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Geölter als nötig

Phillip Boa and Voodooclub im franz. K

Früher liefen Konzerte von Phillip Boa and the Voodooclub so ab: Die Hardcore-Fans vor der Bühne begrüßten ihr Idol mit „Arschloch!“ Der Angesprochene nahm das mit mürrisch-mimosischem Gesichtsausdruck hin, sagte zwischen den Liedern wenig und bewegte ab und an den Kopf. Auf der rechten Seite hatte er das Haar länger. Man glaubte als Zuschauer gerne, dass dieses Ungleichgewicht zu Nackenstarre führen könne.

09.11.2015

Dass Phillip Boa dieselbe Frisur nach wie vor trägt, spricht für ein gewisses Maß an Starrsinn. Braucht man auch, wenn man eine Mischung aus Grufti-Industrial und Wave-Pop macht, eine Mischung, der im Lauf der Zeit das Publikum entwuchs. Aber auch das ist eine trügerische Einschätzung. Denn der Voodooclub rekrutierte seine Anhängerschar im Bereich Independent / Crossover – noch ehe es diese Schublade überhaupt gab. Ach, war das damals eine schöne Zeit! Die Mädels tanzten so ausdrucksvoll. Und sie tun es immer noch: Auch wenn die Sounds von Boa und dem Voodooclub immer ein bisschen zu eckig, zu sperrig waren – die Mädels von damals waren am Freitag im Reutlinger franz. K wieder da. Immer noch so aufregend.

Was die heutigen Hardcore-Fans vor der Bühne riefen, bekam man hinten nicht so mit. Es dürften keine Schimpfwörter gewesen sein. Sonst hätte der Frontmann nicht so eine Rotwein-selige Gelassenheit angenommen. Hätte vielleicht nicht unbedingt Luft-Schlagzeug gespielt, oder diese anderen, etwas spastisch wirkenden Gesten auf Gürtelhöhe produziert, die wohl Luftgitarre ohne Hals sein sollten. Und hätte sich wohl kaum eingestanden, eigentlich zu viel zwischen den Stücken zu reden. Aber irgendwann wird jeder sentimental und Rotwein hilft dabei enorm. So erzählt er, „When My Mother Comes Back“ sei „sehr persönlich“. Und im anschließenden „My Sweet Devil in the Sky“ – auf seine frühere Bühnen- und Lebenspartnerin Pia Lund gemünzt – gehe es um einen „Streit zwischen Leuten, die sich lieb haben.“ Oooh.

Die Band hatte gut geübt, die Lieder kamen fast geölter als notwendig. Dennoch waren die Musiker, selbst die zweite Sängerin Pris, nur Beigabe zu Bandboss Boa. Zunächst spielte man einige Singles. Wie großartig war doch eigentlich „Get Terminated“! Wie schrecklich überbewertet „This is Michael“! Die Hardcore-Boa-Fans kümmerte das nicht. Sie waren restlos begeistert. Erst recht, als der Meister nach etwa der siebten von gefühlt 35 Nummern ankündigte, das komplette Album „Aristocracie“ zu spielen, was die Band dann auch tat. Irgendwie versteht man schon, warum vor allem die englischen Musikkritiker die Band als eine der wichtigsten ihrer Zeit hierzulande einordneten. Als Boa nach dem beeindruckend rockenden „Container Love“ und „And then she kissed her“ die Fans ganz vorn abklatschte, die gar grinsend als „Motherfuckers“ titulierte, wusste man, ein ziemlich großartiges Konzert erlebt zu haben. „Kill Your Ideals“ war der passende Schlusspunkt. Michael Sturm

Phillip Boa and Voodooclub im franz. K
Sängerin Pris (links) spielt selten die erste Geige. Beim Voodooclub dreht sich alles um Bandboss Phillip Boa. Bild: Haas

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09.11.2015, 12:00 Uhr

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