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Wahrhafte, ehrliche Musik

Philipp Amelung und das Akademische Orchester proben Arthur Honegger fürs Konzert am Sonntag

Mit „König David“ und „Jeanne d’Arc“ hat Philipp Amelungs Amtsvorgänger Tobias Hiller 2001 und 2008 bereits zwei Hauptwerke des Komponisten Arthur Honegger aufgeführt. Hier knüpft Universitätsmusikdirektor Amelung nun an und ergänzt die Reihe um Honeggers „Symphonie liturgique“.

26.07.2012
  • Achim Stricker

Tübingen. „Ich stamme aus einem Theologenhaushalt, da sprach mich der Titel sofort an“, erzählt Philipp Amelung von seiner ersten Begegnung mit der „liturgischen“ Symphonie. Ihre drei Sätze sind benannt nach Teilen des Requiems, der lateinischen Totenmesse und Begräbnisliturgie: „Dies irae“ („Tag des Zorns“), „De profundis clamavi“ („Aus der Tiefe rufe ich“) und „Dona nobis pacem“ („Gib uns Frieden“).

Honegger verzichtet aber auf Gregorianik-Zitate und überhaupt auf Vokalpartien. Die Titel geben nur eine Deutungsrichtung an. Die Instrumente bringen Unaussprechliches zum Ausdruck. Seine dritte von fünf Symphonien schrieb Honegger 1945/1946 in Paris und verarbeitete darin die Ängste und Schrecken des Zweiten Weltkriegs. In dieser Musik wollte er den modernen Menschen darstellen: hin und her gerissen zwischen Barbarei und Sehnsucht nach Frieden, stumpfer Dummheit und sensibler Religiosität, entfremdender Technisierung und subjektivem Glücksstreben.

Zusammen mit Francis Poulenc und Darius Milhaud gehörte der 1955 verstorbene Honegger zur Pariser Musikavantgarde der „Groupe des Six“. Der französisch-schweizerische Komponist war eine vielschichtige Persönlichkeit: einerseits ein überzeugter Modernist und Eisenbahn-Fan; berühmt geworden ist sein Dampflok-Klanggemälde „Pacific 231“. Andererseits trat der Protestant in einen künstlerischen Dialog mit Paul Claudel, dem Dichter des französischen Katholizismus. Die 30-minütige Symphonie liturgique ist nach „Jeanne d’Arc“ (1935) der Kulminationspunkt von Honeggers Auseinandersetzung mit Religion und Mystik.

„Es ist ein philosophisches Werk“, konstatiert Amelung. „Honegger hat die drei Sätze einmal auf den Dreischritt gebracht: Unglück – Glück– Der Mensch.“ Musikalisch wird der Krieg geschildert, der auch im menschlichen Herzen tobt. Das verbindet Honeggers Symphonie liturgique mit ähnlichen Werken derselben Zeit: Benjamin Brittens „Sinfonia da Requiem“ (1940) oder Frank Martins „In terra pax“ (1944).

Beim Probenwochenende im Uni-Festsaal ist zum ersten Mal das Schlagwerk dabei. In der nächsten Probe wird noch das Klavier dazukommen, das die Orchesterklänge mit seinem harten Timbre färbt. Damit vervollständigt und verändert sich das Klangbild. „Die Partitur täuscht“, meint Amelung: „Die Musik ist längst nicht so gemäßigt und gefasst, wie der erste Anschein suggeriert. Die Klänge gehen nicht sofort ins Ohr. Es erfordert viel Arbeit, ihre ganze Krassheit und Härte herauszuholen.“

Das „Dies irae“ balanciert zwischen Impressionismus und Expressionismus. Das macht die Darstellung des Jüngsten Tags zu einer nicht nur stilistischen Gratwanderung. Stellenweise ist Strawinsky nicht fern, aber Honegger ist weniger grell und plakativ, bleibt viel abstrakter. Auch wenn die stark rhythmisierte Struktur dieser Musik scharf sein muss, hart und aggressiv, hält Amelung doch immer wieder zurück: „Nicht ganz so sprunghaft. Bei aller Schärfe ist es doch zuallererst eine Klage.“

Zerbrochene Marschrhythmen symbolisieren Krieg und Gewalt – wie oft auch bei Schostakowitsch. „Auf mich wirkt Honeggers Musik aber authentischer, wahrhafter“, merkt Amelung an: „Bei Schostakowitsch wird alles mehr ausgestellt, sarkastisch parodiert. Honeggers Musik ist unglaublich ehrlich, aus dem Bauch heraus.“

Am Ende zerfällt der Marsch zu Asche, zerbröckelt und zerstäubt. Der folgende langsame Satz „De profundis“ ist voll harmonisch gespannter Verklärungsklänge. „Ein Gebet ohne Hoffnung“, so Honegger. Eine unnahbare Sinnlichkeit, die etwas Schwelendes an sich hat. Die sehrenden Farbkombinationen und die räumliche Tiefe dieser Musik erinnern an den Abstrakten Expressionismus und die Farbfeldmalerei der Nachkriegszeit.

Bei der großen Orchesterbesetzung und den surreal schwankenden Rhythmen achtet Amelung überall auf zielgenaue Linienführung: „In den Trompeten noch deutlicher auf den Tiefpunkt zuspielen! Und die Celli noch mehr Linie!“

Die Symphonie ist schwer zu proben, weil man kaum irgendwo eine Zäsur machen kann. So komplex überlagern und verzahnen sich Stimmeinsätze und Klangschichten. Das Finale „Dona nobis pacem“ bringt den ersehnten Frieden erst ganz zum Schluss: ein transzendentes Adagio, das sich über Solo-Cello und Solo-Violine nach und nach bis hinauf zur Piccoloflöte erhebt.

Die „Symphonie liturgique“ ist eingebettet in ein „französisches Programm“. Bizets zweite „Carmen“-Suite wird den Abend eröffnen, gefolgt von Kay Westermanns Konzert für Marimba und Orchester (2009). Aus seiner Studienzeit an der Münchner Musikhochschule kennt Amelung Prof. Kay Westermann persönlich. So erklärte sich der Komponist auch bereit, während der Einstudierung eine Probe mit dem Akademischen Orchester abzuhalten. Sein Sohn Jan Westermann spielt den Marimba-Part. „Der verbindende rote Faden“ zwischen Honegger, Bizet und Westermann, erklärt Amelung, „ist eine spezifisch französische Klangästhetik und Instrumentierung.“

Info: Das Akademische Orchester unter Philipp Amelung spielt das komplette Programm am Sonntag um 19 Uhr im Uni-Festsaal. Westermanns Marimba-Konzert ist bereits am morgigen Freitag um 18 Uhr, ebenfalls im Uni-Festsaal, als Semesterabschluss der Kinderuni zu hören (für Kinder ab dem Grundschulalter. Eintritt frei).

Philipp Amelung und das Akademische Orchester proben Arthur Honegger fürs Konzert am Sonntag
Celli auf Linie, die Bässe sowieso: ein Blick in die Festsaal-Probe des Akademischen Orchesters.Bild: Faden

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26.07.2012, 12:00 Uhr

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