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Schiebeparkplatz als möglicher Wohnheim-Standort

Pennplätze statt Parkplätze? Initiativen für bezahlbares Wohnen

Familien mit Kindern und Studierende, Alleinerziehende und Geringverdiener: Viele ächzen unter den steigenden Tübinger Mieten. Stadtverwaltung und Gemeinderat haben die Brisanz des Themas erkannt. Es gibt verschiedene Ideen – etwa den Bau neuer Wohnheimplätze für Studierende auf dem Schiebeparkplatz.

29.06.2015
  • Volker Rekittke

Tübingen. Manchmal ist schon die dritte WG-Besichtigung ein Volltreffer. Andere Studien-Starter müssen nach Dutzenden erfolglosen Wohnungsbesichtigungen am Ende doch in der studentischen Notunterkunft auf Waldhäuser Ost unterkommen. Wohnungssuche in Tübingen ist oft nervig – und bezahlbarer Wohnraum ist rar. Die Mieten reichen von knapp 200 Euro fürs 10-Quadratmeter-Zimmerchen im Studentenwohnheim bis zu 500 Euro für ein Zimmer in einer privat vermieteten Zweier-WG.

Pennplätze statt Parkplätze? Initiativen für bezahlbares Wohnen
Der Schiebeparkplatz an der Wilhelmstraße: Sollen auf der letzten größeren Tübinger Umsonst-Parkfläche Wohnheimplätze gebaut werden?

Sind Lösungen in Sicht? „Wir diskutieren gerade mit dem Studentenwerk über den Neubau von Wohnheimen an verschiedenen Standorten“, sagt Baubürgermeister Cord Soehlke. Für ihn ist klar: „Es gibt nicht genügend Wohnheimplätze in Tübingen.“

3666 dieser Plätze, vom Wohnheim- bis zum (selbstverwalteten) WG-Zimmer, bietet das Studierendenwerk (Stuwe) an – fast die Hälfte (1720) im Studentendorf auf Waldhäuser Ost.

Ja, man rede mit Stadt, Land und Universität über diverse Standorte, sagt Stuwe-Sprecherin Nicole Lang. Möglichst in Uni-Nähe und mit guter ÖPNV-Anbindung. „Das Problem sind die Flächen in Tübingen.“

Eine dieser Flächen ist der gut 8000 Quadratmeter große Schiebeparkplatz zwischen Wilhelm-, Mohl- und Nauklerstraße, bestätigt Bernd Selbmann von der Tübinger Dependance des Landesamts Vermögen und Bau. Genauer: Im Gespräch für ein Studentenwohnheim plus Wohnhaus für internationale Uni-Gäste, Studierende wie Dozenten, ist der nördliche Teil (Richtung Mohlstraße) des letzten und von Studierenden gut genutzten Tübinger Umsonst-Parkplatzes.

„Warum wird der Schiebeparkplatz als Parkfläche missbraucht?“, fragt Christoph Joachim. Der Fraktionsvorsitzende von AL/Grüne im Tübinger Gemeinderat könnte sich angesichts des gut ausgebauten Tübinger ÖPNV- und Radwegenetzes vorstellen, dass das Studentenwerk dort Wohnheimplätze baut – die auch zu einer Entlastung für andere Bevölkerungsgruppen führen würden. Denn obwohl auch Studenten oft lang nach einer bezahlbaren Bleibe fahnden, dabei nicht selten aufs Tübinger Umland ausweichen oder weiter im Hotel Mama logieren, so konkurrieren sie doch auf dem Wohnungsmarkt mit Gruppen, die es noch schwerer haben: Vier Studenten könnten sich als WG eher eine Wohnung leisten als manche Familie mit zwei Kindern, sagt Soehlke.

Auch Ernst Gumrich, Fraktionsvorsitzender der Tübinger Liste, findet, dass es in Tübingen zu wenige studentische Wohnheimplätze gibt. Zwar sei hier primär das Land zuständig, aber auch „die GWG könnte mehr tun“, so die Forderung an die kommunale Wohnungsgesellschaft. Wohnheime sollten von Beginn an so gestaltet werden, dass sie später auch für Familien oder Senioren nutzbar seien – falls irgendwann die Studierendenzahl wieder zurückgehen sollte. „Die GWG ist ein wichtiges Vehikel zur Schaffung günstigen Wohnraums“, sagt Gumrich, der es „sinnvoll“ findet, dass die Stadt ihre Tochter dafür mit mehr Kapital ausstattet – auch über die zuletzt vom Gemeinderat bewilligte Eine-Million-Euro-Finanzspritze hinaus.

Der Tübinger Wohnungsmarkt gilt längst als überhitzt. „Der Sack Zement, den du in eine Immobilie steckst, hat sich in Albstadt in fünf Monaten amortisiert. In Tübingen dauert das fünf Minuten“, sagt Christoph Joachim. Verschärfend wirkt: Jahr für Jahr fallen in der Unistadt 30 bis 40 Wohnungen aus der Sozialbindung heraus, so Soehlke. Die 15-jährige Bindungsfrist im sozialen Wohnungsbau nennt er „ein Strohfeuer“ – sie ist ihm viel zu kurz. Mindestens 25 Jahre sollten es sein, noch besser wären 40 oder 50 Jahre. Mit solchen Bindungsfristen, die einer Erbpacht schon recht nahe kommen, will die Stadt bald am Hechinger Eck experimentieren, im künftigen Tübinger Modellquartier für bezahlbares Bauen und Wohnen. Mit einer Vielfalt an Projekten, die Vorbild für weitere Vorhaben in Tübingen sein sollen. „Ein spannender Weg, den die Stadt dort beschreitet“, findet Gumrich. Priorität hat für Soehlke: „Wohnen muss in Tübingen für alle bezahlbar bleiben – sonst sind wir irgendwann Baden-Baden mit Universität.“

So funktioniert der Tübinger Schiebeparkplatz

So funktioniert der Tübinger Schiebeparkplatz --

02:56 min

Dass es in Tübingen „einen sozialen Numerus clausus“ geben, „Wohnen ein Privileg für Besserverdienende“ wird – das befürchten auch Tim Schumacher und Michael Karrer. Die beiden sind aktiv bei der Interventionistischen Linken Tübingen und Bewohner des selbstverwalteten Vier-Häuser-Projekts in der Südstadt.

Vor allem das Interesse an möglichst hohen Renditen bei der Neuerrichtung von Wohnraum lasse die Mieten stetig steigen, sagt Karrer: „Wohnen darf nicht allein der Marktlogik überlassen werden.“ Aber funktioniert Kapitalismus nicht so? Meist schon, räumt Schumacher ein, „aber es geht auch anders“. Zum Beispiel beim Mietshäuser Syndikat, bei dem auch Vier-Häuser-Projekt, Schelling-, Hegel- und Ludwigstraße („Lu“) 15 Mitglied sind. Karrer: „Die Häuser sind dauerhaft vom Markt – und der Spekulation entzogen.“ So werde Wohnen wieder bezahlbar: Die Kaltmieten liegen, je nach Projekt, zwischen 4 und 9 Euro pro Quadratmeter.

„Es kann nicht sein, dass eine anständige Mietwohnung ein Luxusgut ist“, so Martin Sökler in einer Pressemitteilung. „Tübingens Mietniveau ist bekanntermaßen hoch, da musste eine Bremse her“, wird der SPD-Fraktionsvorsitzende im Tübinger Gemeinderat zitiert: „Normalverdiener müssen in Tübingen eine bezahlbare Wohnung finden.“ Weil Tübingen einen sehr angespannten Wohnungsmarkt hat, erlaubt die neue Rechtslage, die am 1. Juli wirksam wird, Mieterhöhungen in bestehenden Mietverhältnissen auf 15 Prozent innerhalb von drei Jahren zu deckeln. Bisher lag diese Kappungsgrenze bei 20 Prozent.
SPD-Stadträtin Hannah Tiesler ergänzt: „Für Tübingen wird eine Bremse auch für Wiedervermietungen gelten müssen.“ Die vom Bund beschlossene Mietpreisbremse erlaubt Steigerungen von maximal 10 Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete. Nach TAGBLATT-Informationen wird die Mietpreisbremse für Südwest-Städte wie Tübingen und Reutlingen ab dem 1. September greifen. Wichtig seien zudem Mindestquoten für den sozialen Wohnungsbau in Neubaugebieten, so die SPD-Fraktion, wie auch die Förderung von Wohnprojekten und „das in Tübingen bewährte Bauen in Baugemeinschaften“.

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29.06.2015, 12:00 Uhr

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