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Bau ohne Plan

Pfäffinger Fachmärktezentrum ärgert Tübingens OB Palmer

Ein Drogeriemarkt, ein Schuhgeschäft und ein Textil-Discounter bauen am Rand von Pfäffingen große Einkaufsmärkte. Zu Unrecht, sagt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Das Fachmärktezentrum dort hätte seiner Meinung nach nie genehmigt werden dürfen.

11.06.2015
  • Sabine Lohr

Tübingen/Ammerbuch. Die Bäume sind geschlagen, die Bagger sind angerückt: Am Rand von Pfäffingen, neben der Nagolder Straße, wird das Fachmärktezentrum erweitert (wir berichteten mehrfach). Schon jetzt gibt es dort Aldi, Edeka und Lidl, Schuh-Mann und den AWG-Kleidungsmarkt. Nun machen ihnen der Drogerie-Riese Rossmann, der Schuh-Filialist Deichmann und der Textil-Discounter Kik Konkurrenz – und nicht nur ihnen, wie Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer findet. „Alle beklagen, dass der Handel in der Tübinger Innenstadt blutet – und dann genehmigt man eine solche Mall an einer Einfallstraße nach Tübingen.“

Pfäffinger Fachmärktezentrum ärgert Tübingens OB Palmer
Hinter dem Lidl-Markt (das große weiße Gebäude rechts) – dort wo auf dem Bild noch Bäume und Büsche sind –, werden jetzt drei neue Fachmärkte gebaut. Genehmigt wurden sie nur, weil die Gemeinde für die Fläche keinen Bebauungsplan aufgestellt hat. Archivbild: Grohe

Was Palmer besonders fuchst: Nach dem Regionalplan hätte dieses Zentrum dort nicht genehmigt werden dürfen. Laut Regionalplan sind derartige Malls lediglich in Unter-, Mittel- und Oberzentren zulässig. Ammerbuch aber ist nichts davon, sondern ein Kleinzentrum. Außerdem, so Palmer, habe ein derartiges Handelszentrum am Ortsrand nichts verloren. „Wo es erlaubt ist, darf es nur in integrierten Lagen gebaut werden.“

Dazu kommt, dass die geplanten Geschäfte allesamt so genannte innenstadtrelevantes Sortiment wie Drogeriewaren, Schuhe und Kleidung anbieten. Auch das ist nicht zulässig. „20 Jahre, nachdem man erkannt hat, dass die Ansiedlung derartiger Märkte im Außenbereich ein Irrweg ist, genehmigt man so etwas. Ich finde das empörend.“

Das Problem aber ist, das weiß Palmer, dass der Regionalplan in diesem Fall nicht greift. „Die Gemeinde hat keinen Bebauungsplan für das Gelände gemacht. Und wo es keinen solchen Plan gibt, spielt der Regionalplan keine Rolle.“

Ammerbuchs Bürgermeisterin Christel Halm, seit 2014 im Amt (und davor Gemeinderätin in Ammerbuch), kann dazu nichts sagen, weil der entsprechende Beschluss „vor meiner Zeit war“. Hauptamtsleiterin Gretel Rauscher sagt, der Gemeinderat habe die Fachmärkte an dieser Stelle wollen. „Dazu brauchten wir keinen Bebauungsplan.“ Zwar sei die Ansiedlung der Märkte durchaus umstritten gewesen, letztendlich aber habe der Gemeinderat zugestimmt.

Die zuständigen Behörden – das Landratsamt und das Regierungspräsidium (RP) – haben die neuen Fachmärkte, die zusammen eine Verkaufsfläche von 1600 Quadratmetern haben, genehmigt. Wenn auch nicht gerne. Steffen Fink, Sprecher des RP, sagt: „Wir sind mit dieser Entwicklung unzufrieden.“ Gleichwohl habe das RP keine Handhabe gehabt, sie zu verhindern. Das RP habe versucht, die Gemeinde zur Aufstellung eines Bebauungsplans zu bewegen. „Die wollte aber nicht.“ Fink: „Damit kann die Gemeinde nicht steuern, was sich ansiedelt – und die Gefahr ist, dass sich das Handelszentrum in einer Salamitaktik immer weiter vergrößert.“

Das andere Problem ist, dass es sich bei dieser am Ortsrand gelegenen Fläche nicht, wie Palmer meint, um einen Außenbereich handelt. Zwar hat der Tübinger OB recht, wenn er sagt „ringsum ist da nur Acker“ – doch laut RP handelt es sich um eine Brache (früher stand dort die Nudelfabrik Bechtle), die teilweise schon bebaut ist.

Auch das Landratsamt hätte gerne einen Bebauungsplan gehabt, wie der Erste Landesbeamte Hans-Erich Messner sagt. Es sei ein „ziemlich seltener Fall, dass es für Gewerbegebiete keinen Bebauungsplan gibt“.

Und schadet diese Mall nun dem Tübinger Einzelhandel, wie Palmer meint? „Ja, auf jeden Fall“, sagt Jörg Romanowski vom Tübinger Handel- und Gewerbeverein (HGV). „Wozu macht man einen Regionalplan, wenn dann, wie jetzt in Ammerbuch und vorher schon in Metzingen, alles so hingedreht wird, dass es dann doch genehmigt werden kann?“ Der HGV, das gibt Romanowski zu, hat die Entwicklung in Ammerbuch etwas verschlafen und ist erst jetzt darauf aufmerksam geworden. Er kündigt einen Protestbrief an die Behörden an.

Hans-Erich Messner sieht die Sache anders: „Es ist ein zentraler Versorgungsbereich – nicht für Tübingen, aber für Ammerbuch“, sagt er. In einem Kleinzentrum wie Ammerbuch seien laut Regionalplan zwar keine großflächigen Einzelhandelsflächen erlaubt, aber mal davon abgesehen, dass die Raumordnung im Ammerbucher Fall ohnehin nicht greift: „Es sind doch nur wirklich kleine Geschäfte.“


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