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Trainer der ersten deutschen Fußball-Nationalelf

Otto Nerz - ein Coach mit Charisma

1926 wurde Otto Nerz zum ersten deutschen Nationaltrainer der Fußball-Herren. Der gebürtige Hechinger gilt seitdem als „Urtyp des Bundestrainers“ und als „Coach mit Charisma“.

11.06.2012
  • Amancay Kappeller

Hechingen. Fußball-Bundestrainer ist bekanntlich Joachim „Jogi“ Löw – aber wer war eigentlich der allererste Trainer einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft? Und wo kam er her? Die Antwort: Otto Nerz hieß er, und geboren wurde er am 21. Oktober 1892 in der Hechinger Herrenackerstraße. Das erläuterte Stadtführer Rolf-Dieter Götting am Sonntag bei seinem Rundgang durch die Fußball-Geschichte der Stadt.

Otto Nerz - ein Coach mit Charisma
Der Chef und seine linke Hand: Otto Nerz und sein späterer Nachfolger Sepp Herberger in den 1930ern.

Im heutigen Doppelhaus Nummer 29/31 erblickte Nerz als Sohn des Seilers Georg Nerz und seiner Ehefrau Josefine das Licht der Welt – und nicht etwa in Mannheim oder Tübingen, wie vielfach zu lesen ist, so Götting. Gemeinsam mit elf Geschwistern wuchs der spätere Volksschullehrer, Diplom-Sportlehrer und Mediziner in ärmlichen Verhältnissen auf. Nerz´ Geburtshaus liegt in der Unterstadt. Es steht immer noch.

Ursprünglich stammte Otto Nerz´ Familie aus Beuren. Im elterlichen Haus in der Bismarckstraße wohnt bis heute ein Neffe des ersten deutschen Fußball-Nationaltrainers. 1889 zogen Nerz´ Eltern von Beuren nach Hechingen. 1899 verkaufte Georg Nerz die beiden Häuser in der Herrenackerstraße, die Familie zog in die Oberstadt. In der Schulstraße eröffnete Otto Nerz´ Vater ein Seiler-, Bürsten- und Schuhgeschäft. Bereits im Jahr 1900 erfolgte jedoch der Umzug nach Mannheim.

Nerz schrieb Fußballgeschichte

Der gebürtige Hechinger Otto Nerz schrieb als erster deutscher Cheftrainer Fußballgeschichte. „Er war ein bedeutender Mann, kein kleines Licht“, erklärt Götting – er war ein Coach mit Charisma. So gelten Nerz und Sepp Herberger – Nerz´ früherer Assistent – als „Baumeister der Nationalmannschaft“.

Otto Nerz - ein Coach mit Charisma

Als „Reichstrainer“ oder auch „Bundes-Fußball-Lehrer“ startete Nerz 1926: Für die Olympiade 1928 wollte der DFB eine erfolgreiche Nationalmannschaft aufbauen. Das alleinige Sagen hatte er aber nicht – unter anderem redete DFB-Präsident Felix Linnemann in die Aufstellung hinein.

Nerz übernahm das sogenannte WM-System des Engländers Herbert Chapman. Er modernisierte den Fußball, lud Nationalspieler zu Lehrgängen ein, verordnete ihnen hartes Konditionstraining, erweiterte den Kader, betrieb Spielersichtungen und führte die Nationalmannschaft mit viel Fachkompetenz.

Auch sportwissenschaftliche und medizinische Aspekte waren dem als pedantisch geltenden „Professor“ wichtig, berichtet Götting. Sportlich erfolgreich war die Fußball-Nationalmannschaft unter Nerz vor allem bei der WM 1934 in Italien: Im Spiel um Platz Drei schlugen die Deutschen die favorisierten Österreicher mit 3:2.

1936 löste Sepp Herberger Otto Nerz als Nationaltrainer ab – doch nicht im Streit, wie vielfach berichtet worden ist, so Götting. Die deutsche Mannschaft startete 1936 als Turnierfavorit bei den Olympischen Spielen. Der erste Gegner Luxemburg wurde 9:0 geschlagen, die zweite Partie gegen Norwegen ging 0:2 verloren. Die gesamte NS-Führung sei anwesend gewesen, so Götting. Und so wurde Otto Nerz vom nationalsozialistischen „Fachamt Fußball“ zwangsbeurlaubt.

Heute wird Nerz wegen seiner angeblichen Verstrickung in das NS-Regime konträr diskutiert. Stadtführer Götting findet, der erste deutsche Fußball-Nationaltrainer sei „eigentlich kein politischer Mensch und kein Nazi“ gewesen. 1930 trat Nerz in die SPD ein, 1933 wurde er Mitglied in der SA und 1937 in der NSDAP. 1943 fiel er durch antisemitische Tiraden im „12 Uhr-Blatt“ auf.

Diese waren aber wohl der Tatsache geschuldet, dass der ältere Bruder seit 1942 im Gefängnis saß: Friedrich Nerz hatte Briefe an die Reichskanzlei geschickt, in denen er Hitler zum Rücktritt aufforderte, erläuterte Götting. Nach Otto Nerz´ Artikel kam der Bruder wieder frei.

Im April 1949 starb der erste deutsche Fußball-Nationalcoach in sowjetischer Gefangenschaft, nach vierjähriger Internierung im Speziallager 7 in Sachsenhausen.

Doppelsechs? Viererkette? Pustekuchen! Das Bild oben zeigt die Aufstellung der deutschen Mannschaft beim Spiel um Platz Drei gegen Österreich bei der WM 1934: Der Schwaben-Pfeil Ernst Lehner schoss beim 3:2-Sieg zwei Tore, eins bereits nach 25 Sekunden. Satte fünf Offensivkräfte bot Otto Nerz damals auf – und das war verglichen mit den Urzeiten des Fußballs noch sparsam. Dieser Trend setzte sich in den Folgejahrzehnten noch fort: Taktik im Fußball wurde in ihrer Geschichte immer defensiver. eik

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11.06.2012, 12:00 Uhr

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