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Die ethischen Werte des Korans

Pfullinger Schloss-Schule bietet Islamunterricht an

Die Pfullinger Schloss-Schule hat sich beim Ministerium für Kultus, Jugend und Sport als Modellschule für „Islamischen Religionsunterricht“ beworben und eine Zusage bekommen. Zehn Schüler/innen der ersten Klassenstufe werden jetzt in islamisch-sunnitischer Glaubenslehre unterrichtet.

05.10.2010
  • Karin Burth

Pfullingen. „Als wir die Zusage erhalten haben, waren wir zunächst unsicher, ob Eltern ihre Kinder überhaupt für den Unterricht anmelden würden“, sagt Rainer Gonser, der Leiter der Grund- und nun auch Werkrealschule in Pfullingen im Gespräch mit dem TAGBLATT. Tatsächlich gibt es an der Grund- und seit diesem Schuljahr auch Werkrealschule in Pfullingen sehr viele Schüler/innen muslimischen Glaubens – elf von 54 Schüler/innen der ersten Klassenstufe.

Gonser, 56, zögerte deshalb keinen Moment, als das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport beschloss, das seit vier Jahren laufende Modellprojekt „Islamunterricht“ auf weitere Schulen auszudehnen (siehe Kasten) und schickte eine Bewerbung nach Stuttgart. „Nachdem wir eine Zusage erhielten, befürchteten wir zunächst, dass sich gar keine Kinder für den Unterricht anmelden würden“ – eine unbegründet Annahme, wie sich zeigen sollte.

Vorerst für die erste Klassenstufe

Um die Eltern von dem Konzept des Islamunterrichts in Kenntnis zu setzen, luden der Rektor und die künftige Islamlehrerin Stephanie Turki, 33, zu einem Gesprächsabend ein – was „sicherlich dazu beigetragen hat, dass zehn von elf möglichen Kindern der ersten Klassenstufe angemeldet wurden“, sagt Gonser und fügt hinzu: „Die Schüler der höheren Klassen sind sogar neidisch.“

Den islamischen Religionsunterricht wird es in diesem Schuljahr nur für die erste Klasse geben, im nächsten Schuljahr soll er dann in der zweiten Klasse fortgesetzt werden. „Das Problem ist der Lehrermangel“, erklärt Grund- und Hauptschullehrerin Stephanie Turki, die zum islamischen Glauben konvertierte und ein zweisemestriges berufsbegleitendes Studium zur islamischen Religionslehrerin an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg absolviert hat.

Nur an fünf Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg kann man „Islamische Religion“ studieren. Dabei ist sich Gonser ziemlich sicher, dass weitere Schulen den islamischen Religionsunterricht einführen würden, wenn es mehr geeignete Lehrkräfte gäbe. Andere Bundesländer seien da schon weiter. Für Gonser bedeutet der Unterricht ein Stück „Integrationsleistung“. Es ergebe doch keinen Sinn, ständig gegen den Islam zu hetzen und immerzu die Unterschiede zum christlichen Glauben hervorzuheben.

Argumente pro und contra

Angesichts der überwiegend negativen Berichterstattung in den Medien sei es wichtig, den Kindern und ihrer Religion Wertschätzung entgegenzubringen, indem ihre Religion als Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt werde. Auch sei der Islamunterricht – wie er im Bildungsplan des Landes vorgeschrieben wird – absolut mit dem Grundgesetz vereinbar und sogar sprachfördernd: Denn der Unterricht ist laut Bildungsplan in deutscher Sprache zu halten. Sogar Wörter wie „Allah“ dürfen deshalb nur in einem bestimmten Kontext vorkommen. Statt dessen muss der Lehrende von „Gott“ sprechen.

Für Turki ist der Unterschied zum christlichen Religionsunterricht verschwindend gering, denn auch in ihrem Islam-Unterricht wird es vor allem um ethische Werte gehen – aber eben entlang des Korans. „Ich finde es wichtig, dass die Kinder über ihre Religion Bescheid wissen und durch ein fundiertes Wissen für Diskussionen gerüstet sind.“

Über den islamischen Religionsunterrichts an Schulen in Deutschland klaffen die Meinungen weit auseinander. Vor allem unter den Befürwortern des Unterrichts gibt es ganz unterschiedlichen Motive: Die einen hoffen damit den islamisch-fundamentalistischen Koranschulen das Wasser abzugraben, für andere ist es aus Gründen der Gleichberechtigung unabdingbar, über den christlichen Religionsunterricht hinaus, auch einen islamischen zu einzurichten.

Öffnen für andere Lebenswelten

Indes befürchten Kritiker, dass die Einführung eines zusätzlichen getrennten Religionsunterrichts an Schulen weniger zur Integration beiträgt und die Kinder eher separiert. In Hamburg jedenfalls wird deswegen der Religionsunterricht ohne Trennung der Schüler und Schülerinnen nach Religionen und Weltanschauungen in einem dialogischen Religionsunterricht erteilt. Hinter diesem Konzept verbirgt sich die Meinung, dass die Erziehung in eine Religion hinein Aufgabe des Elternhauses ist. Hingegen haben öffentliche Schule die Aufgabe, Schüler und Schülerinnen in das Gebiet der Religionen so einzuführen, dass sie sich für die religiösen Lebenswelten der anderen öffnen können.

Islamischer Religionsunterricht in Baden-Württemberg

Im Jahr 2006 wurde an zehn Grundschulen Baden-Württembergs das Modellprojekt „Islamischer Religionsunterricht“ eingeführt. Jetzt will das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport das Projekt um vier Jahre verlängern, außerdem wurde der Religionsunterricht auf Hauptschulen ausgeweitet. Seit diesem Schuljahr kamen fünf weitere Grundschulen dazu, darunter auch die Pfullinger Schloss-Schule. An den meisten Schulen wird islamisch-sunnitischer Religionsunterricht angeboten, da die meisten Schüler sunnitischen Glaubens sind. Alevitischen Religionsunterricht gibt es derzeit an zwei Grundschulen.

Pfullinger Schloss-Schule bietet Islamunterricht an
Islamlehrerin Stephanie Turki und Schloss-Schule-Rektor Rainer Gonser. Bild: Haas

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05.10.2010, 12:00 Uhr

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