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Papagei im Pinienhain
Aus Schwank wird Speed-Klamotte. Foto: Conny Mirbach
Schauspiel

Papagei im Pinienhain

Zwischen Klamauk und Reflektion: Sebastian Hartmann zeigt den „Raub der Sabinerinnen“ in Stuttgart.

21.11.2016
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart. Voll gaga das alles. Zuerst werden wir Zeuge einer komplett durchgeknallten Komödie – zwei Stunden Knallchargen-Alarm. Dann bricht die Regie ab und lässt das Ganze in einem geisterhaft surrealen, melancholischen Schluss ausklingen. Was wird da gespielt? „Der Raub der Sabinerinnen“ (1883), ein Schwank der Gebrüder Paul und Franz von Schönthan, der in den 50ern seine Hoch-Zeit hatte und dann im Willy-Millowitsch-Fach verstaubte. Nach Hamburg und Dresden hat ihn jetzt auch Stuttgart wieder ausgebuddelt und für staatstheaterwürdig erklärt.

Vor allem inszeniert hier Sebastian Hartmann, Ex-Intendant am Centraltheater Leipzig: Einer, der verwirren und verstören will. Er verschärft den ollen Schwank zur Speed-Klamotte, zum Turbo-Geblödel, zum Voll-Klamauk. So, dass niemand weiß, ob dieses Schmierentheater nur eine Parodie aufs Schmierentheater ist. Der Plot: Striese, Theaterdirektor einer fahrenden Truppe, will die Römertragödie „Raub der Sabinerinnen“, eine „Studenteneselei“ des Professors Gollwitz, groß rausbringen. Klar, dass daraus eine Pannenserie wird.

Sebastian Hartmann macht auf Schrill-Comedy: Alle agieren so aufgedreht komisch, dass es schon wieder grotesk rüberkommt. Abak Safaei-Rad trägt als exaltierte Professorengattin enormen Hutfedern-Schmuck, und Manuel Harders Schwiegersohn posiert als römischer Feldherr im Goldhelm. Sehenswert Manolo Bertling, der als unglückliches Echo nur Wortenden nachplappern darf – von „Studenten-Enten-Enten“ bis hin zu, na was wohl, „Wesel-Esel-Esel“. Heraus ragt Holger Stockhaus, der seinem Striese knallige Komik und sächsischen Mutterwitz mitgibt: Der verspricht sich „bumsdicke“ volle Häuser – „das wäre Butter auf meine Bemme!“

Gespielt wird ganz altmodisch im Schlafrock und Nadelstreifen-Anzug – vorn an der Rampe vor geschlossenem rotem Vorhang. Hartmann garniert den Schwank mit eigenem Pennälerwitz – was etwa heißt „Tanztasche“ auf Französisch? Richtig: Balzac. Auweia. Bis auch noch ein Papagei im Pinienhain stört, indem er am Tragödien-Höhepunkt „Gib Kussi“ krächzt.

Bei Hartmann ist diese Comedy-Raserei auch eine Reflektion übers Theater, über das „Was ihr wollt“. Auch seine eigenen Stuttgarter Inszenierungen „Staub“ und „Im Stein“ – ambitioniert, aber keine Publikumsbringer – werden gestreift. Und aus dem Off tönt ein Interview mit dem Autor Thomas Brasch 1982. Damit stoppt Regisseur Hartmann das Komikgefuchtel. Der Vorhang öffnet sich, wir sehen drei riesige Antik-Säulen und eine bizarre Szenerie, in der alle Comic-Helden nun stumm herumstehen.

Bis sie von Bühnenarbeitern wie Statuen auf eine Entsorgungskarre gehievt und weggerollt werden. Und zu Parsifal-Klängen und Feuerzauber bemerken wir, dass die Säulen ganz langsam einstürzen. In einer Zeit, da in Stuttgart über Theater und dessen Akzeptanz debattiert wird, bietet Sebastian Hartmann gleich beides: rasante Knatterkomödie und Nachdenken übers Theater. Gar nicht so schlecht, die Idee – denn ohne die jeweils andere Hälfte wirkt jeder Teil für sich allein leer und seltsam. So aber wird eine Denkaufgabe draus. Anhaltender Beifall. Otto Paul Burkhardt

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21.11.2016, 06:00 Uhr

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