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Frauen mit dem Versprechen einer gemeinsamen Zukunft in die Prostitution gedrängt

Perfides Spiel mit Gefühlen: „Loverboy“ erhält zwei Jahre Haft

Nach acht Monaten hinter Gittern kann der Hauptangeklagte im Stuttgarter „Loverboy“-Prozess das Gericht ohne Handschellen verlassen. Die zweijährige Haftstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

30.08.2015
  • dpa

Oft kommen sie nicht vor den Kadi, die Männer, die jungen Frauen große Gefühle vorspielen und sie mit dem Versprechen einer gemeinsamen Zukunft in die Prostitution drängen. Die Betroffenen zeigen die Täter meist aus Scham, teils aus Angst nicht an, aber auch, weil sie freiwillig bei dem Mann bleiben.

In Stuttgart hat am Freitag das Landgericht einen solchen „Loverboy“ zu zwei Jahren Jugendstrafe wegen schweren Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung in zwei Fällen verurteilt. Seine Komplizinnen, die als erfahrene Prostituierte die jungen Frauen ins Gewerbe einführen und sie „motivieren“ sollten, erhielten Haftstrafen von zwei Jahren und vier Monaten beziehungsweise einem Jahr und zehn Monaten.

Den Fall mit dem verurteilten Trio ist nach Auffassung von Rita Otto von der Beratungsstelle Kobra in Hannover „ nur die Spitze des Eisbergs“. Allein in ihrer für Niedersachsen zuständigen Einrichtung melden sich im Schnitt fünf Opfer von „Loverboys“ im Jahr.

Dass die Frauen sich äußerst schwertun, ihre Peiniger juristisch zu belangen, zeigt sich auch am Stuttgarter Prozess. Zunächst wurde in drei Fällen angeklagt, aber eine Frau aus der Schweiz gab an, freiwillig angeschafft zu haben. In ihrem Fall wurde das Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Von der Vorstellung, nur virile, charmante und smarte Männer könnten Frauen als „Loverboy“ umgarnen, muss man sich verabschieden. „Das Äußere des Mannes spielt keine Rolle“, erläutert Sozialpädagogin Otto. Wichtig sei, dass er den Frauen das Gefühl vermittele, einmalig und toll zu sein. Der große Wunsch der Opfer nach Wertschätzung zeigt sich auch am Stuttgarter Beispiel. Der Angeklagte, ein unauffälliger, mittelgroßer Brillenträger mit grün-blau gestreiftem Polo-Shirt und Jeans, hat sich seinem zur Tatzeit 18-jährigen Opfer zunächst nicht sexuell genähert.

Gerade das habe die junge Frau überzeugt, dass er sich wirklich für ihre Person interessiere, erläuterte die Vorsitzende Richterin Sina Rieberg. Aus Angst, den vermeintlichen Freund zu verlieren, habe sie sich zur Prostitution entschlossen. „Die Loverboy-Masche ist besonders perfide, weil sie die Frauen in eine psychische Abhängigkeit und mit ihren Gefühlen Schindluder treibt“, meint Expertin Otto.

Nach Ansicht von Paarberater Martin Luitjens hat der „Loverboy“ ein Gespür dafür, „welchen Knopf er drücken muss, um die Bedürftigkeit nach Bindung zu wecken“. Er hält vor allem junge Frauen mit geringem Selbstwertgefühl und Mangel an verlässlichen Beziehungen für anfällig. Sind die Frauen erst mal in der Beziehung, dann wollten sie häufig die Realität – ihre sexuelle Ausbeutung – nicht sehen; so sehr seien sie auf die vermeintliche Wertschätzung angewiesen. Nach Ottos Beobachtung sind Mädchen weniger gefährdet, wenn sie eine gute Beziehung und ein Vertrauensverhältnis zu ihren Eltern haben.

Typisch für die lieblose Masche ist der Stuttgarter Fall auch darin, dass der „Loverboy“ versucht, die junge Frau aus ihren bisherigen sozialen Kontakten herauszureißen. Das jüngere der Opfer, das anfangs nur am Wochenende als Hure arbeitete, brach seine Ausbildung ab undverließ sein Elternhaus. Eine der verurteilten Prostituierten reiste mit der jungen Frau anschließend durch verschiedene Bordelle.

Aber der Prozess macht auch klar: Die verurteilten Prostituierten waren nicht nur Täterinnen. Auch sie gelangten, so die Kammer, in das Gewerbe durch das Vorspielen falscher Gefühle desselben Mannes. Die beiden wussten voneinander, waren aber in dem Glauben, sie selbst seien seine Favoritin. Erst der Prozess habe ihnen die Augen geöffnet, dass er sie gegeneinander ausgespielt und ausgebeutet habe, sagte die Richterin. Ihre Lage sei schrecklich, bescheinigte sie der zu mehr als zwei Jahren verurteilten Hure: „Sie steht vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens.“

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30.08.2015, 12:00 Uhr

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