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Päpstlicher Spagat
"Amoris laetitia": In diesem 188 Seiten langen Schreiben ruft Franziskus die katholische Kirche zu mehr Realismus im Umgang mit Familien auf. Foto: epd
Katholische Familienpolitik: Franziskus versucht mit einem Brief, zwischen Konservativen und Reformern zu vermitteln

Päpstlicher Spagat

Gestern wurde das nachsynodale Schreiben des Papstes zu Ehe und Familie veröffentlicht. Es öffnet zwar neue Türen, doch eine Revolution ist es nicht. Franziskus überraschte mit offenen Worten über Sex.

09.04.2016
  • BETTINA GABBE

In der Aufbruchstimmung zu Beginn des Pontifikats von Papst Franziskus hatten viele Katholiken, deren Leben den kirchlichen Regeln nicht voll entspricht, Hoffnung geschöpft. Wiederverheiratete Geschiedene sollten unter Umständen zur Kommunion zugelassen werden, schlug Kurienkardinal Walter Kasper im Auftrag des Papstes den Kardinälen vor. Homosexuelle dürften nicht wegen ihrer sexuellen Ausrichtung verurteilt werden, erklärte Franziskus selbst.

Drei Jahre und zwei Familiensynoden später klingen die Ergebnisse des familienpolitischen Reformprozesses weniger eindeutig. Zu groß waren die Konflikte bei den Bischofsversammlungen, als dass sie mit einer päpstlichen Anordnung hätten gelöst werden können, ohne die Kirche zu spalten.

Fransziskus gestern veröffentliches nachsynodales Schreiben "Amoris laetitia" (Die Freude der Liebe) enttäuscht Hoffnungen auf eine radikale Kehrtwende der Kirche im Umgang mit modernen Familien. Statt neue Regeln zu erlassen, beschränkt Franziskus sich in dem 188 Seiten langen Brief darauf, positive Elemente heutiger Familien in schwierigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lagen zu würdigen. Zudem unterstreicht er den Ermessensspielraum jedes Gläubigen und die Möglichkeit von Gewissensentscheidungen. Als Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken weltweit galt es, Lösungen für aktuelle Fragen an die Familienpastorale zu finden, die für Reformer und Bewahrer der Tradition gleichermaßen akzeptabel sind.

Bis kurz vor der Veröffentlichung des Schreibens hatten die beiden Lager, die einander bitter bekämpft hatten, den je eigenen Sieg prognostiziert. Doch beide Seiten ermahnt Franziskus, "heilsame Selbstkritik" zu üben und unterschiedliche Interpretationen der Regeln in unterschiedlichen Kulturkreisen zuzulassen. Konkrete Vorgaben für eine Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion vermeidet der Papst in dem Schreiben. Diese müssten jedoch in das Leben der Kirche integriert und nicht ausgeschlossen werden. In diesem Zusammenhang weist er auf das so genannte "Forum internum", das Gespräch zwischen Gläubigem und Beichtvater hin. Das trage zur "Bildung einer rechten Beurteilung dessen bei, was die Möglichkeit einer volleren Teilnahme am Leben der Kirche behindert, und kann helfen, Wege zu finden, diese zu begünstigen und wachsen zu lassen". Damit überlässt der Papst Entscheidungen dem Gewissen des Einzelnen und des begleitenden Priesters. Statt die Teilnahme am kirchlichen Leben zu verbieten, ermutigt er zu einer "verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle". Und da der Grad der Verantwortung nicht in allen Fällen gleich sei, müsse anerkannt werden, dass "die Konsequenzen oder Wirkungen einer Norm nicht notwendig immer dieselben sein müssen".

Die Betonung der Eigenverantwortung jenseits autoritärer Entscheidungen könnte einerseits Spielraum für willkürliche Entscheidungen kirchlicher Würdenträger und Laien bedeuten. Andererseits drückt sich darin die Überzeugung aus, dass Gläubige nach reiflicher Überlegung und Gesprächen mit ihren Beichtvätern durchaus fähig sind, ihre eigene Lage richtig zu beurteilen und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

Bereits bei seinem Besuch in der evangelisch-lutherischen Christuskirche von Rom hatte Franziskus für konfessionell gemischte Ehen die Entscheidung über eine gemeinsame Kommunion als Gewissensentscheidung der Betroffenen bezeichnet. Gemeinsam mit dem nun betonten Grundsatz "Niemand darf auf ewig verurteilt werden" bietet dies die Grundlage einer stärkeren Öffnung gegenüber Paaren, die nicht dem katholischen Ideal entsprechen.

Gegen neue Normen, die den Zugang zur Kommunion etwa für wiederverheiratete Geschiedene erleichtern, wäre ein Teil der vatikanischen Kurie Sturm gelaufen. Doch auch der Präfekt der Glaubenskongregation, ihr namhaftester Vertreter, hatte am Ende der Synoden zugestanden, das Kirchenrecht biete bei Einzelfallprüfungen Spielraum.

Vor diesem Hintergrund kann der Papst für den Wiener Kardinal Christoph Schönborn die Kirche auffordern, alle Gläubigen zu integrieren. "Niemand darf sich ausgeschlossen oder verachtet fühlen", formulierte der österreichische Erzbischof die Hauptaussage des Papstschreibens bei deren Vorstellung im Vatikan.

Im Unterschied zu früheren kirchlichen Familiendokumenten beschäftigt sich Franziskus Schreiben ausführlich mit Sexualität. "Wir dürfen die erotische Dimension der Liebe keineswegs als ein geduldetes Übel oder als eine Last verstehen, die zum Wohl der Familie toleriert werden muss, sondern müssen sie als Geschenk Gottes betrachten", betonte der Papst. Auch in der Ehe setze eine "gesunde Erotik" die Zustimmung beider Seiten voraus. "Zwangseingriffe des Staates zugunsten von Verhütung, Sterilisation oder gar Abtreibung" lehnt er ab. Verantwortete Elternschaft bedeutet demnach jedoch auch, "die Kinderzahl aus genügend ernsten Gründen zu begrenzen".

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09.04.2016, 06:00 Uhr

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