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Nur eine kehrte zurück

Paula Kienzle sprach über die "Endlösung"

Wie war das denn mit den Juden und den Nazis bei uns in Rottenburg? Über diese Frage sprach Paula Kienzle am Mittwochabend vor 22 Zuhörerinnen und Zuhörern im Eugen-Bolz-Gymnasium.

14.02.2012
  • Martin Zimmermann

Rottenburg. „Der Rottenburger Gemeinderat wurde von der katholischen Zentrumspartei bis zu deren Auflösung im Sommer 1933 dominiert.“ Bürgermeister wurde 1933 Wilhelm Seeger, der zuvor als Mitglied der Zentrumspartei Bürgermeister von Isny war, dann in die NSDAP übertrat und sich auf Einflussnahme des Bischöflichen Ordinariats hin, gegen Karl Müller, den Vorsitzenden der NSDAP-Gemeinderatsfraktion durchsetzte. Müller protestierte später gegen die Behandlung Bischof Sprolls und wurde daraufhin von seiner Partei „kaltgestellt.“

Ortsgruppenleiter ein „rechter Gottessucher“

NSDAP-Ortsgruppenleiter war Walter Hesse, ein „reingeschmeckter“ Protestant und ehemaliger Pfadfinderleiter. Zeitgenossen beschrieben ihn Paula Kienzle so: „Er war ein rechter Gottessucher.“ Die ersten Nazidemonstrationen in Rottenburg scheinen ihm eher peinlich gewesen zu sein. „Ich kann nichts machen, sonst gehen sie an mich“, soll er gesagt haben. Und ein Mädchen, das die Nazis als „gottlos“ bezeichnet hatten, soll er mit den Worten „Hilde, geh, sonst kommst du ins KZ“ vor einer drohenden Verhaftung gewarnt haben.

Sozialdemokraten und Kommunisten gab es in Rottenburg nur wenige. „Die Feindbilder der Nazis waren hier die Schwarzen, also die kirchentreuen Katholiken“, sagte Kienzle. So wurde etwa die Marianische Jungfrauenkongregation aufgelöst, traf sich allerdings heimlich weiter. Manche Katholiken wie der Rektor der katholischen Volksschule passten sich an. Sie wurde fortan als „Deutsche Schule geführt“ und die jüdischen Schüler der Schule verwiesen.

Wer widersprach, wurde ruiniert

Wer öffentlich widersprach wurde wirtschaftlich ruiniert. „Dafür reichte es aus, dass der Buchhändler Wilhelm Bader kein Hitlerbild im Schaufenster hatte“, sagte Kienzle. Der Maurermeister Häberle stellte sich bei einer Hetzveranstaltung als Einziger auf die Seite Bischof Sprolls. Sein Geschäft wurde fortan boykottiert. Dem bischöflichen Angestellten Sambeth wurde mitgeteilt, dass „der Galgen für ihn am Schadenweilerhof schon gebaut sei, woraufhin der sich versteckte“, erzählte Kienzle.

Jüdische Familien wie die Horkheimers und Berlizheimers wurden aus ihren Wohnungen vertrieben, weil der Rottenburger Bürgermeister sie „als Dienstwohnungen für Polizeibeamte und Schulrektoren haben wollte.“

Wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, wurde, wie etwa Sofie Berlizheimer, deportiert. Sie überlebte den Transport nicht. Albertine Dierberger war die einzige Jüdin, die, nachdem sie das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatte, nach Rottenburg zurückkam, um hier nach ihrem Eigentum zu sehen. „Ich habe nichts mehr und so viele Nazis haben noch alles“, stellte die damals bereits über 70-jährige fest.

Der Leiter des Rottenburger Gefängnisses Hermann Schwarz veranlasste regelmäßig Zwangssterilisationen von Männern. Als Begründung dienten ihm „Alkoholismus, Sittlichkeitsverbrechen oder angeborener Schwachsinn.“ Mindestens 31 Männer aus Rottenburg wurden an der Tübinger Uniklinik zwangssterilisiert.

Dort sterilisierte Professor Eugen Mayer aus Felldorf bei Horb auch mindestens 740 Frauen, darunter viele so genannte „Zigeunerinnen.“ Die Details der Operationen und die Reaktionen der Frauen nach dem Erwachen aus der Narkose sind in Doktorarbeiten aus der damaligen Zeit genau vermerkt.

Paula Kienzle sprach über die "Endlösung"
Zwei Generationen einer jüdischen Rottenburger Familie an einem Tisch: Ganz vorn links und rechts sitzen Ferdinand und Jenny Horkheimer; in der Mitte ist Albert Horkheimer zu erkennen, als Zweite von rechts Rosa Horkheimer, dazwischen Sohn Albert mit seiner Ehefrau Ingrid. Links hinter ihrem Onkel Ferdinand sitzt Gertrude Bauer, daneben ihr Ehemann Siegfried Bauer. Bild: Lilian Barber

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14.02.2012, 12:00 Uhr

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