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Ach, übrigens

Peter Ertle las am Mittwoch bei Osiander aus seinem „Mond im Ei“

Bei der TAGBLATT-Lektüre ist das tägliche „Übrigens“ mal ein Gedankenanstoß, ein Innehalten, mal ein heiterer Start in den Tag oder eben ein flüchtiger Moment – morgen kommt ja schon wieder das nächste. Nun hat Kulturredakteur Peter Ertle zahlreiche seiner Texte aus der Kolumne „Übrigens“ und der Serie „Kulturphänomene“ in dem 250-seitigen Band „Der Mond im Ei“ versammelt. Die meisten dieser „Geschichten für Menschen in mittelhohen Häusern“ stammen aus den letzten Jahren.

04.10.2014

Tübingen. Beim Wiederlesen erinnert man sich an manche Leserbrief-Debatte wie die Diskussion um das ideale Croissant. Daneben finden sich aber auch teils über 20 Jahre alte Texte aus Ertles Zeit beim „Stammtisch Unser Huhn“ oder kleine philosophische Essays, etwa über die Frage nach „Wirklichkeit“, „Möglichkeit“ und „Fälschung“.

Bei Ertles Lesung in der Buchhandlung Osiander begrüßte Verleger Hubert Klöpfer die gut 80 Zuhörer/innen mit einer pointierten Beobachtung: Ertle verstehe es, noch im „Unscheinbaren“ das große Ganze wahrzunehmen, aber auch umgekehrt „Großkopfetes und Verqueres gleichsam auf null runterzuschreiben“. Mancher Leser seiner „Übrigense“ mag sich schon gefragt haben: „Ist das echt erlebt oder erfunden?“ Im Buch steht dazu die „Nachbemerkung“: „Die Geschichten sind wahr, es gibt aber einen unterschiedlich großen Inszenierungsfaktor.“

Oft entzünden sie sich an einem einzigen Wort, einer zufälligen Begegnung und ziehen dann ihre bisweilen fantastischen Kreise: Was ist „Tiffgapagf“? Was heißt „Dingsibla“? Übrigens alles Tübinger Phänomene. Was sagen Sprachgebrauch und Modewörter über unsere Zeit aus? Wenn etwa alles in der „Krise“ ist oder man „Glück gehabt“ haben muss?

Selbst langjährige Redaktionskolleg(inn)en im Publikum entdeckten noch ganz unbekannte Seiten an Ertle – ein gewandter Vorleser und geradezu schauspielerischer Stimm-Verwandlungskünstler. So wurde aus einem Text über Business-Diskurse und Handy-Gespräche im Zugabteil eine richtige kleine Theaterszene. Eine ansteckende Lust am Text; im Publikum oft wissendes Lachen oder nachdenkliches Nicken. Und immer auch ein wenig Selbsterkenntnis.

Gern legt Ertle seine Textspuren nach den unterschiedlichsten Richtungen hin an, springt in scheinbar entlegenste Gebiete, um dann am Ende alles geradezu akrobatisch miteinander kurzzuschließen. In solchen Ex- oder Implosionen von Sinn zeigt sich ein philosophisch heiterer Umgang mit den Widersprüchlichkeiten der Welt: Nicht selten ist die konsequenteste Logik der direkteste Weg ad absurdum.

Kongenial komisch, zugleich erstaunt und betroffen war Ertles Text über die automatische Suchbegriff-Vervollständigung bei Google: Angesichts dieser meistgesuchten Begriffe fragte man sich, ob manche Menschen das Internet als Lebenshilfe-Orakel brauchen. In „Schnellermacher und Schnäppchenjäger“ tat sich hinter all der gegenwärtigen Effizienz-Optimierung und Beschleunigung eine „verhüllte Suizidaltendenz“ auf: „Schneller machen heißt schneller auf den Tod zu. Das letzte Schnäppchen sind Sie selbst. Und zugegriffen wird todsicher.“

Ertles Texte sind weit mehr als Sprachspielereien. Sie hätten nicht diese charismatische Wirkung, wenn darin nicht auch eine tiefe Menschlichkeit und persönliche Anteilnahme läge: eine Begeisterungsfähigkeit noch für das unscheinbarste Phänomen und eine große Empathie. Peter Ertle nimmt Menschen und Dinge beim Wort. Achim Stricker

Peter Ertle las am Mittwoch bei Osiander aus seinem „Mond im Ei“
Peter Ertle – ein gewandter Vorleser mit schauspielerischem Talent. Bild: Ulmer

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04.10.2014, 12:00 Uhr

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