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Sommertheater: Wirtshaus im Spessart

Phantasie, ihr guten Leut!

Tübingen. Das Radio spielt. In diesem ehrenwerten Haus. Auch mal die Melodie der Schwarzwaldklinik.

20.07.2012
  • Peter Ertle

Sie wünschen, wir spielen. Heute: „Das Wirtshaus im Spessart.“ Wo? „Im Spessart“. Wo? „Im Spessart“. Das versteht keiner, der die Inszenierung nicht gesehen hat. Aber das kann man ja noch. Eine Variation des Themas „Der deutsche Wald“. Der ist in Form mächtiger Bäume auch da, auf dem Platz vor der Burse. Einen Baum hat Bühnenbildnerin Julia Ströder sogar mit in ihr Wirtshaus gezimmert, in dem, wie in Wirtshäusern so üblich, verhockte Gestalten – na eben hocken. Einer, Wilhelm, (Peter Weiß) schläft überm Akkordeon. Der andere (Christian Glötzner) ist etwas ballaballa.

Aber jetzt kommt die umtriebige Wirtin und holt sich mit akrobatischer Liegestütz zwischen Tresen und Boden den ersten Szenenapplaus. Ach ja: Sommertheater. Vom Neckar herauf rufen Stocherkahnpartien: „Hallo! Haaallo! Haloooo!“ „So wie man reinruft, kommts halt rausgeschallt“ antwortet singend die Wirtstochter, die inzwischen auch da ist, in dieser vom Mutter/Tochterkonflikt geprägten ersten Szene.

Von der mütterlichen Gymnastik abgesehen geht’s ein bisschen langsam und einfältig los da oben auf der Bühne, aber die Inszenierung wird später mächtig aufholen, in Fahrt kommen, sich überschlagen, auffächern und Blüten treiben. Jetzt noch nicht. Jetzt steigen erst einmal ein Student und ein Fuhrmann im Wirtshaus ab. Bei Wilhelm Hauff sind es ein Goldschmied und ein Zirkelschmied, der Student und der Fuhrmann sind bereits da.

Aber in der Fassung, die Lumpenbruder Christian Hansen fürs Zimmertheater geschrieben hat, ist alles ein bisschen anders, wird alles variiert. Er spielt mit Hauffs Erzählung, manchmal sehr avanciert und manchmal gezielt blöd, letztlich aber in durchaus romantischer Verlängerung. Er macht Hauffs Märchen zum Stück im Stück. Wobei ihnen der Wald verschiedener Erzählmöglichkeiten auch mal über den Kopf wächst. Dann sehen sie nur Bäume und streiten sich, zu welchem die Reise nächstens geht. Aber natürlich nur gespielt.

Falls es jemand das Stück über nicht gemerkt haben sollte, gegen Ende wird er förmlich mit der Nase darauf gestoßen: Dass dies Räuber sind, die trickreich einen Laden hochnehmen. Oder dass dies fahrende Theaterleute sind, die uns hoch nehmen. Zu unserem Vergnügen. Wir lassen dafür etwas Geld da. Dafür darf man schon etwas erwarten.

Es gibt aber zunächst nur Pökelfleisch, Gurken und Kartoffelstampf (für den vegetarischen Studenten: Kein Pökelfleisch, Gurken und Kartoffelstampf), zu denen sich ganz allmählich, schleichend, ein gewisser Grad an Unheimlichkeit einstellt. Seinen Siedepunkt erreicht das Unbehagen, als die Wirtin auf Bitten des Studenten ein Märchen erzählt. Den Studiosus schaudert’s, er traut vorübergehend dem Essen nicht mehr. Das kriegen sie richtig gut hin auf diesen Brettern.

Dazwischen machen vor allem Gänge oder Aufzugfahrten in nicht vorhandene Keller gute Laune sowie manche Dialoge des im szenischen Schreiben hörbar versierten Autors. Die eingestreuten Couplets, geschrieben von Bernhard Mohl, sind an sich sehr schön – nur an die Mischung muss man sich erst mal gewöhnen. Aber Sommertheater, werden sie sich gedacht haben, muss prall sein, da packen wir ein bisschen Dreigroschenopergefühl rein, und nachher noch etwas Stummfilm, etwas Schattentheater, Figurentheater auch.

Beim Figuren- und Schattentheater hat man den Eindruck, dass die Geste, die Beigabe wichtiger war als der Inhalt, die Ausführung. Bei den Songs von Bernhard Mohl verhält es sich andersrum: Sie sind für sich sehr hörenswert und ausgearbeitet, klingen aber zu sehr nach einem anderen Genre, einer anderen Theatertradition.

Das scheinbar von einem ganz anderen Stern hereingeschneite „Lied von den verpassten Gelegenheiten“ dagegen wird zu einem großen Höhepunkt des Abends, mit Szenenapplaus bedacht. Weil es eigen und fremd genug ist und in dieser Distanz doch wieder einen romantischen Parallelschwung zur Erzählung schlägt. Und, ja: weil es großartig ist.

Aber fällt das alles ins Gewicht, beim Sommertheater? Nein. Kann man nicht auch anderer Meinung sein? Doch, immer, auf jeden Fall. Das hinter einem sitzende Zuschauerpärchen begrüßt jede neue Szene, jede neue Figur mit einem „cool!“, wenn dem Schauspieler eine entsprechende Perücke aufgesetzt wird, wispern sie: „Richter!“ Und wirklich wird er gleich kurioses Recht im Mordfall Wirtin sprechen. Es wird also gut sein.

Als im Märchen, das Frau Wirtin dem Gespann aus Student und Fuhrmann erzählt, ebenfalls ein Student und ein Fuhrmann auftauchen, als später die Gräfin aus dem Märchen und bald auch der Jäger leibhaftig zur Tür herein tritt, gerät man sowieso in den Bann der Endlos-Verschachtelung: Figuren spielen ein Märchen, in dem ein Märchen erzählt wird, deren Figuren leibhaftig zur Tür herein treten und nun ein Märchen spielen. Eigentlich ist es noch komplizierter. „Jetzt habt ein bisschen Phantasie, ihr guten Leut!“ fordert der Sänger.

Christian Hansen tut nach dem kollektiven Klogang des Ensembles zur Pause (auch was neues!) viel dafür, noch mehr Schwurbel und Schwindel in die Hirne der Zuschauer zu zaubern, säumt den Waldsportpfad Spessart mit Pistolen, Toten, Entführungen, Männern in Kleidern, Frauen in Männerhosen ( das ist auch bei Hauff so).

Regisseur Christian Schäfer streut auf diesem immer wilder und klamottiger werdenden Parcours ein ganzes Inventar an Spielweisen und Pointen aus, lässt im Jägerhaus den Risotto allmählich kalt werden (das ist bei Hauff nicht so) und inszeniert – eine überraschende Spielortverlagerung – beinahe-Fensterstürze aus der Burse. Geht aber gut, Fortuna sei Dank. Wer ist Fortuna? Eine Bekannte aus Düsseldorf. Der größte Lacher des Abends. Ist aber auch gut!

Die Gastschauspieler Frank Siebenschuh (Jäger) und Christine Diensberg (Gräfin) stehen der Wirtin (Nicole Schneider), der Tochter (Lucie Mackert), dem Studenten (Johannes Karl) und dem Fuhrmann (Robert Arnold) an versierter Schauspielkunst in nichts nach. Dafür dass sich der Zauber des Sommertheaters (wie ja auch der Zauber des Sommernachtskinos) in den letzten Jahren etwas überlebt hat, kann das Zimmertheater nichts. Und dafür kann sich dieses szenische Waldstück sehen lassen. Warmer, kurzer Applaus.

Info: Heute, morgen und übermorgen sowie von Mittwoch, 25. Juli bis Sonntag, 29. Juli, Mittwoch, 1. August bis Samstag 4. August und Mittwoch, 8. August bis Samstag, 11. August. Beginn jeweils 20.30 Uhr auf dem Platz vor der Burse. Als Ausweichquartier bei Regen steht der „Löwen“ zur Verfügung. Bei problematischer Wetterlage ist die Ver legung über die Telefonnummer 0 70 71 / 92 7 30 zu erfahren.

Phantasie, ihr guten Leut!
Von links: Lucie Mackert in einer Hosenrolle, Nicole Schneider als Wirtin, Robert Arnold als Fuhrmann und Johannes Karl in den Kleidern, die sonst das Wirtstöchterlein trägt, gespielt von Lucie Mackert, die ganz links steht. . . Bild: Zimmertheater

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20.07.2012, 12:00 Uhr

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