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Pendler feiern Weihnachten      im „schnellen Schnaitmann“
Jeder hat was Leckeres mitgebracht für die Pendler-Feier im Zug auf der Neckartalstrecke. Foto: Manfred Grohe
Bahn

Pendler feiern Weihnachten im „schnellen Schnaitmann“

Seit über 30 Jahren bilden Berufstätige auf der Zugfahrt zwischen Tübingen und Stuttgart eine außergewöhnliche Gemeinschaft.

24.12.2016
  • RAIMUND WEIBLE

Gerade, als der Zug die Neckarbrücke in Bad Cannstatt passiert, stimmen die Leute im hintersten Wagen „Ihr Kinderlein kommet“ an. Es herrscht recht ausgelassene Stimmung im Waggon. Noch wenige Minuten, dann steigen alle im Stuttgarter Hauptbahnhof aus und eilen zu ihren Arbeitsstätten – Frauen und Männer unterschiedlichen Berufs, vom Ministerialen bis zur Referentin in der Evangelischen Jugendsozialarbeit.

Sie alle gehören einer wohl einzigartigen Gruppe von Pendlern an, die sich fast täglich im Zug von Tübingen nach Stuttgart trifft. Dieser Tag ist ein besonderer Tag. Gekommen sind auch ehemalige Mitfahrer wie der Ministerialrat a.D. Gerhard Kaufhold. Sie feiern zusammen Weihnachten im Zug. Und zugleich Abschied von ihrem langjährigen Mitglied Gerhard Schnaitmann.

Der Mann ist bekannt in Bahnkreisen. Ohne ihn gäbe es diesen Zug nicht, der 7.57 Uhr in Tübingen abfährt, nur noch in Reutlingen hält und schon nach 46 Minuten in Stuttgart ankommt. Man nennt ihn den „Sprinter“, aber auch, nach seinem Erfinder, den „schnellen Schnaitmann“.

Der frühere Verkehrsminister Hermann Schaufler (CDU) hat den eher grün zu verortenden Bahnexperten 1995 in die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg geholt. Dort plante Schnaitmann über zwei Jahrzehnte Strecken und Fahrpläne. 2002 führte er eben diesen Sprinter auf der Neckartalbahn ein. Jetzt geht Schnaitmann im Alter von 65 Jahren und fünf Monaten in den Ruhestand und feiert an seinem letzten Arbeitstag Weihnachten mit den Freunden. Einer hat Fichtenreisig mitgebracht und damit die Abstellflächen drapiert. Programmierer Michael Franz aus Tübingen platziert ein Klapptischchen mitten in den Gang. Darauf stellen die Mitfahrer ihre Mitbringsel eine Schale Mandarinen, selbst gebackene Gutsle, Stollen, Schnitzbrot. Ihre Becher füllen sie mit Tee und Kaffee aus Thermosflaschen.

Das Fest hat Tradition: Schon seit 15 Jahren feiert die Pendlergemeinschaft Zugweihnacht. In wechselnder Besetzung. Michael Franz, der schon seit 1992 dabei ist, hatte die Idee. Und diese Idee kam an. Jeder tut was dafür, dass es richtig gemütlich wird während der kurzen Fahrt in die Landeshauptstadt.

Die Pendler feiern nicht nur Weihnachten, sondern auch sich selbst. Denn ihre Gemeinschaft – die ist schon außergewöhnlich. Als Schnaitmann 1995 zum Pendler wurde, traf er die Gemeinschaft schon an. Sie bestand damals aus lauter Männern, darunter dem Hörfunkredakteur Martin Blümcke, später Vorsitzender des Schwäbischen Heimatbundes, Wulf Reimer, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, und Manfred Nedele, Pressechef des Landtags. Sie hielten strenge Rituale ein. Bis Metzingen, so erinnert sich Schnaitmann, tauschte die Runde die Tagesnachrichten aus. Danach kehrte Stille ein und jeder widmete sich dem Zeitungsstudium.

„Heute geht es wesentlich liberaler zu“, erzählt Schnaitmann. Dass Frauen dabei sind, ist selbstverständlich. Was früher verpönt war: Man duzt sich. „Es herrscht ein Schwebezustand zwischen Intimität und Distanz“, beschreibt die studierte Kulturwissenschaftlerin Judith Jünger das Verhältnis unter den „passionierten Bahnfahrern“. Und die Debatten dauern manchmal bis Stuttgart an. Allerdings gibt es auch Tage, an denen Stille herrscht und sich die Mitfahrer in ihr Laptop vertiefen.

Schnaitmann ist stets der erste, der in Tübingen einsteigt und die Plätze im hintersten Wagen sichert, auf die es freilich keinen Rechtsanspruch gibt. „Das hat bis auf wenige Tage geklappt“, sagt der gelernte Lehrer. Er liebt den alten, rot angestrichenen Silberling aus den 60er Jahren. „Kein Wagen der DB hat ein besseres Verhältnis zwischen Gewicht und Sitzplätzen.“ Ein paar Monate wird die Silberlinge noch fahren, dann werden sie durch Doppelstockwagen ersetzt.

Der Zug rattert das Neckartal hinab. Schnaitmann ruft: „Herr Hennicke, dürfen wir wieder auf eine Geschichte hoffen?“ Doch Banker Michael Hennicke sagt dieses Mal keine Ballade auf, sondern überreicht Schnaitmann ein Büchlein mit Reimen auf Schnaitmann. Auf Höhe von Obertürkheim ertönt plötzlich ein Song der deutschen A-cappella-Band „Wise Guys“. Es ist jener mit dem Refrain „Thänk ju vor träffeling wis Deutsche Bahn!“ Ein paar der Frauen beginnen zu schwofen.

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24.12.2016, 06:00 Uhr

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