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Pionier und Pragmatiker, der Publikumsnähe sucht
Streitbarer Geist: Burkhard C. Kosminski. Foto: Christian Kleiner
Theater

Pionier und Pragmatiker, der Publikumsnähe sucht

Burkhard C. Kosminski soll 2018 Stuttgarter Schauspielchef werden. Heute entscheidet der Verwaltungsrat.

24.04.2017
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart. Schon früh zog es ihn ins Theater. Von Pfullingen, wo er aufgewachsen ist, pilgerte er regelmäßig nach Stuttgart. Zu Peymann. Später wagte er den Sprung nach New York, ans berühmte Lee Strasberg Institute. Seit 2006 leitet Burkhard C. Kosminski das Schauspiel am Nationaltheater Mannheim, erst als Direktor, seit 2013 als Intendant.

2018 soll er auf Vorschlag der Findungskommission Schauspiel-Intendant in Stuttgart werden, als Nachfolger von Armin Petras, der aus privaten Gründen aufhört. Wenn alles klappt, wird der Verwaltungsrat heute diesen Vorschlag annehmen.

Kosminski hat in Mannheim das erreicht, was vielen als Quadratur des Kreises gilt: Er hat das Schauspiel zu einem weithin renommierten Uraufführungstheater gemacht – und gleichzeitig Zuschauerrekorde eingefahren. 100 000 bis 130 000 sind es pro Saison, kürzlich waren es so viel wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Éin Erfolgsmodell, weswegen auch das Wanderfestival „Theater der Welt“ 2014 Mannheim zum Austragungsort kürte. Kosminski dürfte insgesamt an die 100 Ur- und Erstaufführungen auf den Weg gebracht haben. Auch der aktuelle Spielplan enthält drei Klassiker und elf Gegenwartsstücke. Mit Roland Schimmelpfennig, Ewald Palmetshofer, Felicia Zeller hat der 55-Jährige junge Dramatiker entdeckt und gefördert. Mannheim leistet sich gar einen jährlich wechselnden Hausautor.

Apropos Publikumsnähe: Schon bevor alle davon redeten, hat Kosminski 2012 in Mannheim eine Bürgerbühne gegründet. Er arbeitet auch viel mit Flüchtlingen, erkundet neue Spielformen, greift Biographien auf („Mannheim Arrival“) und erprobt Showformate („Spiel ohne Grenzen“).

Als Regisseur, der vorwiegend Gegenwartsstücke inszeniert, fühlt sich Kosminski den Autoren, den Texten verpflichtet. Vor seiner Regiekarriere war er übrigens Schauspieler („Marienhof“, „Medicopter“) und drehte mit Hollywood-Größen wie Hugh Grant und Malcolm McDowell („Night Train to Venice“). Als Regisseur leistet er Pionierarbeit: Er hat „Das Fest“ (2000) von Dogma-Filmer Thomas Vinterberg auf die Bühne gebracht und das Familiendrama „August: Osage County“ (2008) von Tracy Letts als europäische Erstaufführung entdeckt (was dann überall gespielt wurde, auch in Stuttgart). Ein streitbarer Geist. „Tannhäuser“ (2013) in Düsseldorf, seine einzige Opernarbeit, wurde wegen verstörender Holocaust-Bezüge heftig debattiert und vom Intendanten abgesetzt. 2014 machte Kosminski mit einem Appell Furore, den Soli-Beitrag künftig für Kultur und Bildung zu verwenden.

Uraufführungstheater, Bürgerbühne, Hausautoren: Kosminski wird sicher nicht alles auf Stuttgart übertragen wollen. Damit ist vor ihm schon Jürgen Bosse nicht gut gefahren, der in den späten 80ern von Mannheim aus das Stuttgarter Schauspiel übernahm. Kosminski dagegen wird zuerst die Stuttgarter Potenziale erforschen. Denn er ist trotz allem ein Pragmatiker, einer, der bei aller Debattenlust immer auch die Publikumsnähe sucht. Vielleicht ist es angesichts sinkender Verweildauern der Stuttgarter Schauspiel-Chefs – zwölf Jahre bei Friedrich Schirmer, acht bei Hasko Weber, fünf bei Armin Petras – nicht schlecht, dass mit Kosminski wieder ein schwäbisch sozialisierter und dennoch weltläufiger Theatermann die Leitung übernimmt. Otto Paul Burkhardt

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24.04.2017, 06:00 Uhr

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