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Ein Fernsehen für Algerien

Pfrondorfer Vorleserinnen nahmen die Zuhörer mit nach Afrika

In Ländern mit wenig formaler Bildung lernen die Menschen anders: voneinander, aus der Praxis, im Alltag. Wie aus diesem Stoff Literatur wird, hörten 130 Pfrondorfer am Mittwoch in zwei Beispielen bei der TAGBLATT-Gutenachtgeschichte.

07.08.2014
  • Ulrike Pfeil

Pfrondorf. Nombeko, 14 Jahre alt, hat einen Job, den man sich an einem lauschigen Abend auf dem Pfrondorfer Dorfplatz lieber nicht zu genau vorstellt: Das Mädchen aus Soweto ist Latrinentonnen-Trägerin, und das schon seit der Kindheit. Sie kann zwar (noch) nicht lesen, hat aber eine hohe Begabung fürs Rechnen. Wie sie sich mit Chuzpe zur Chefin der Latrinenleerer hocharbeitet, las Dagmar Schön-Luetkens aus dem neuen Buch des schwedischen Erfolgsautors Jonas Jonasson. Am Ende der Vorlesezeit hatte Nombeko von einem schmierigen alten Mann mit dem Mund voller Diamanten lesen gelernt und brach auf in die Nationalbibliothek von Pretoria, um vielen Büchern nahe zu sein.

Der Beruf von Schön-Luetkens – die Pädagogin ist bei der Stabsstelle für Gleichstellung der Stadt Tübingen in der Berufsorientierung für Mädchen tätig – passt zu ihrer gewählten Geschichte. Die hatte sie aber auch ausgesucht, weil sie „Afrika gern mag“.

Ebenfalls auf dem afrikanischen Kontinent, wenn auch im Norden, spielte die Geschichte, die Ute Kolbe-Fischer in der zweiten Hälfte des Abends vortrug: Algerien nach dem Befreiungskrieg. Ein nationales Fernsehen soll aufgebaut werden, ausländische Journalisten werden für eine Fernsehschule angeheuert. Auch sie begegnen Menschen, die von Bildung abgeschottet waren, die ohne System lernten, zufällig, mit Abwegen und mit Irrtümern von spezieller Komik. Die aber einen glühenden, existenziellen Bezug zu dieser Bildung haben, wie jener arme Ausbildungskandidat, der von Beethovens Neunter quasi erweckt wurde und dann von einem Fremdenlegionär Deutsch lernte, nur um Schillers „Ode an die Freude“ zu verstehen.

Ute Kolbe-Fischer hat ebenfalls einen pädagogischen Hintergrund: Die ehemalige Erzieherin absolvierte, als ihre Kinder groß genug waren, ein Studium der Sonderpädagogik. Gerade hat sie es abgeschlossen.

Wie es weiterging mit dem Aufbau des algerischen Fernsehens, erfuhren die Zuhörer nicht mehr. Etwa nach der Hälfte der Lesezeit von Kolbe-Fischer setzte der (in der Vorhersage nicht angekündigte) Regen ein. Im ersten Geniesel hielten die Zuhörer noch stand, zogen sich Jacken über, spannten Schirme auf. Doch dann musste die Veranstaltung doch abgebrochen werden.

Zuvor aber genossen die Zuhörer einen entspannten Abend mit Snacks, Getränken und Pausenmusik vom Musikverein Pfrondorf, und mit gelegentlichen Glockenschlägen vom Kirchturm. Moderator und TAGBLATT-Redakteur Ulrich Janßen fragte eingangs die anwesenden Pfrondorfer nach ihren Wünschen für das Dorf. Folgendes können die Tübinger Oberbürgermeister-Kandidaten notieren: Lagerraum für Vereine, neuer Anstrich fürs Rathaus, Café am Dorfplatz, Stadtbahn mit Fahrradtransport auf die Höhe.

Mitveranstalter war hier (neben der Tübinger Buchhandlung Osiander) „Das Netz“, ein Pfrondorfer Verein für kulturelle und ökologische Aktivitäten. Dessen Vorstandsmitglied Harry Belzl freute sich über 320 Euro aus dem Spenden-Hut. Der Verein wird damit im „Dorfgärtle“ein Lesehaus aufstellen: Dort kann man dann Bücher hinbringen und zum Lesen mitnehmen.

Info: Gelesen wurde aus: Jonas Jonasson, „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, Carl‘s Books, 19,99 Euro;

„Kaminski erzählt: Die Gärten des Mulay Abdallah und Herzflattern, Insel-Verlag, 18,80 Euro.

Pfrondorfer Vorleserinnen nahmen die Zuhörer mit nach Afrika
So idyllisch sah es auf dem Dorfplatz aus, während sich in der von Ute Kolbe-Fischer ausgewählten Geschichte die absurde Komik eines von den Franzosen verlassenen Fernsehsenders in Algerien nach dem Befreiungskrieg entfaltete. Bilder: Pfeil

Pfrondorfer Vorleserinnen nahmen die Zuhörer mit nach Afrika

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07.08.2014, 12:00 Uhr

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