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Osterfestspiele

Oper ist mehr als nur Luxusklang

Sir Simon Rattle dirigiert Puccinis Thriller „Tosca“ in Baden-Baden, Christian Thielemann eine historische „Walküre“ in Salzburg.

10.04.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Baden-Baden/Salzburg. Der Erzbischof beklagte damals, dass an Gründonnerstag das Pontifikalamt im Dom samt Fußwaschung mit der „Walküre“ kollidiere. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben: In Salzburg war damit nicht nur Wagners Wotan gemeint, sondern auch Herbert von Karajan, der 1967 in seiner Heimatstadt die Osterfestspiele mit den Berliner Philharmonikern begründete. Der Klassik-Gott setzte sich durch. In rebellischer Zeit, als Pierre Boulez noch forderte, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen, zelebrierte er kultische Wirtschaftswunderkultur.

„Ich kann zu einer wirklich tiefen Aussage nicht kommen, wenn jemand Regie führt, der nicht mit meinen Augen sieht, mit meinen Ohren hört und nicht mein Herz hat“, sagte Karajan. Also machte er es selbst, und Günther Schneider-Siemssen schuf dafür ein kosmisches Bühnenbild. Bezeichnend, dass Karajan zuerst im Studio mit dem Ensemble die LP einspielte und dann in den Proben teils nach Tonbandaufnahmen das Personal aufstellte.

So liebte das wohl auch Christian Thielemann, der kapitalste Karajan-Jünger. Es ist eine aparte Idee der Salzburger, zum Jubiläum diese „Walküre“ als eine „Re-Kreation“ zu zeigen, mit dem rekonstruierten Bühnenbild. Aber das war‘s dann leider. Vera Nemirova inszenierte dazu neu ein kindergartennaives Märchen, belangloses Hojotoho. Die Riesen-Weltesche, die Geschwister-Liebe davor am Lagerfeuer, die Farbspiele am Horizont: rührend altmodisch. Und lächerlich, wenn Siegmund im Parka (beeindruckend bei Heldentenor-Stimme: Peter Seiffert) das Schwert verliert oder Sieglinde (die wunderbar beseelte Anja Harteros) ständig aus Ergriffenheit in Ohnmacht fallen muss. Später wächst sich das aus zum endlosen sich Ansingen auf Ring-Teilen vor schraffierter Malerei.

Also zuhören. Wenn Karajan einst in Salzburg sein Gegen-Bayreuth ausrief, so macht Thielemann jetzt Bayreuth zwo: In der Staatskapelle Dresden sitzen viele Musiker, die sommers auf dem Grünen Hügel im Festspielorchester spielen. Grandioser Klang, aber eben nicht nur, sondern ein wahres Musikdrama; so lyrisch-romantisch bis hoch emotional und überwältigend effektvoll, immer aus dem Moment heraus. Die ganze Staatskapelle holte sich dafür auf der Bühne die verdienten Ovationen ab. Auch die Sänger: absolute Weltklasse, darunter Anja Kampe als hell jugendliche Brünnhilde. Nur Vitalij Kowaljows Wotan bröckelte ausgerechnet beim Feuerzauber etwas die Stimme.

Diese „Walküre“ war ein Erlebnis, das noch stärker hätte ausfallen können, denn man hört auch mit dem Auge, mit dem Verstand. Die Musik brennt sich tiefer ein, wenn das Bühnengeschehen sie rückkoppelt, verstärkt.

Wie funktioniert das in Baden-Baden? Karajans Berliner Philharmoniker sind ja schon vor fünf Jahren unter Sir Simon Rattle dorthin weitergezogen, um ihre Osterfestspiele an der Oos zu veranstalten. Luxusklang auch dort im Festspielhaus. Aber in einer neuen Inszenierung. Philipp Himmelmann, vor Jahren in Bregenz umjubelt für die spektakuläre „Tosca“ auf der Seebühne mit dem Riesenauge, erntete freilich deftige Buhs. Man weiß nicht ganz, aus welcher Ecke: Vielleicht stirbt Tosca für konservative Operngänger zu unschön, sie keult sich selbst mit dem Bolzenschussgerät. So wie ihr geliebter Cavaradossi nicht pittoresk von einem historisch uniformierten Erschießungskommando in der sternenbeglänzten Engelsburgkulisse niedergestreckt wird. Modernistisch aber fällt die Inszenierung ja gar nicht aus. Sollte Himmelmann aber dafür abgestraft worden sein, dass er seine Sicht auf Puccinis Opernthriller halbgar bis handwerklich schwach umsetzte und dabei die Starsänger auf Rampentheater beharrten, wunderte es nicht.

Scarpia ist der Sektenführer im Überwachungsstaat. Er herrscht vor einer Riesenvideowand (Bühne: Raimund Bauer), seine Waffe ist die Kamera, die Menschen sind nur Objekte. Tosca nimmt er für sich in Großaufnahme gefangen, gewissermaßen als Elektro-Fresko. Nur dass der Regisseur seine Story von dem Bösen mit Kontrollzwang, der seinen Trieben erliegt, und von Künstlern, die selbstverliebt und weltfremd jede Gefahr unterschätzen, nicht schlüssig erzählt. Bildstörung, könnte man sagen. Die Folterszene etwa: Warum wird der leidende Cavaradossi nicht eingeblendet in die Machtzentrale, wenn Scarpia gierig geil Tosca erpresst? Wo „Big brother“ Scarpia doch überall seine Augen haben müsste? Konsequent bitter allerdings ist das Ende: Über den Selbstmord Toscas lachen Scarpias Schergen nur – und übernehmen.

Die Sänger: leider nicht nur Festspielklasse. Evgeni Nikitin ging als Scarpia fast die Puste aus, sein Bariton verorgelte zunehmend indisponiert. Kristine Opolais drehte als Tosca großspurig divenhaft auf, das passte zur Rolle, sie erhielt Sonderapplaus für die emotionale Arie „Vissi d‘arte“, farbenfunkelnd war ihre Stimme nicht. Marcelo Alvarez aber steigerte sich als Cavaradossi zu leidenschaftsvoll üppiger Tenorpracht. Auch er ließ sich nach seinem Hit „Und es blitzten die Sterne“ extra feiern.

Hingehauchte Streicherwolken, Celli-Schmelz, eine Seele von Solo-Klarinette: Wie in Salzburg triumphierten Dirigent und Orchester. Cinemascope-Sound der Berliner Philharmoniker, perfekt gespielt und ausbalanciert (bis auf zu schrilles Flöten-Forte). Rattle dirigierte diese Oper über den Maler Cavaradossi nicht gerade als expressives, hitzig aufgeladenes Action-Painting, sondern eher kühl (was die Akustik im Baden-Badener Festspielhaus verstärkt) bis altmeisterlich pastos. Aber faszinierend, vollendet sinfonisch ausgemalt: so fein wie kraftvoll groß.

Zwei zu null also für die Orchester bei den Osterfestspielen, was freilich kein wirklicher Sieg in der Oper ist.

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10.04.2017, 06:00 Uhr

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