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Eine halbe Milliarde Gewinn

Patrizia verkauft 19.800 ehemalige LBBW-Wohnungen an Immobilien-Riesen weiter

Drei Jahre nach dem Verkauf an die Augsburger Patrizia werden landesweit knapp 20.000 ehemalige LBBW-Wohnungen nun weitergereicht: Der Immobilien-Riese Deutsche Annington übernimmt die Wohnungen – darunter 550 in Tübingen. Der Mieterbund befürchtet weitere Verschlechterungen für die Mieter und bezichtigt Patrizia der Lüge.

15.06.2015
  • Volker Rekittke

Tübingen. 350.000 Wohnungen nennt Deutschlands größtes Immobilienunternehmen bereits sein Eigentum – in denen wohnen gut eine Million Menschen. So das Kartellamt nicht widerspricht, werden es demnächst noch einmal fast 20.000 Wohneinheiten mehr sein: Am späten Sonntagabend gab die Deutsche Annington an ihrem Hauptsitz in Bochum bekannt, dass sie die Gruppe Süddeutsche Wohnen (Südewo) mit 19.800 Wohnungen überwiegend in Baden-Württemberg kaufen will.

Patrizia verkauft 19.800 ehemalige LBBW-Wohnungen an Immobilien-Riesen weiter
Etwa 550 Wohnungen in Tübingen wechselten bei dem Geschäft den Besitzer. Die Hauserstraße 150 auf diesem Bild wurde bereits im Jahr 2014 von der Südewo an einen Privatmann verkauft. Bild: Metz

Die Südewo ist eine Tochter der Augsburger Firma Patrizia Immobilien, die das riesige Paket mit seinerzeit noch 21.500 Wohnungen Anfang 2012 von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) übernommen hatte (siehe Kasten). Vor drei Jahren lag der Verkaufspreis noch bei 1,43 Milliarden Euro. Seitdem ist er um fast eine halbe Milliarde gestiegen: Die Deutsche Annington will für die Wohnungen 1,9 Milliarden Euro zahlen.

In Tübingen sind nach Angaben der Deutschen Annington 550 Wohnungen mit weit über 1000 Mieter(inne)n von dem Verkauf betroffen. „An den Verträgen der Mieter ändert sich erstmal nichts“, sagt Unternehmenssprecher Philipp Schmitz-Waters auf TAGBLATT-Nachfrage. Die seinerzeit zwischen LBBW, Land und Patrizia ausgehandelte „Sozialcharta“ werde „zu hundert Prozent übernommen“. Schmitz-Waters verspricht zudem „eine langfristig ausgerichtete, am Mieter orientierte“ Strategie, einen „besseren Service“ sowie beträchtliche Instandhaltungsaufwendungen. Dazu betreibe man eine eigene Handwerkergesellschaft mit rund 2000 Mitarbeitern.

Thomas Keck hat da so seine Zweifel. „Die Deutsche Annington ist berüchtigt für ihre geringen Instandhaltungsaufwendungen“, sagt der Geschäftsführer des Mieterbundes Tübingen-Reutlingen. Aus Renditegründen würden diese möglichst weit unten gehalten. Und die Sozialcharta, so Keck, laufe bereits Ende 2016 aus. Kleines Trostpflaster: Mit Hilfe des Mieterbundes sei immerhin erreicht worden, dass die Ex-LBBW-Mieter noch 17 Jahre lang vor Eigenbedarfskündigungen geschützt sind.

„Interessant“ findet Keck die von Patrizia durch den Weiterverkauf erwirtschaftete Rendite: Fast eine halbe Milliarde Euro Gewinn in etwas mehr als drei Jahren – und das für knapp 2000 Wohnungen weniger, als man seinerzeit selbst von der LBBW erworben hatte. Jene annähernd 2000 Wohneinheiten habe die Patrizia-Tochter Südewo bereits in den vergangenen Jahren verkauft, weiß Keck.

„Patrizia hat die Öffentlichkeit belogen“, wettert der Reutlinger SPD-Stadtrat. Beim Kauf der Wohnungen, in denen etwa 60.000 Menschen leben, habe es stets geheißen, der neue Eigentümer sei an einer langfristigen Bewirtschaftung des Wohnungsbestandes interessiert. Ganze drei Jahre habe dieses Versprechen gehalten.

Dass es auch dem künftigen Eigner um möglichst hohe Rendite gehen dürfte, zeigen Verlautbarungen der Deutschen Annington: Der Südwesten zeichne sich „durch hohe wirtschaftliche Dynamik“ aus, mit niedriger Arbeitslosigkeit, dafür beträchtlichem Wirtschafts- und auch Bevölkerungswachstum. Firmensprecher Schmitz-Waters: „Für Wohnungsunternehmen ist das ein attraktiver Standort.“

Die 2012 zwischen Land, LBBW und Patrizia ausgehandelte Sozialcharta sieht vor, dass langjährige Mieter vor Kündigungen geschützt werden. Zudem werden Mindestbeträge für die Instandhaltung garantiert und der Mietanstieg auf jährlich maximal 3 Prozent plus Inflationsrate begrenzt. Der Verkauf der 21 500 LBBW-Wohnungen an die Augsburger Immobilienfirma Patrizia vor über drei Jahren war im Land umstritten. Die grün-rote Landesregierung – das Land ist neben der Stadt Stuttgart und den Südwest-Sparkassen Eigentümer der Landesbank LBBW – hatte mit EU-Auflagen argumentiert. Die habe den Wohnungsverkauf wegen der milliardenschweren Unterstützung für die in der Finanzkrise ins Schlingern geratene LBBW gefordert. Ein EU-Sprecher in Brüssel stellte später klar: Für den Verkauf der Wohnungen sei nicht unbedingt das höchste Gebot zu berücksichtigen gewesen. Die LBBW habe selbst entscheiden können, welches Angebot ihr am wirtschaftlichsten erscheint. Patrizia hatte 30 Millionen Euro mehr geboten als ein kommunales Bieter-Konsortium.
Siehe auch Tübingen: Herber Schlag für den Wohnungsmarkt 16.06.2015Eine halbe Milliarde Gewinn: Patrizia verkauft 19.800 ehemalige LBBW-Wohnungen an Immobilien-Riesen weiter 15.06.2015Kommentar · Patrizia: Beruhigungspillen im Schlusslicht-Land 15.06.2015Auch rund 550 Tübinger Wohnungen sind betroffen: Kritik des Mieterbundes an Südewo-Verkauf 15.06.2015Von wegen Instandhaltung: Beschwerden von Mietern in der Hegelstraße gingen ins Leere 04.12.2014Stuttgart : LBBW trennt sich von tschechischer Tochter 13.01.2014Stuttgart : Schlappe für Mieter im Streit um frühere LBBW-Wohnungen 20.11.2013Stuttgart : Gericht gibt Vermietern früherer LBBW-Wohnungen Rückendeckung 13.11.2013Stuttgart: CDU-Fraktion: Schmid blockierte besseren Mieterschutz 08.10.2013Bewohner schlagen Alarm: Erst Miete erhöht, dann verkauft: Ehemaliges LBBW-Haus in der Haußerstraße soll verkauft werden 20.09.2013Stuttgart: Kräftige Mieterhöhungen zulässig 30.08.2013Stuttgart : Schmid: Besserer Mieterschutz für LBBW-Wohnungen war nicht möglich 15.08.2013Stuttgart/Tübingen: Gericht stoppt Mieterhöhung 10.08.2013Stuttgart: Neuer Streit um verkaufte LBBW-Immobilien 09.08.2013Stuttgart : Streit um Sozialcharta für Mieter der früheren LBBW-Wohnungen 08.08.2013Mieter protestieren: Preisexplosion in Stuttgart beklagt 09.03.2013Mieterinitiative: Raubrittertum: Weiter Streit um ehemalige LBBW-Wohnungen 18.09.2012Klagen über fehlenden Mieterschutz: Streit um ehemalige LBBW-Wohnungen dauert an 16.08.2012Heftiger Streit um Mieterschutz: Sozialcharta für LBBW-Wohnungen nichts Neues 06.03.2012Mehr Schutz für die Mieter: Sozialcharta für LBBW-Wohnungen erweitert 05.03.2012Eigenbedarfskündigungen verschoben: Patrizia bessert Sozialcharta für Mieter nach 03.03.2012Grummeln über den Nils: Basis erwartet mehr SPD-Profil 22.02.2012Patrizia zeigt Stadt kalte Schulter: Teilverkauf der LBBW-Wohnungen abgelehnt 16.02.2012Stuttgart : Patrizia zeigt Stadt die kalte Schulter 15.02.2012Langfristiger Mieterschutz: Finanzinvestor bekommt die 21 500 Wohnungen der LBBW 15.02.2012Mieterhöhungen befürchtet: Viel Ärger über den Verkauf der LBBW-Wohnungen 15.02.2012Stuttgart : Stuttgart will bei LBBW-Wohnungsdeal kein «Feigenblatt» sein 14.02.2012Stuttgart : Mieterbund kritisiert neuen Eigentümer der LBBW-Wohnungen 14.02.2012Kommentar: Kein Monopoly-Spiel mit 400 Wohnungen! 07.02.2012Stuttgart : LBBW verkauft ihre 21 000 Wohnungen an Augsburger Patrizia 14.02.2012Aufhübschen und verkaufen: Mieterbund wirft LBBW unfaire Erhöhungen vor 21.01.2012Stuttgart : Mieterbund kritisiert LBBW-Wohnungsbieter scharf 05.12.201120.000 Wohnungen: LBBW sucht Käufer für ihre Immobiliensparte 19.04.2011

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15.06.2015, 12:00 Uhr

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