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Charaktervoll, mit französischem Zungenschlag

Orgeln in der Region (2): Jan Janca und Wilfried Rombach erklären die Rieger-Orgel in der Tübinger Johanneskirche

Derjenige, der eigentlich über die Rieger-Orgel sprechen sollte, kann es leider nicht mehr. Am Osterdienstag verstarb Jürgen Maag nach 17 Jahren Amtszeit als Organist an St. Johannes. An seiner Stelle porträtieren in der zweiten Folge unserer Orgel-Serie Maags Vorgänger Jan Janca und sein Nachfolger Wilfried Rombach das Instrument.

27.08.2014
  • Achim Stricker

Tübingen. Die Kantorenstelle an St. Johannes war in den letzten Jahrzehnten hälftig geteilt gewesen: in das Organistenamt, auf das Maag 1997 berufen wurde, und die Chorleitung der Johanneskantorei, die Rombach 1999 übernahm. Nach Maags Tod hat der Kirchengemeinderat nun einstimmig beschlossen, die Stelle nicht wieder mit einem Konzertorganisten zu besetzen und den Schwerpunkt künftig mehr auf die Gottesdienstgestaltung zu verlagern.

Rombachs Tätigkeitsbereich und Dienstvertrag wurden daher zum ersten Juni um 30 Prozent erweitert. Weitere 15 Prozent aus Maags Deputatsanteil übernimmt Florian Bauer, nunmehr zweiter Organist und Kirchenmusik-Assistent an der Johanneskirche. Die Dozentenstelle am Wilhelmsstift, die bislang zum Organistenamt gehörte, soll gesondert ausgeschrieben werden.

Die Orgel legte von selber los

Wenn Rombach und Janca an der Rieger-Orgel stehen, Vorgänger und Nachfolger, klafft zwischen ihnen der Verlust von Jürgen Maag wie eine Lücke. Am Spieltisch der Orgel liegen noch letzte persönliche Gegenstände von ihm: Notizzettel, ein Bleistift, eine Schachtel mit Bonbons. Über die Rieger-Orgel weiß aber wohl keiner so genau Bescheid wie Jan Janca. In seiner Zeit als Organist an St. Johannes von 1971 bis 1996 hat er ihren Bau in den 1980ern initiiert und betreut.

Die Vorgeschichte: Die neugotische katholische Johanneskirche war selbst erst zwei Jahre alt, als sie 1880 von der Ulmer Firma Branmann eine grundtönig warme Orgel bekam. 1962 riss man das romantische Instrument etwas voreilig heraus für eine modisch neobarocke Orgel der Brüder Späth. Die parallel eingebaute Kirchenheizung machte ihr schnell zu schaffen. Durch die warme und trockene Luft bekam die Orgel „Durchstecher“ und „Heuler“, spielte mitunter von allein los, weil die Abdichtungen nur gespundet waren, erinnert sich Janca.

Bis genug Spenden für eine neue Orgel zusammenkamen, spielte Janca auf einer elektronischen Orgel vorn am Ambo. Einer der predigenden Theologie-Professoren meinte seinerzeit, das sei doch eine wunderbar pragmatische Lösung, man müsse doch nicht so viel Geld für eine neue Orgel ausgeben.

Aber Janca setzte sich durch, auch mit seinem Qualitätsbewusstsein. Er legte Wert auf eine Werkstatt mit weltweitem Namen. So fiel 1987 die Wahl auf die erstklassige Firma Rieger aus Schwarzach in Vorarlberg, die 1988 auch die Orgel der Reutlinger Marienkirche baute. „Weniger bekannte Firmen hätten für denselben Preis weit größere Orgeln angeboten – aber eben auch weniger schöne“, bringt Janca es auf den Punkt. Als profunder Orgelfachmann wusste er, dass Rieger auch die Zungenpfeifen nach Maß selbst anfertigt, während andere Werkstätten sie von der Stange über Konfektionshersteller beziehen. Jede Pfeife stundenlange Handarbeit, einzeln gerollt und gelötet.

Rieger schenkte Janca und der Johannesgemeinde sogar ein zusätzliches Sifflet-Register, wollte dafür aber den Tastenumfang bis g3 verkürzen. Janca konnte Rieger dann aber doch noch um zwei Halbtöne auf a3 hochhandeln. Das 1990 eingeweihte dreimanualige Instrument mit seinen 2734 Pfeifen sollte eine Universalorgel werden, auf der alle Stile darstellbar sind – mit leichter Betonung der französischen Spätromantik: Franck, Widor oder Vierne. Als stilistisches Vorbild dienten keine Geringeren als die berühmten Cavaillé-Coll-Orgeln der großen französischen Kathedralen. Zweifellos ist die Rieger-Orgel in St. Johannes eine der schönsten der Region, mit einem einheitlich geschlossenen Klangcharakter.

Wie war Jancas erster Eindruck, als im Januar 1990 mit dem Prinzipal-Register die Grundpfeifenreihe eingebaut wurde? Er kann sich noch genau erinnern, wie er darauf improvisierte und unten im Mittelgang die damals jugendliche Tübinger Geigerin Julia Galic stand und von den Klängen ganz begeistert war. Janca selbst hatte leichte Kritikpunkte. Eigentlich hätte er eine weichere Klanggebung gewollt, aber sein Wunsch-Intonateur, zuständig für die Feinabstimmung der Registerfarben, war seinerzeit unabkömmlich.

Seit der Renovierung 2011 hat die Rieger-Orgel nun insgesamt 40 Register. Manche sind in Tübingen einzigartig: „Etwa das ‚Cromorne‘, also Krummhorn, typisch französisch, sonor und stark linienzeichnend“, erklärt Janca. Auch die Flute harmonique ist etwas Besonderes: Bei doppelter Pfeifenlänge überbläst sie in die obere Oktave, was einen durchsichtig ätherischen Klang erzeugt.

Irgendein Lieblings-Register? So etwas darf man einen Organisten eigentlich nicht fragen, ist er es doch gewohnt, potentiell alle Register ziehen zu können. Janca entscheidet sich schließlich für die Koppelflöte, Rombach für die eine Oktave höhere Traversflöte. Zu den jeweiligen Registern improvisiert Janca kurze Stücke im passenden Stil. Rombach schaltet Register um Register zu, um einmal das „volle Werk“ vorzuführen.

Im Tutti-Fortissimo ist die Orgel für diesen vergleichsweise schmalen Kirchenraum fast zu klanggewaltig. Rieger ist bekannt für seine kraftvollen, bisweilen aggressiven Zungenpfeifen. Ein Gastorganist kommentierte Janca gegenüber einmal ehrfürchtig: „Das ist ja ein Düsenjäger!“

Schwellwerk als kleine Orgel in der Orgel

Daher ummantelte Rieger vor drei Jahren das Schwellwerk der Orgel zur Dämpfung mit einer sandgefüllten Doppelwand. Ein Schwellwerk ist gewissermaßen eine kleine Orgel in der Orgel: ein separates Gehäuse mit eigenen Pfeifenreihen, das durch klappbare Jalousien geöffnet oder verschlossen werden kann – was ein stufenloses An- oder Abschwellen der Lautstärke ermöglicht. In St. Johannes ist das Schwellwerk mit 16 Registern relativ umfangreich (das Schwellwerk der Stiftskirchen-Orgel hat nur zwei Register mehr). Bei geschlossener Schwellwerk-Jalousie ist nun auf der Rieger-Orgel durch die doppelte Sandwand ein feinstes Pianissimo möglich.

Bei der Renovierung 2011 wurden außerdem Oboen- und Trompeten-Register gegen klangschönere, fokussiertere Pfeifen ausgetauscht; das Instrument bekam zusätzlich ein hölzernes, tiefes Bordun-Register in 16-Fuß-Größe, das außen an der Orgelrückwand angebracht wurde.

„Nicht zuletzt spielt sich die Rieger-Orgel sehr angenehm“, meint Rombach: „Das gibt es sehr selten, dass man sich an eine Orgel setzt und sich sofort wohlfühlt.“ Und Janca resümiert: „Rieger ist eben einfach ein guter Orgelbauer.“

Orgeln in der Region (2): Jan Janca und Wilfried Rombach erklären die Rieger-Orgel in der
Mächtiges Sturmgebraus im Sommer: Jan Janca (auf der Orgelbank sitzend ) und Wilfried Rombach testen die Rieger-Orgel in der Johanneskirche.Bild: Faden

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27.08.2014, 12:00 Uhr

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