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VfB-Trikots brachen den Bann

Ohne den Tübinger Stefan Paul würde der ersten großen Bob-Marley-Doku das Finale fehlen

Seit gestern läuft in den Kinos die monumentale Dokumentation über den 1981 gestorbenen Reggae-Weltstar Bob Marley. Rund zehn der 140 Filmminuten hat der Tübinger Filmemacher und Kinobetreiber Stefan Paul beigesteuert.

18.05.2012
  • Klaus-Peter Eichele

Tübingen. 1979 reiste Stefan Paul, der zuvor schon einige Popmusik-Reportagen fürs Fernsehen gedreht hatte, nach Jamaika, um im Auftrag des damaligen Südfunks das „Reggae Sunsplash“-Festival filmisch zu dokumentieren. Bei dem Großkonzert in Montego Bay trafen sich fast alle Heroen der Musikrichtung, die damals im Begriff stand, die Welt zu erobern: Peter Tosh, Burning Spear, Third World und eben Bob Marley. Dass dies der letzte Auftritt des bereits krebskranken Rasta-Stars auf heimatlichem Boden werden sollte, konnten Paul und sein Team nicht ahnen.

Als das Konzert im Kasten war, beschloss Paul, das Phänomen Reggae noch etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. An Marley faszinierte den Achtundsechziger der Einklang von Musik und politischer Botschaft, besonders im Hinblick auf die Befreiung der Dritten Welt. Die Kontaktaufnahme zu dem gegenüber Westlern als reserviert geltenden Rastafari gestaltete sich jedoch schwierig. „Wir lungerten vor seinem Studio herum, ohne dass uns jemand beachtet hätte“. Erst zwei VfB-Stuttgart-Trikots, die Paul als Köder im Gepäck hatte, brachen das Eis – schließlich war Marley ein großer Fußballfan und leidenschaftlicher Hobbykicker. Anschließend gewährte der angehende Weltstar mehrere lange Interviews und ließ sich beim Bolzen filmen. 1998 verwendete Adidas diese Aufnahmen für einen Werbespot zur Fußball-WM.

Wieder daheim, schnitt der Tübinger die Doku „Reggae Sunsplash“, als ihn die Nachricht erreichte, dass sich Marleys Krankheit dramatisch verschlimmert habe und die amerikanischen Ärzte ihn aufgegeben hätten. Pauls Kompagnon, der Tübinger Rechtsanwalt Gerd Unger, machte den Todgeweihten auf den „ganzheitlichen“ Krebsmediziner Josef Issels aufmerksam, der damals als Wunderheiler in allen Medien war. Marley ergriff den vermeintlichen Rettungsanker. Im November 1980 ging er nach Rottach-Egern am Tegernsee, um sich an Issels‘ Klinik behandeln zu lassen. „Wir haben ihn jede Woche besucht und gemeinsam den Film im dortigen Kino angeschaut“, erzählt Paul. „Anfangs konnte er kaum gehen. Er war abgemagert und die Dreadlocks waren abrasiert. Als wir ihn ein paar Wochen später beim Kicken im Schnee sahen, dachten wir, das Schlimmste sei überstanden.“ Doch im Mai 1981 kam ein schwerer Rückschlag. Marley wollte zurück nach Jamaika, doch er schaffte es nur noch bis Miami, wo er kurz nach der Ankunft starb.

In Rottach-Egern wollte Paul aus Pietätsgründen keine Filmaufnahmen machen. Zum Begräbnis in Marleys Heimatdorf war er aber wieder mit der Kamera dabei. „Offenbar waren wir das einzige professionelle Team, das die Prozession und die Beerdigung gefilmt hat“, wundert sich Paul im Nachhinein. So kommt es, dass das berührende Finale in der neuen Bob-Marley-Doku zum Großteil aus Tübinger Material besteht. Zehn Kisten mit Filmrollen hat Paul den Produzenten, darunter Bob Marleys Sohn Ziggy, zur Verfügung gestellt. Rund zehn Minuten hat der britische Regisseur Kevin Macdonald („Der letzte König von Schottland“) davon verwendet – neben dem Begräbnis auch etliche Schnipsel von Marleys Auftritt bei „Reggae Sunsplash“.

Finanziell hat sich das Engagement für Paul nach eigenen Angaben nur mäßig gelohnt. Allerdings hat er jetzt Zugriff auf sein gesamtes Filmmaterial in digitaler Form. Dass daraus irgendwann eine Marley-Biografie made in Tübingen ensteht, ist aber unwahrscheinlich – vor allem wegen der teuren und kompliziert zu erwerbenden Musikrechte. Allein für den ersten globalen Marley-Hit „I Shot The Sheriff“ existieren laut Paul unzählige angebliche oder tatsächliche Komponisten – zum Teil noch aus der Ska-Ära der frühen sechziger Jahre.

Ohne den Tübinger Stefan Paul würde der ersten großen Bob-Marley-Doku das Finale fehlen
Erst mussten sie lange warten, dann klappte es doch noch: Stefan Paul, Bob Marley und das Filmteam bei den Dreharbeiten.

„Marley“ ist die erste umfassende Filmbiografie über den jamaikanischen Reggae-Star. Minutiös, immer spannend, kulturhistorisch aufschlussreich, zeichnet Regisseur Kevin Macdonald Marleys Leben und Karriere nach. Seine Rolle als musikalischer Bahnbrecher wird ebenso beleuchtet wie sein Status als Ikone politischer Befreiungsbewegungen. Der Film enthält viel bis dato unveröffentlichtes Film- und Bildmaterial von Konzerten und aus dem Privatarchiv der Familie. Daneben kommt gut ein Dutzend Weggefährten aus der Musikszene und dem Bekanntenkreis mit zum Teil widersprüchlichen Statements zu Wort. „Marley“ läuft bis kommenden Mittwoch täglich um 20.45 Uhr im Kino Arsenal.

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18.05.2012, 12:00 Uhr

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