auf der einen Seite begrenzt der Wald diesen Fleck Erde im niederbayerischen Iggensbach, auf der anderen ist es die Autobahn. Baer wohnt etwas weiter hinten. Der 45-Jährige sagt, was er für die Zukunft fürchtet: „Laster, Laster, Laster.“ Doch statt hier ein großes Gewerbegebiet in die Landschaft zu setzen, sollten sie doch lieber schauen, „dass mal eine Apotheke und ein Supermarkt in den Ort kommen“.

Iggensbach, an der A3 zwischen Deggendorf und Passau, ist für den Bund Naturschutz (BN) ein Symbol. Der Verband sieht die Gemeinde mit 2100 Einwohnern als „Negativ-Vorreiter bei Flächenverbrauch und Zersiedelung“. In Deutschland wird die Landschaft weiterhin ungebremst zugebaut – für Wirtschaft und Gewerbe, Verkehr und auch Wohnungen. Bayern und Baden-Württemberg stehen dabei an der Spitze mit einem Verbrauch von je 17 Hektar täglich, so das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung. In der beliebten Umrechnung sind das je 22,4 Fußballfelder. Umweltschützer sehen im Flächenfraß das größte ökologische Problem Deutschlands.

An der Autobahn soll Iggensbach ein Gewerbegebiet bekommen, zehn Hektar – 14 Fußballfelder. „Das wird dann alles flach gemacht und versiegelt“, sagt Georg Kestel vom BN Deggendorf. „Iggensbach hat natürlich das Recht, sich organisch zu entwickeln.“ Was hier geplant ist, nennt Kestel „überorganisch“. Die Gemeinden hätten den „Verfassungsauftrag, sich um die Natur und die Landschaft zu kümmern“.

Noch ist es in Iggensbach nicht so weit. Doch wenn in Bayern nach dem Willen der CSU-Staatsregierung und des Heimatministers Markus Söder das so genannte Anbindegebot fällt, können die Bagger kommen. Das Anbindegebot verbietet bisher neue Bebauung auf der grünen Wiese. Ein Gewerbegebiet muss an ein anderes oder an Wohnbebauung grenzen. Söder aber sieht in künftigen Zentren auf dem freien Land und an Autobahnen Möglichkeiten für Wachstum. Wirtschaft dürfe „kein Privileg der Stadt“ sein, sagte er jüngst.

Was soll in Iggensbach entstehen? „Das Gelände ist gut für Logistiker“, meint BN-Mann Kestel. Er befürchtet einen Warenumschlagplatz, einen LKW-Hof oder ähnliches. Ganz anders sieht das der Bürgermeister Wolfgang Haider, der im Ort auf der anderen Seite der Autobahn im Rathaus sein Büro hat. Ihn ärgert der Vorwurf, dass seine Gemeinde Negativ-Vorreiter sei. „Das ist total daneben“, meint der Mann von der Unabhängigen Bürgerliste, „ich zerstöre keine Natur.“ Der Platz sei „keine wertvolle Fläche“. Einen Autohof werde es dort nicht geben, sondern „schöne, kleine Handwerksbetriebe“. Niederbayern habe Nachholbedarf bei Arbeitsplätzen.

Iggensbach hat ein Wirtshaus, die Pfarrkirche „Maria Namen“ und einen Schaukasten, in dem die CSU lobt: „Bayern steht glänzend da.“ Der Bürgermeister braucht Gewerbesteuereinnahmen, das ist nicht nur hier ein wesentlicher Grund für neue Gewerbegebiete. „Wir müssen die Straßen sanieren“, sagt Haider, „wir müssen den neuen Kindergarten bezahlen.“ Der im Übrigen voll ist. „Wir können die Pflichtaufgaben einer Kommune kaum erfüllen.“ Wenigstens dafür soll die Autobahnanbindung gut sein, sonst hat die Gemeinde „nur den Lärm“ und 80 Unfälle pro Jahr – wofür sie wiederum die Feuerwehr bereithalten muss.

Auch anderswo in Bayern wird die Landschaft zugebaut. Doch in Niederbayern ist es besonders drastisch. An der A3 reihen sich die Gewerbegebiete wie Perlen auf einer Schnur. Hinter Deggendorf kommt Hengersbach, dort gibt es eines. Die nächste Ausfahrt ist Iggensbach. Es folgt das Gewerbegebiet Garham, wo 2017 schon der zweite Bauabschnitt erschlossen werden soll.

Und dann: Rathsmannsdorf, ein ganz besonderer Fall. Auf 19 Hektar – 27 Fußballfelder – ist hier zu sehen, was Iggensbach womöglich bevorsteht. Helgard Gillitzer, Biologin und beim BN Vilshofen aktiv, stapft über den zugefrorenen gelb-roten Boden. „Ich fass es nicht“, sagt sie immer wieder. „Das tut mir so weh.“ Vor vier Jahren war hier alles gerodet worden für das Gewerbegebiet, jetzt ist es eine riesige, platte Fläche. Ein Bauunternehmen hat ein Gebäude für sich errichtet – ansonsten ist nichts als Ödnis.

Um Rathsmannsdorf gab es einen aggressiven Kampf zwischen dem BN und der Marktgemeinde Windorf, zu der das Gelände gehört. Die Gemeinde hätte „überall getrickst“, schimpft BN-Frau Gillitzer, und sie „übers Ohr gehauen“. Wertvolle Biotope seien auf Karten einfach nicht eingezeichnet gewesen.

Windorfs Bürgermeister Franz Langer (CSU) sagt, dass alles geklärt ist, vor dem Verwaltungsgerichtshof haben die Naturschützer verloren. Er wirft dem BN vor, mit „Lügen und Falschaussagen“ zu arbeiten. Das Gewerbegebiet sei ein „Zeichen gegen die Landflucht“. Und die Landschaft sei ja häufig nicht durch Gewerbegebiete entstellt – „sondern durch riesige Solar-Anlagen“.

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05.01.2017, 06:00 Uhr

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