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Leiter des Unimuseums beklagt Nichtbeachtung seiner Schätze durch die Stadt

Pferdchen und Venus sollen ins Rathaus

Das Foyer im Rathaus am Markt wird ein schöner, heller, großer Raum – mit einer Glasfront zum Marktplatz hin. Die bisherigen Ideen der Stadtverwaltung zu seiner Nutzung stießen im Verwaltungsausschuss auf wenig Gegenliebe. Das wiederum weckt Begehrlichkeiten – vor allem bei Ernst Seidl, dem Leiter des Museums der Universität.

26.06.2015
  • Sabine Lohr

Tübingen. Eine mindestens zwei Jahre währende Dauerausstellung zur Energiewende, vielleicht eine Außenstelle des Bürger- und Verkehrsvereins, möglicherweise ein Multimediatisch, an dem sich Bürger und Touristen informieren können – die Ideen fürs Rathausfoyer sind bisher vage. Dabei ist vieles denkbar: Von einer Dokumentation der dreijährigen Rathaus-Sanierung über Wechselausstellungen, wie sie auch im Verwaltungsausschuss angeregt wurden, bis hin zu einem Café.

Schaufenster für Museumsschätze

Die bisher unausgereiften Ideen rufen nun Ernst Seidl auf den Plan. Seidl ist Leiter des Museums der Universität Tübingen (MUT) und ärgert sich ziemlich darüber, wie wenig die Stadt Tübingen mit den Museumsschätzen wirbt.

Dabei haben die Sammlungen der Universität einiges zu bieten: Das Vogelherd-Pferdchen und die Steinzeit-Venus gelten als die ältesten Kunstwerke der Menschheit. Die beiden Figürchen sind so bedeutend, dass die Unesco sie im kommenden Jahr zum Weltkulturerbe erklärt. Zu sehen sind sie, zumindest zeitweise, im Tübinger Schloss. „Und das findet keiner, weil man es nicht sieht“, beklagt Seidl.

Sehr gerne, sagt er, hätte er eine Art Schaufenster für das Museum und die Sammlungen im Rathaus-Foyer. „Man könnte einzelne Objekte ausstellen, meinetwegen auch Faksimiles von den teuren Sachen – Hauptsache, die Leute werden auf diese Museen aufmerksam gemacht.“ Immerhin könnten die rund 50 Sammlungen der Universität mit ganz einmaligen Exponaten aufwarten. Neben den Eiszeitfiguren zum Beispiel mit den Fundstücken vom Federsee, die Teil des Weltkulturerbes Pfahlbauten sind. Oder mit der ägyptischen Grabkammer – „die nächste steht im Louvre“. Die Universität Tübingen hat die größte paläontologische Sammlung, sie besitzt und zeigt das einzige Weltraumteleskop, das mehrfach im All war. Sie hat die größte islamische Münzsammlung und sie zeigt das „schönste, physikalische Experiment der Menschheit“. Das Tübinger Unimuseum mit seinen „weltweit singulären Objekten“ sei, so Seidl, „das wichtigste Unimuseum Deutschlands“.

Nur kommen halt zu wenige Besucher. Beim Bürger- und Verkehrsverein (BVV) an der Neckarbrücke liegen zwar Faltblätter aus, „aber die nimmt halt auch nur der mit, der zum BVV geht“, sagt Seidl. Touristen, die einfach so nach Tübingen kommen, würden das Schloss erst gar nicht finden.

Michael Lucke, Vorsitzender des BVV, findet Seidls Idee „toll“. Nicht ganz so begeistert ist er von der Idee von Oberbürgermeister Boris Palmer, im Rathausfoyer eine Außenstelle des BVV einzurichten. Der Standort mitten in der Stadt sei zwar gut, aber der BVV sehe sich nicht in der Lage, Personal von seinem Sitz an der Neckarbrücke abzuziehen. „Unsere Mitarbeiter schaffen jetzt schon bis an die Kante der Belastbarkeit“, sagt er. Auch das Angebot des BVV zu splitten, hält Lucke für keine gute Idee. „Wer sich informieren will, bucht vielleicht auch eine Stocherkahnfahrt“, sagt er.

Verkehrsverein will in den Workshop

Weil der BVV ohne Gewinn arbeitet – „wir kommen immer Null auf Null raus“ – kann sich der Verein auch kein weiteres Personal leisten. 2,5 Stellen wären nötig, um eine Außenstelle mit festen Öffnungszeiten im Rathaus einzurichten. „Wenn die Stadt die Kosten dafür übernimmt, sind wir gerne bereit, es auszuprobieren.“ Eine zweijährige Probephase würde zeigen, ob sich die Kundenströme ins Rathaus verlagern. Das neue Personal müsste für diese Dauer befristet eingestellt werden. „Aber darüber gab es noch keine Gespräche mit der Stadtverwaltung“, sagt Lucke.

Zunächst vertraut er nun auf den Workshop, den der Verwaltungsausschuss beschlossen hat. In dem sollen, so die Idee, zwar nur „interessierte Gemeinderäte“ teilnehmen, „aber da wären wir schon sehr gerne dabei“, sagt Lucke.

Pferdchen und Venus sollen ins Rathaus
Das Foyer im Rathaus am Markt ist noch nicht fertig, aber jetzt schon ist gut zu sehen, welch schöner Raum es einmal wird: Mit einer Glasfront zum Marktplatz, hellem Sandsteinboden und ebenfalls mit Sandstein verkleideten Wänden. Der Raum weckt Begehrlichkeiten.

Pferdchen und Venus sollen ins Rathaus
Ernst Seidl, Leiter des Museums der Universität Tübingen MUT in der ägyptischen Grabkammer. Nicht nur auf die möchte er gerne aufmerksam machen.

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26.06.2015, 12:00 Uhr

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