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Der Rottenburger Stadtpark

Peu à peu kommt mehr Leben ins Schänzle

Andere Städte würden Rottenburg um einen innenstadtnahen Freizeitpark in bester Flussuferlage beneiden. Doch im Schänzle ist außerhalb des Neckarfestes eher wenig los. Und das ändert sich erst langsam – unter anderem, weil dort die Gastronomie in Schwung gekommen ist.

09.09.2010
  • martin zimmermann

Rottenburg. Mitten auf der langgestreckten Insel zwischen Mühlkanal und Neckar, dort, wo bis zum Umzug an den Rammert das Gerätehaus des Technischen Hilfswerkes stand, steht seit Jahresfrist unübersehbar das Bistro. Erstmals im Schänzle bietet es ganzjährig Essen und Getränke an, bewirtschaftet aber draußen weiterhin eine Gartenterrasse. Und macht dort quasi Biergartenbetrieb: „Man kann auch seine eigenen Grillsachen mitbringen und bei mir das Bier holen“, sagt Wirt Wolfgang Greiner.

„Als Kind bin ich auf dem Mühlkanal im Waschzuber Schiffle gefahren“, erzählt der waschechte Rottenburger. Dieser Kanal, der vergangenen Winter noch einmal ausgebaggert und renaturiert wurde, fristete nicht immer sein heutiges Dasein als dünnes Rinnsal. Einst trieb er die Pfeiferschen Mühlen unterhalb vom Schänzle an.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versorgte der Mühlkanal dann auch ein Kleinkraftwerk des Strickmaschinenherstellers Fouquet mit Energie. Zwischen Neckar und Kanal befanden sich Schrebergärten und Kleintierställe und als markantestes Gebäude – dort, wo jetzt das Café steht – der städtische Schweinestall.

Anfang der 1970-er Jahre ergriffen engagierte Bürger, der so genannte Grüne Kreis, die Initiative, aus der inzwischen heruntergekommenen Brachfläche ein Naherholungsgebiet zu machen. Um Kosten zu sparen, pflanzten Forstdirektor Ottmar Schilling und seine Waldarbeiter kurzerhand Traubeneichen, Stieleichen und Linden aus dem Stadtwald ins Schänzle um. Die einzige Tanne setzte der Bürgermeister der französischen Partnerstadt Saint-Claude. Verpflanzt wurde auch das Kriegerdenkmal. Es stand ursprünglich vor dem Bischöflichen Ordinariat am Eugen-Bolz-Platz, musste aber dessen bislang vorletztem Umbau in den Siebzigern weichen.

Auch in den Achtzigern gab es noch reichlich Ideen und Pläne für weitere Freizeitangebote im Schänzle. Peter Wagner, ehemaliger Technischer Leiter der Stadtwerke, berichtet von abendlicher Illumination und von kostenlosen Konzerten am Sonntagmorgen. Es wurde eine Rollschuhbahn gebaut und sogar geplant, sie im Winter zu vereisen, damit die Kinder nicht auf dem gefährlichen Neckar Eishockey spielen müssten. Funktioniert hat das Ganze aber nie so recht. „Die Rottenburger haben das Schänzle nie angenommen“, bedauert Wagner.

Stadthistoriker Dieter Manz wundert das nicht: „Über die Sprollstraße geht der echte Rottenburger nicht. Das ist Vorstadt.“ Weil auch die unechten kaum kamen und Gartenstraßen-Anwohner die Lautstärke nicht tolerierten, wurden die Konzerte bis aufs Neckarfest bald wieder eingestellt – respektive als Platzkonzerte in die Fußgängerzone verlegt. Seitdem fristet die Konzertmuschel samt Bühne gleich neben dem Café ein Schattendasein.

Auch dem städtischen Baudezernat gebricht es nicht an Ideen, wie sich das weithin verschmähte Paradies mitten in der Stadt dem Publikum schmackhafter machen ließe. Ende 2002 berichtete das TAGBLATT, das Schänzle solle im Zuge der Bewerbung für die kleine Landesgartenschau 2009 „einen gewichtigen Beitrag zum Grünzug Neckarpark leisten.“ Daraus wurde nichts, doch zuvor hatte der Kepplerbrücken-Neubau den Freizeitpark immerhin direkter, weil ohne Straßenquerung an die Promenade auf dem Neckar-Nordufer angebunden. Seither tun sich die Bewohner des Hauses am Neckar leichter, in den Park zu kommen und dort den durchziehenden Radtouristen, Hundeausführern und Biergartenbesuchern Gesellschaft zu leisten.

Einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Wiederbelebung des Parks haben andere erbracht. Seit Jahren treffen sich gleich vorn am Eck bei der Kepplerbrücke Südeuropäer aus mehreren Ländern zum Bocciaspielen. Und nicht nur das: Die Herren mit den Filterzigaretten im Mundwinkel haben die vordere der zwei Bocciabahnen, über die nach fünfzehn Jahren Desinteresse Unkraut gewachsen war, mit der Hand am Arm wieder hergerichtet und pflegen sie hingebungsvoll.

Gefangene präsentieren Pop & Poesie im Schänzle

Dass die Konzertmuschel im Schänzle fast das ganze Jahr über brach liegt, findet auch Gerhard Brüssel „schade“, der in der Justizvollzugsanstalt Bereichsleiter für die Gefangenfreizeit ist. Und deshalb hat Brüssel dort nun eine Veranstaltrung angesetzt, wie es sie „außerhalb der Gefängnismauern bisher noch nicht gab.“

Am Samstag, 11. September, um 19 Uhr präsentieren Gefangene der JVA im Schänzle „Songs & Lyrics“. Sie tragen Songtexte von Bob Dylan, Gary Moore, Pink Floyd und Eric Clapton vor, und zwar in deutscher Sprache. Den musikalischen Part dabei, nämlich die klingenden Songs, steuern The Freaks bei, die Anstaltsband der JVA Heilbronn. Die Moderation zwischen den Songs übernimmt Theatersportler Heiner Kondschak, der auf eine Gage verzichtet.

Ebenfalls zum Nulltarif rockt anschließend von 21 bis 13 Uhr die Wurmlinger Teenie-Band Flash. Das Catering für die Zuschauer besorgt das „Café im Schänzle“; der Eintritt ist frei.

Peu à peu kommt mehr Leben ins Schänzle
Deutlich einladender als das neckarabwärts gelegene Ende: das Schänzle-Entrée von der Stadtseite her mit Kriegerdenkmal (im Bild links), Fontäne (rechts daneben) und Boccia-Bahn (ganz rechts). Bild: Ruscheinski

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09.09.2010, 12:00 Uhr

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