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Foto-Ausstellung erinnert an den Bebenhäuser Landtag

Pioniere der Demokratie

Es ist erst 60 Jahre her und doch schon fast vergessen, wie im Kloster Bebenhausen ein Landtag nach der Nazi-Diktatur ein demokratisches System wiederbelebte. Fotografen aus der Region haben es zum Glück dokumentiert. Zu sehen ist das jetzt im Schönbuch-Museum.

27.05.2012
  • WOLFGANG ALBERS

Dettenhausen. Demokratie heißt ja nicht unbedingt Kuschelkurs, sondern kennt auch den Kampf um die Macht. Und so drängeln sich an einer engen Tür des Klosters Bebenhausen zwei Männer, die nicht nur körperlich ganz robust, sondern auch politische Schwergewichte waren: Carlo Schmid, als „Landesdirektor“ so eine Art erster Regierungs-Chef im deutschen Südwesten, und Oskar Kalbfell, der Reutlinger Oberbürgermeister. Keiner der beiden politischen Alpha-Tiere will dem anderen den Vortritt lassen.

Zu verdanken ist das Bild dieser aufschlussreichen Szene dem Reutlinger Fotografen Carl Näher. 1901 geboren, hatte er seit 1925 ein Fotogeschäft in Reutlingen. Er arbeitete außerdem als Reportage-Fotograf und dokumentierte wichtige Ereignisse in der Region – so auch die Sitzungen des Landtages Württemberg-Hohenzollern von 1946 bis 1952 im Kloster Bebenhausen.

Der Blick auf einige von diesen Bildern wiederum ist Ulrich Hägele zu verdanken, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen und einst auch Leiter des Schönbuch-Museums. Er hat den Negativ-Bestand Carl Nähers, rund 40 000 Aufnahmen, gesichtet – er liegt im Stadtarchiv Reutlingen, noch weitgehend unbearbeitet.

Man sieht fast nur Personen

Ein weites Feld also noch für Historiker und ein lohnendes, sagte Ulrich Hägele bei der Eröffnung am Donnerstagabend: „Die Sammlung Näher zählt neben den Archiven der Fotografenkollegen Peter Dohm sowie Walter und Volkmar Kleinfeldt zu den herausragenden Zeugnissen der visuellen Kultur des 20. Jahrhunderts in der Region Neckar-Alb.“

Der Tübinger Volkmar Kleinfeldt hat Abzüge von den Negativen gemacht. So hängen nun teils großformatige Bilder im Schönbuch-Museum, die zunächst einmal zeigen, welcher ästhetischer Reiz doch in der Schwarz-Weiß-Fotografie liegt.

Und sie zeigen eine Politiker-Versammlung, die es in dieser Zeitgebundenheit nicht mehr gibt. Man sieht fast nur Personen, und das ist kein Zufall: Ein Politiker war noch auf sich selbst reduziert, all die heutigen personellen und infrastrukturellen Beigaben der Macht gab es in der klösterlichen Kargheit der Bebenhäuser Ära noch nicht.

Man sieht auch fast keine Politikerinnen: Nur zwei Frauen gehörten dem Landtag an. Die übrigen Frauen sind Servier-Fräuleins.

Und man sieht kommunistische Abgeordnete. Denn die kommandierenden Franzosen achteten darauf, dass nur Nicht-Nazis den demokratischen Neuanfang wagen durften. Ulrich Hägele hat mit Zusatz-Exponaten und Tondokumenten versucht, ein bisschen vom Geist jener Zeit zu vermitteln, etwa mit einem Plakat HAP Grieshabers, das mit seiner ins Abstrakte spielenden Geometrie deutlich machte: Es gilt wieder die Freiheit der Kunst.

So gesehen haftet dem Bebenhäuser Landtag auch eine gewisse demokratische Unschuld an, die nicht lange währte: Als die politische Großwetterlage Richtung Kalter Krieg drehte, wurde etwa die KPD verboten und durften die Ex-Nazis wieder in bundesdeutsche Schlüsselpositionen. „Eine riesige Hypothek für die Zukunft der Bundesrepublik“, sagte Ulrich Hägele.

Manche sind schon in Vergessenheit geraten

Umso mehr Anlass besteht, das Andenken an die Bebenhäuser Demokratie-Pioniere zu wahren. Einfach ist das nicht. Längst nicht alle Personen auf den Fotos konnte Ulrich Hägele identifizieren: „Mit fortschreitender Zeit scheinen die einst von unseren Vorfahren gewählten Politiker in Vergessenheit geraten zu sein.“

Info: Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 8. September im Schönbuchmuseum Dettenhausen, Ringstraße 3. Öffnungszeiten: sonn- und feiertags, 14 bis 18 Uhr.

Pioniere der Demokratie
Der CDU-Abgeordnete Gebhard Müller im Gespräch mit Bundespräsident Theodor Heuss in Schwarzweiß und im Großformat in der Ausstellung des Schönbuchmuseums Dettenhausen. Frauen sind dort, wie auf dem Bild rechts, in der Regel als Servierfräulein zu sehen, nicht als Politikerinnen — nur zwei Frauen waren im Landtag vertreten. Bild: Franke

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27.05.2012, 12:00 Uhr

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