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Die reglementierte Freiheit

Pausengespräch mit dem Philosophen und Tänzer Marco Wehr

Der Stullentyp ist er nicht. Keiner der eine Plastikbox auspackt und ein Butterbrot herausholt. Marco Wehr hat nur eine Flasche Apfelschorle vor sich, als wir uns zur Mittagspause im „Willi“ in der Wilhelmstraße treffen.

12.08.2015
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Das Café passt zu ihm. Es ist nicht Schickimicki und nicht durchgestylt. Es ist eher von allem etwas, jung und experimentierfreudig. Und es grenzt unmittelbar an Marco Wehrs Arbeitsplatz. Wer es immer noch nicht weiß: Das Museumsgebäude besteht nicht nur aus Kino und Restaurant. Im Hinterhof gibt es auch noch das Tanzstudio „Danzon“, einer seiner Inhaber ist Marco Wehr.

Wehr ist also Tänzer und Tanzlehrer, aber mindestens so viel Zeit wie beim Training verbringt er am Schreibtisch. Denn Wehr ist nicht nur Körper-, sondern auch Kopfarbeiter: Tänzer, Philosoph – und dazu noch Physiker. Wehr schreibt Bücher, zuletzt: „Kleine Kinder sind große Meister“. Ein solches Multitalent macht neugierig, die Medien mögen ihn.

Dennoch sagt er einen verblüffenden Satz: „Für Außenstehende sieht es immer so aus, als täte ich nichts.“ Wie bitte? Wir zählen auf: Tänzer, Tanzstudio-Inhaber, er hat einen Lehrauftrag für zeitgenössischen Bühnentanz in Zürich, er schreibt Artikel und Bücher – und sitzt gerne im Café. Das Sitzen im Café ist halt öffentlich, seine Arbeit verrichtet er jedoch weitgehend im stillen Kämmerlein. „Ich habe einen sehr reglementierten Tag“, sagt Wehr, als wir uns um 15 Uhr zur Mittagspause treffen.

Wie geht so ein Tag bei jemandem, der keinen Antreiber hat außer sich selbst? Morgens kurzes Kaffeetrinken mit seiner Frau, dann hinein in die Stadt, da vielleicht noch ein kleines Frühstück – irgendwo. „Ich werde morgens ganz gerne nicht angesprochen“, sagt er. Ein Morgenmuffel vielleicht, aber sein Kopf hat schon den Betrieb aufgenommen. „Ich lese morgens die unappetitlichen Bücher.“ Das sind Bücher, die die volle Aufmerksamkeit brauchen, wissenschaftstheoretische Literatur beispielsweise. Danach schreibt er ein bis anderthalb Stunden. „Das reicht. Länger bringt‘s nicht, dann werde ich unproduktiv.“ Anschließend macht Wehr das, was er besonders liebt: Tanztraining. Bis zur Mittagspause hat er davon schon zwei Stunden abgeleistet. Vielleicht hat er zwischendurch auch noch kurz etwas für sein Café-Image getan und dort eine kleine Pause eingeschoben.

Wehr macht nicht den Eindruck, als sei er Sklave einer Uhr. Der Tag kann auch anders verlaufen. Manchmal notgedrungen, weil sich im Botanischen Garten eine „Gruppe zu Lachyoga“ trifft. Und das Leben im „Bota“ findet direkt vor seinen Augen und Ohren statt. Deshalb muss er auch manchmal flüchten.

Die kürzeste Flucht führt ins „Willi“, das betritt er durch die Hintertür. Alle, die da arbeiten, kennen ihn. Sein Lieblingsplatz ist auf den Kinositzen des linken Schaufensters. Fürs Essen kommen je nach Lust und Laune verschiedene Orte in Frage.

Wie Wehrs Tag nach der Mittagspause weitergeht? Erst einmal nach Hause. Wenn nicht Ferien sind, kommen die Kinder dann aus der Schule. Brauchen die beiden Töchter ihn nicht mehr, macht er sich an die unangenehmen Arbeiten des Tages: Bürokratie, Buchhaltung, Abrechnungen und Termine. „Alles was ich brauche, um das Business am Laufen zu halten.“

Das sei die Zeit, in der seine Leistungskurve auch den Tiefstand erreiche. Doch danach geht es wieder mit ihr aufwärts. Denn schließlich wartet auch noch ein riesiger Garten mit 3500 Quadratmetern auf Wehr. „Das ist Philosophie pur“, sagt er mit breitem Grinsen. „Gartenarbeit ist eine Lektion in Langmut.“ Denn mit einem Garten könne man niemals fertig werden.

Nach dem Abendessen mit der Familie verschwindet der 54-Jährige wieder ins Tanzstudio. An manchen Tagen gibt er Unterricht, an anderen Tagen trainiert er selber. Seine Energie scheint unerschöpflich. „Üben und proben macht mir mit Abstand am meisten Spaß“, sagt er. Und weil er sein eigener Herr über die Zeit ist, schreibt er manchmal noch oder liest seine „Genussbücher“.

Es erscheint fast ein bisschen unheimlich, dass er keine Zeit verplempert: Fernsehen gucken, Zeit verdaddeln – damit fängt er nichts an. „Rumzappen quält mich richtig“, sagt er. Kommt die Familie nicht bei so viel Selbstbestimmtheit zu kurz? Nein, früher ohne Kinder sei er autistischer gewesen. Aber für Familie und Freunde nehme er sich viel Zeit. „Beziehungen zu anderen Menschen sind mir wichtig, viel wichtiger als materielle Dinge.“

Einen Karriereplan hat Wehr nie gemacht. In Hierarchien funktioniere er nicht, sagt er ohne jedes Bedauern. Sein größter Luxus ist die Zeit, über die er selber verfügen kann. Ist das nicht manchmal anstrengend? Für Wehr nicht, bei ihm stellt sich Neugier und Begeisterung wie von selbst ein. Über „Blitzmomente“, wie er sagt. So kam Wehr zum Tanz – von Samba bis Hip Hop. Der Volleyball hatte seine Sprunggelenke in jugendlichem Alter zerstört, Wehr fand einen anderen Sport. Mit 18 Jahren begann er zu tanzen, mit 21 Jahren zu unterrichten und konnte so sein Studium finanzieren.

Es sieht so aus, als falle ihm alles in den Schoß, ergebe sich nach Lust und Laune. Dabei geht er mit viel Energie und Durchhaltevermögen an Neues ran. Mit 25 Jahren, als man ihm sagte, das sei viel zu spät, begann er zu trommeln und blieb dabei. Jetzt mit 54 Jahren hat er wieder einen neuen Anfang und eine neue Obsession im Kopf: Er träumt von einem „Philosophischen Labor“.

Der Raum ist schon da: die alte Werkstatt im Museum. Jetzt muss er nur noch umgebaut und laborreif werden. Wehr schreckt das nicht, er hat Lust darauf und er sieht einen Bedarf für Erwachsene und für Kinder. Das Ganze kostet Geld, es kostet Arbeit, es kostet Zeit, aber für Wehr ist es ein Traum, der real werden soll. Die Mittagspause ist vorbei, zum Essen ist er nicht gekommen, aber Marco Wehrs Tag ist ja noch lang.

Pausengespräch mit dem Philosophen und Tänzer Marco Wehr
Marco Wehr bekennt sich zum Luxusleben.Bild: Sommer

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12.08.2015, 12:00 Uhr

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