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"Wir können das finanziell stemmen"

Ökonom: Flüchtlinge nehmen uns nichts weg

Überfordern Zehntausende Flüchtlinge Deutschland? Der Ökonom Marcel Fratzscher warnt: Ein Teil der Politik schüre zu Unrecht Ängste.

07.11.2015
  • DPA

Berlin Deutschland kann die Flüchtlingskrise nach Ansicht des Ökonomen Marcel Fratzscher finanziell meistern. "Es ist ein Kraftakt, absolut", sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die finanziellen Belastungen sehe er aber entspannt. "Ich glaube, wenn man die letzten 70 Jahre zurückschaut, könnte es eigentlich keinen besseren Zeitpunkt geben, um mit der Herausforderung umzugehen."

Die öffentlichen Haushalte hätten riesige Reserven. "Wir rechnen mit 15 Mrd. EUR Überschüsse für nächstes Jahr, obwohl dort schon knapp 10 Mrd. EUR zusätzliche Kosten für Flüchtlinge berücksichtigt sind", sagte Fratzscher. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) werde dieses und nächstes Jahr die schwarze Null schaffen. "Finanziell können wir das stemmen." Die große Frage danach sei, wie gut Flüchtlinge in Arbeit kämen. Jeden Tag kommen derzeit Tausende Menschen etwa aus Syrien ins Land, zum Beispiel über die deutsch-österreichische Grenze.

In der öffentlichen Debatte spiele ein Teil der Politik mit den Ängsten der Menschen und schüre einen Verteilungskampf, kritisierte Fratzscher.

Zum Beispiel stimme das Argument nicht, wegen der Ausgaben für Flüchtlinge müssten womöglich Sozialleistungen oder Renten gekürzt werden. "Diese erste Sorge 'Es ist weniger Geld für uns übrig' ist falsch." Die Ausgaben müsse man vielmehr als Investition sehen - ähnlich wie bei frühkindlicher Bildung, sagte er. Das Geld komme auch erst Jahre später wieder zurück, wenn die einstigen Kinder berufstätig seien und über Steuern mehr als die Summe zurückzahlen könnten.

Ein zweites Argument sei, dass Flüchtlinge Arbeitsplätze wegnähmen. Das stimme ebenfalls nicht. "Der Arbeitsmarkt in Deutschland läuft hervorragend", sagte Fratzscher. Deutschland habe eine rekordniedrige Arbeitslosenquote. "Wir haben 600 000 offene Stellen, und das sind nur die, die ausgeschrieben sind", sagte Fratzscher. Es gebe also nicht zu wenige Stellen, sondern es gehe darum, Menschen mit passenden Stellen zusammenzubringen.

Fratzscher sieht in Flüchtlingen keine Konkurrenz zu Arbeitslosen, sondern ein eher strukturelles Problem: Viele Menschen seien langzeitarbeitslos. Das sei eine ähnliche Herausforderung wie bei Flüchtlingen. "Es ist völlig falsch, dass Flüchtlinge Deutschen Jobs wegnehmen."

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07.11.2015, 12:00 Uhr

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