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Interview

Pfarrer Christoph Cless über die Vesperkirche

Die Vesperkirche ist zu einer festen Adresse in der Stadt geworden – für Arm und Reich. Wir fragten einen ihrer Hauptorganisatoren, den Pfarrer Christoph Cless, was der dreiwöchige Ausnahmezustand der Martinskirche an Erfahrungen und Erkenntnissen gebracht hat.

04.02.2010

Herr Cless, wie viele Essen werden in der Martinskirche pro Tag ausgegeben?

Wir liegen mittlerweile täglich bei rund 300 Essen, am gestrigen Mittwoch waren es sogar 400. Am ersten Tag waren es noch 120, aber dann nahm die Zahl der ausgegebenen Essen kontinuierlich zu. Auch wenn es mal knapp wurde, wir konnten immer noch weitere Portionen bestellen: Niemand hat hungrig das Haus verlassen müssen.

Sie bieten ja auch täglich große Mengen von Kuchen an, gebacken von Helferinnen in Privathaushalten. Warum haben Sie nicht die Bäckereien um Kuchenspenden gebeten?

Wir haben es deshalb nicht gemacht, weil wir der Tübinger Tafel oder den ständigen Essensinitiativen nichts wegnehmen wollen. Dadurch, dass wir unser Essen einkaufen, also von der Küche des Pauline-Krone-Heims bekommen, und den Kuchen privat backen, sind wir für sie keine Konkurrenz. Alle diese Einrichtungen, wie zum Beispiel die Sonntagsküche im Schlatterhaus, sind für viele Menschen in Tübingen nicht mehr weg zu denken.

Sind Arme mittlerweile eine umkämpfte Zielgruppe?

Ja. Vielerorts gibt es Armenküchen und Suppenküchen, der Begriff ,Tafel' ist sogar geschützt. Für uns war von Anfang an klar, dass unser Angebot nicht zu Lasten der anderen gehen sollte. In der evangelischen Gesamtkirchengemeinde und in den Kirchengemeinderäten der Tübinger Kirchengemeinden haben wir auch lange darüber diskutiert, ob wir eine gemeinsame und befristete Vesperkirche machen oder nicht lieber jeweils einzelne feste Tage in verschiedenen Gemeinden nach dem Vorbild der Sonntagsküche im Schlatterhaus versuchen sollten.

Was sprach für die eigene Vesperküche?

Vor allem dass wir neue Helferinnen und Ehrenamtliche erreichen, solche, die sich gerne in einem begrenzten Zeitrahmen engagieren.

Die Vesperkirche ist eine Erfolgsstory. Ist das nicht auch deprimierend?

Manche sagen, es ist ein Skandal, dass wir so etwas brauchen. Dem stimme ich nicht zu. Denn wir wollen ja keine Armen-„Abspeisung“ sein, bei uns stehen die Milieu-übergreifende Begegnung und der Austausch im Vordergrund. Wir bewirten unsere Gäste und bekommen auch etwas dafür.

Was genau bekommen Sie dafür?

Es besteht auf beiden Seiten ein Geben und ein Nehmen. Am ersten Tag hat mir ein Gast den Denkspruch zu seiner Konfirmation erzählt und hinzu gefügt: „Den sag ich jetzt dir.“ Ich saß mit Schürze bei ihm am Tisch, aber ich war der Beschenkte. Beglückend ist auch, wenn die Gäste sagen, dass sie bei uns so viel Geborgenheit erfahren. Meine Hochachtung vor Menschen, die sich unter schwierigsten Bedingungen durchschlagen und dabei ihre Würde behalten, ist mittlerweile sehr gestiegen. Meine eigenen Probleme relativieren sich im Vergleich zu deren Schicksalen. Auch die Angst, Menschen zu begegnen, die arm sind, wird einem hier genommen.

Ist das Essen also eher eine Sättigungsbeilage für die noch wichtigeren Begegnungen und Gespräche in der Vesperkirche?

Nein, ich würde beides als gleichwertig ansehen. Viele Gäste haben großen Hunger, und das Essen ist mit sehr viel Liebe gemacht. Auch, wie es gereicht wird, ist sehr wichtig. Der Gast soll schließlich freundlich und respektvoll, wie in einem Gasthaus, aufgenommen werden.

Entspricht die Zusammensetzung der Gäste einer umgekehrten Zweidrittelgesellschaft?

Das kommt ungefähr hin. Zwei Drittel der Gäste sind arm und ein Drittel ist aus eher bürgerlichen Verhältnissen, die auch für das Essen spenden können.

Sie haben Ihre Helferinnen und Helfer auch auf Problemsituationen vorbereitet, die es mit alkoholisierten oder pöbelnden Gästen geben könnte. Mussten Sie je solche Maßnahmen anwenden?

Nein, kein einziges Mal mussten wir Gäste bitten, Bier- oder Schnapsflaschen oder Hunde draußen zu lassen. Es gab einfach keinen Anlass dazu. Dass alles so gut verlief, verdanken wir der Freundlichkeit der Mitarbeiter und sicher auch dem Kirchenraum. Da kommen Leute, die auf der Straße leben – manche schlafen im Wald – sie schauen sich um und freuen sich: So ein schöner Raum, sagen sie, so warm ist es hier und die Tische sind so schön geschmückt.

Zu Ihren Stammgästen gehören auch viele Wohnungslose. Sie verkörpern Armut im klassischen Sinn. Hat sich Ihr eigenes Bild von derart Armen geändert?

Unter den Wohnungslosen sind viele Leute mit hohem Bildungsgrad, sie greifen begierig nach den Büchern, die wir hier anbieten. Nicht die Schinken, sondern die guten sind besonders schnell weg. Ich habe den Eindruck, dass viele von ihnen durch eine psychische Erkrankung aus der Bahn geworfen und aus der Arbeitswelt gedrängt wurden.

Armut hat viele Gesichter. Welche lernten Sie vor allem in der Vesperkirche kennen?

Ja, einmal gibt es die erkennbar Armen – mit Rucksack und Schrammen im Gesicht. Dann gibt es aber auch diejenigen, bei denen sich die Armut nicht sofort zeigt: ältere Rentnerinnen beispielsweise, alleinerziehende Mütter, sogar hungernde Studenten. In der Vesperkirche sprechen sie erstaunlich offen über ihre Situation. Und es entstehen Beziehungen – man kennt sich jetzt. Man weiß jetzt, da gibt's den Rolf, den Rüdiger, den Tom, Georg den Gärtner ... Außerdem hat uns erstaunt, wie viele auch unter unseren Ehrenamtlichen von Hartz IV leben.

Warum sollte der Luxus der Wohltätigkeit nur den Besitzenden zustehen?

Ja, das ist eine schöne Frage! Auch Menschen, denen es selber nicht so gut geht, helfen gerne noch anderen. Und auch deshalb bekommt jeder Mitarbeiter von uns die weiße Schürze mit unserem Logo, auch wenn er nur einen Tag mitgearbeitet hat.

Ist es für Sie nun am Ende der Zeit nicht ein blödes Gefühl, trotz sichtbaren Bedarfs zu schließen?

Die Vesperkirche sollte vor allem ein Impulsgeber sein. Wir wollten auch ein politisches Zeichen setzen, zeigen, dass es Armut in unserer Stadt gibt. Das Projekt war auch in den kirchlichen Gremien zunächst umstritten. Es gebe schon so viele Angebote, und es bestehe kein Bedarf nach einem weiteren, sagten manche. Dass wir im nächsten Jahr wieder eine Vesperkirche machen, ist der klare Wunsch unserer Gäste und unserer Mitarbeitenden. Wir hoffen, dass es weitergeht. In der Eberhardskirche gibt es seit kurzem ein tägliches Kirchencafé. Die Initiatoren sind auch Mitarbeitende der Vesperkirche.

Fragen: Ulla Steuernagel

Pfarrer Christoph Cless über die Vesperkirche
Christoph Clees ist Pfarrer an der Martinskirche, die sich vorübergehend zur Vesperkirche verwandelte. Bild: Steuernagel

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04.02.2010, 12:00 Uhr

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