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Wir sind komplett gescheitert

Oliver Schmitt von der „Titanic“-Boygroup zieht beim Blick zurück und voraus eine verheerende Bilanz

Auf Einladung des Zimmertheaters tritt die Titanic-Boygroup auf ihrer derzeitigen Abschiedstour morgen um 20 Uhr im Löwen auf. Wir sprachen vorab mit Oliver Schmitt.

28.11.2012
  • Fragen: Peter Ertle

TAGBLATT: 15 Jahre Erfolg mit der „Titanic“-Boygroup, jetzt das Ende – was ist der Grund?

Schmitt: Nach über 15 Tourjahren und 1000 ausverkauften Auftritten können wir uns einfach nicht mehr riechen. Wir reisen mit drei verschiedenen Limousinen an und betreten die Auftrittsorte durch drei verschiedene Eingänge. Im Löwen ist das ein Problem, weil es nur einen Hintereingang gibt. Es müssen also zwei provisorische hinzukommen. Auf der Bühne ignorieren wir uns dann völlig.

Sind das normale Abnutzungserscheinungen oder gab es auch hässliche Vorfälle?

Auch das, ja. Kürzlich haben wir herausgefunden, dass wir jahrelang alle mit der gleichen Frau verheiratet waren. Das steckt man nicht so leicht weg.

Aber es gab doch bestimmt auch Highlights bei den Auftritten der vergangenen 15 Jahre?

Ein Höhepunkt war bestimmt, als nach einem Tübinger Auftritt in den Neunziger Jahren ganz überraschend Walter Jens in unserer Umkleidekabine auftauchte und uns zu einer geilen Aftershow-Clubsause in den geheimen Partykeller des Brechtbaus einlud. Ich habe ja bei Jens Rhetorik studiert, allerdings hatten wir Studenten damals keinen Zutritt zu diesem Partykeller.

Wieviele Kuscheltiere wurden im Schnitt pro Abend auf die Bühne geworfen?

Früher waren’s mehr. Mit zunehmendem Alter werfen uns die Fans mehr gebrauchte Gebisse, Potenzmittel und Inkontinenzwindeln auf die Bühne. Aber das macht nichts – so lange es von Herzen kommt.

Wer von Ihnen hatte die meisten Groupies?

Eindeutig Thomas Gsella. Wenn er im Zugabenteil seinen weißen Bademantel öffnet und den mächtig behaarten Silberrücken entblößt, gibt’s in der Regel kein Halten mehr.

Genug der Rückblicke, was erwartet den Zuschauer bei der Abschiedstournee?

Wir bieten 240 Minuten Spaß, Spiel, Spannung, Zauberei, Jonglage, Illusionskunst, bodenständigen Rock vom feinsten, Emotion pur und jede Menge Knüllerangebote. Dazwischen kann es zu gezielten Beleidigungen von Bundeskanzlerinnen kommen, zu Entlassungen von Pharma-Lobbyisten, Unterstellungen, Tatsachenverdrehungen und natürlich auch Witzen auf Kosten Dritter – und da sind die Hitler-, Gauck- und Tübingen-Witze noch gar nicht mitgerechnet.

Was bleibt? Glauben Sie, Sie konnten in den vergangenen 15 Jahren die Satire-Kompetenz der Deutschen erhöhen?

Nein, wir sind komplett gescheitert, wir stehen vor den Trümmern unserer Existenz. Wir haben die Satirekompetenz der Deutschen kein Stück vorangebracht. Sie lachen noch über die gleichen Witze. Auch aus Protest gegen diese Haltung lösen wir uns auf.

Welche deutsche Region zeichnet sich in Sachen Satire-Affinität besonders aus? Und wie schneidet Tübingen dabei ab?

Noch immer ist der nahe Osten Deutschlands, also das Beitrittsgebiet, ein Schwerpunkt unserer Aufklärungsarbeit. Martin Sonneborn hat ja eigens dafür „Die Partei“ gegründet, um die Ostgebiete durch eine noch zu errichtende Mauer auch baulich wieder vom Westen abzutrennen und den Soli-Transfer in den Osten zu stoppen. Damit wollen wir prekäre Elendsgebiete im Südwesten sanieren, zum Beispiel in Derendingen, das ja doch noch sehr an die späte DDR erinnert. Tübingen schneidet mit dem Stammtisch „Unser Huhn“, aus dem die „Titanic“ ja teilweise hervorgegangen ist, im nationalen Satire-Ranking dagegen eher gut ab. Rätselhaft genug.

Ein kurzer Blick in die Zukunft: Wie groß schätzen Sie die Chancen einer Reunion ein?

Minimal. Unser Angebot an die Daimler AG, die Titanic-Boygroup gegen die einmalige Zahlung von 124 Millonen Euro in „TITANIC-Daimler Automotive Satire & Fun Joke Manufacturing Fulfilment Inventive Group“ umzubenennen, wurde von Daimler ignoriert. Zetsche hat, von seinem Bart abgesehen, keine Visionen. Leider fehlt uns so die wirtschaftliche Grundlage, um weiterzumachen. Eine Lesungstour ist technisch irrsinnig aufwendig: Mikrofone, drei Stühle, ein Tisch – Wahnsinn, was man da alles braucht. Wir legen da letztlich nur drauf. Deshalb ist jetzt Schluss.

Oliver Schmitt von der „Titanic“-Boygroup zieht beim Blick zurück und voraus eine verheerende
Von links: Die Boygroup mit Oliver Schmitt, Martin Sonneborn, Thomas Gsella und Hündchen Karl Theodor.

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28.11.2012, 12:00 Uhr

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