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Das Ende der Mörikeschule

Ohne Nachwuchs keine Chance: Gemeinderat entschied sich einstimmig für die Aufgabe

Eindrücklicher hätte man kaum demonstrieren können, dass der zähe politische Kampf um die Hauptschule – zumindest in Tübingen – entschieden ist: Einstimmig und ohne jeden Kommentar beschloss der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung, die eben erst zur Werkrealschule beförderte Mörikeschule aufzugeben.

29.10.2012
  • SePP Wais

Tübingen. Auch ohne Nachruf und Debatte – es war ein historischer Beschluss. Die eigentliche Entscheidung über die Mörikeschule haben aber lange zuvor die Schüler und Eltern getroffen, die erst der Haupt- und dann der Werkrealschule im Tübinger Süden aus dem Weg gingen. „Die diesjährigen Anmeldezahlen für die fünfte Klasse“, so funkte Schulleiter Hartmut Wirsching im Juli ins Rathaus, „haben gezeigt, dass diese Schulart gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert wird und somit auch keine Perspektive mehr hat.“

Angesichts dieses Befundes sah Wirsching keinen Sinn mehr darin, noch länger an der „aussterbenden Schulart“ festzuhalten. Er bat die Stadtverwaltung darum, im Gemeinderat baldmöglichst auf die Aufgabe der Schule und deren „sinnvolle Abwicklung“ hinzuwirken. Formal korrekt muss die Stadt dazu bei der staatlichen Schulverwaltung eine Auflösung beantragen. Das hat der Tübinger Rat nun getan. Jetzt ist es Sache des Landes offiziell festzustellen, „dass das öffentliche Bedürfnis für die Fortführung der Schule nicht mehr besteht“. Damit wird dann in aller Form das Ende einer wichtigen Tübinger Bildungsanstalt besiegelt.

Die Mörikeschule wurde nach 14-monatiger Bauzeit am 16. November 1951 eingeweiht – und bei dieser Gelegenheit vom TAGBLATT in großen Lettern als „Tübingens modernste Schule“ gefeiert. Mit Grund: In dem lang gestreckten Gebäude an der Primus-Truber-Straße sorgte eine damals ungewöhnlich dicht gestaffelte Fensterfront dafür, dass viel Licht und Luft in die Klassenzimmer kam. Auch in pädagogischer Hinsicht sollte an dieser Schule ein frischer Wind wehen. Deshalb kamen die bis dahin üblichen Katheder erst gar nicht ins Haus. Die Lehrer sollten mit ihren Klassen „auf gleicher Ebene stehen“.

Die Mörikeschule verdankte ihre Existenz dem starkem Bevölkerungswachstum unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit ihm stieg die Zahl der Volksschüler in Tübingen in wenigen Jahren von 2600 auf 3500 an. Schließlich ging es in den Schulhäusern so eng zu, dass die Schüler zu verschiedenen Tagschichten in den Unterricht kommen mussten – was die Lehrer „aus erzieherischen und sozialen Gründen sehr nachteilig“ fanden. Bereits 1948 hielt es der Gemeinderat deshalb für notwendig, eine weitere Volksschule zu bauen – ein Jahr später war sie beschlossene Sache.

Alles in allem ließ sich die Stadt das neue Schulhaus für die Kinder aus den Wohnvierteln südlich des Neckars (umgerechnet) etwa 400 000 Euro kosten. Unter ihrem Dach war Platz für 650 Schüler, die anfangs noch getrennt in einer „christlichen Gemeinschaftsschule“ sowie in einer evangelischen und einer katholischen Bekenntnisschule unterrichtet wurden. Diese drei „Schulsysteme“ in einer „Simultanschule“ räumlich zusammengefasst – das war seinerzeit eine bemerkenswerte Neuerung. Auch sonst zeigte man sich an der Mörikeschule überaus flexibel: Anstatt die Schüler weiterhin in starre Schulbänke zu zwängen, beschaffte man für sie ein „modernes bewegliches Gestühl“.

Ausweichquartier für die Französische Schule

15 Jahre nach dem Einzug wurde die Hauptschule eingeführt, in der die Schüler/innen der fünften bis neunten Klasse eine „über das seitherige Volksschulniveau wesentlich hinausgehende Förderung“ erhalten sollten, „die den Übergang in weiterführende Schulen ermöglicht“. Diese Weiterung und die chronische Finanznot der Unistadt sorgten bald für neue Raumprobleme, für übergroße Klassen und Schichtunterricht. Daran änderte auch ein 850 000 Euro teurer Platten-Anbau im Jahr 1971 nicht viel: Die Raumnot plagte die Schule noch viele Jahre.

Anfang der 1990er Jahre brachte die Auslagerung einiger Grundschulklassen in die Französische Schule zwar etwas Linderung. Der Durchbruch gelang aber erst 1994 mit dem Bau der Grundschule am Hechinger Eck. Was damals als überfälliger Befreiungsschlag für die Mörikeschule gedacht war, erwies sich im Nachhinein jedoch als ungewollter Tiefschlag mit tödlicher Langzeitwirkung. Nach dem Abzug der Grundschüler wurde die Mörikeschule zur reinen Hauptschule, die sich anfangs auch prächtig entwickelte – erst mit der Einrichtung eines freiwilligen zehnten Jahres (1996), dann mit dem Ausbau zur Ganztagsschule (2001).

Schließlich sollte aber auch sie – eben erst zur Werkrealschule ernannt – das Schicksal von so vielen Hauptschulen im Land ereilen. Der stetige Rückgang der Geburtenzahlen einerseits und der zunehmende Run auf die Realschulen und Gymnasien andererseits zehrte die Mörikeschule aus bis zum Exodus. Ihre Räume werden allerdings noch gebraucht. Fürs erste sollen dort Gruppen der Sekundarstufe der Französischen (Gemeinschafts-)Schule untergebracht werden. Im Frühjahr 2013 will man im Rathaus dann über ein langfristiges Nutzungskonzept für die Schulgebäude beraten.

Ohne Nachwuchs keine Chance: Gemeinderat entschied sich einstimmig für die Aufgabe
In ihren Anfangsjahren (hier ein Bild von 1953) galt die Mörike-Schule als „modernste Schule“ in Tübingen, an der zeitweise fast 1000 Kinder und Jugendliche unterrichtet wurden. Zuletzt meldeten sich so wenig Fünftklässler für die Werkrealschule an, dass keine Eingangsklasse mehr zustande kam. Bild: Stadtarchiv

Im vergangenen Schuljahr besuchten noch 165 Schüler(-innen) in zehn Klassen die Mörikeschule.
Im Herbst dieses Jahres wurden wegen zu geringer Anmeldezahlen erstmals keine Eingangsklassen mehr gebildet. Deshalb werden dort zur Zeit nur noch 129 Schüler(-innen) in acht Klassen unterrichtet. Nächstes Jahr werden es noch sechs, im Schuljahr 2014/15 nur noch fünf Klassen sein. Zum Ende des Schuljahres 2015/16 werden die letzten beiden Klassen mit dann noch etwa 35 Schüler(-innen) die Werkrealschule an der Primus-Truber-Straße verlassen. In nächster Zeit will die Schulleitung zusammen mit der staatlichen und städtischen Schulverwaltung ein Übergangskonzept entwickeln, um den verbleibenden Mörikeschülern in dieser vierjährigen Auslaufphase eine gute Unterrichtsversorgung zu gewährleisten.

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29.10.2012, 12:00 Uhr

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