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Kunst als Kontrast und Kritik

Plastiken von Jörg Bach und Zeichnungen von Uwe Ernst ab Sonntag im Backsteinbau

Form statt Farbe: Die Kunstwerke bei der vierten Doppelausstellung im und vor dem Backsteinbau zeichnen sich durch eine Reduzierung auf Schwarz und Weiß aus. Uwe Ernst kritisiert in seinen rund 25 großformatigen Zeichnungen die zunehmende Technisierung und Digitalisierung. Stahlskulpturen mit Windungen sind Jörg Bachs Art, Gegenständliches in dreidimensionale Plastiken zu übersetzen. Verbindende Elemente des Bildhauers und des Malers sind eine strenge Linienführung – und hintergründige Titel.

04.11.2015
  • cristina priotto

Sulz. „Mit Farbe zu arbeiten macht mir keinen Spaߓ, erklärte Uwe Ernst am Dienstag beim Presse-Rundgang, weshalb alle Bilder in Schwarz, Weiß und Grautönen in vielen Schattierungen gehalten sind. Fehlende Farbe macht der Künstler durch assoziative Ausdruckskraft wett: Kritischen Auges betrachtet der Göppinger die Gesellschaft in ihrem zunehmenden Ausgeliefertsein an die Technik. „Apokalypse, Auflösung mit Hutgebet zum Digitalismus“ lautet etwa der Titel einer von über 25 Zeichnungen, die ab Sonntag im Foyer der Stadthalle zu sehen sind. Ernst geht es um das Existenzielle, und dass das Antlitz des Menschen immer technisiertere Züge annimmt.

Ein weiteres Schlüsselbild über die Fixation Jugendlicher auf die digitale Welt zeigt Hänsel und Gretel als kleine Figuren, die sich in einem Wald aus Technik verirren.

Der 68-Jährige hat aber auch ein Faible für Philosophie: Platons Höhlengleichnis verarbeitet Uwe Ernst, indem Menschen aus dem Schatten von Flügeln kriechen.

Michelangelos „Die Erschaffung Adams“ liegt einem Bild zu Grunde, das die menschliche Hybris symbolisiert: Stößt Gott den Menschen vom Podest oder hält der Schöpfer Adam die Hand hin? Die Antwort bleibt offen, der Betrachter muss sie selbst finden – so wird Assoziation zur Herausforderung.

Raum fasziniert den Zeichner: Ob im Bild „Beschränkungen“, wo die unbegrenzte Freiheit als Fiktion enttarnt wird, weil die Gefahr des Verirrens wie in einem Labyrinth droht oder im Epilog zum „Prinzip Hoffnung“, wo ein Haufen menschlicher Hinterlassenschaften am linken Bildrand fast vom Weißraum verschlungen wird.

Außergewöhnlich ist Ernsts Sichtweise auf das „Abendmahl“: Jesus, Essen und ein Tisch fehlen. „Ich hab‘s säkularisiert“, erklärte der Künstler lapidar, weshalb einer der zwölf Jünger, die durch Klappen ins Unterbewusste blicken, irgendwie Franz Josef Strauss ähnelt.

Genaues Hinsehen lohnt sich bei „Rad der Zeit“, dafür setzte Norbert Stockhus seine beleuchtete Spezialbrille auf: „Die Farbverläufe von hell zu dunkel sind perfekt“, stellte der Maler anerkennend fest.

Uwe Ernst konterkariert gerne die Erwartungen des Kunstpublikums: Die Kollektion des „Sammlers“ etwa besteht aus Radierkrümeln – letztlich bleibt nichts.

Das aktuelle Thema Flüchtlinge spiegelt sich bei dem Zeichner im „Afrika-Projekt“ wider: Vermeintliche Giraffen sollen Entwurzelung und Schuhe zeigen. „Bilder sind dazu da, dass man Emotionen entwickelt“, lautet Uwe Ernsts Wunsch.

Nachdenklich stimmen auch die gleichermaßen im Kontrast wie als Ergänzung zu den Zeichnungen stehenden Plastiken von Jörg Bach. Kreisformen und klare Linien verbinden den Zeichner und den Bildhauer. Vierkantiges Stahlblech, rostig, lackiert, geschliffen oder poliert dreht, stapelt und verschachtelt der 51-Jährige. „Stahl ist eines der schönsten Materialien, da man etwas wegnehmen und hizufügen kann“, nennt der Bildhauer Vorteile gegenüber Stein oder Holz. Der Wolgaster windet das harte Material für die sechs in Sulz zu sehenden Skulpturen, damit die Arbeiten so spannend werden, dass der Betrachter sich bewegt, um Anfang und Ende zu finden. „Bodenfrüchte“ heißen die Plastiken im Foyer der Stadthalle. Mit „Vorläufige Beruhigung“ wird erstmals die Fläche unter der Treppe bespielt. Auf dem Bahnhofsvorplatz sorgt „Wir sind nicht alle gleich“ dafür, dass Leute auch im Freien auf Kunst treffen.

Solche spannenden Begegnungen sind in Sulz bereits zum vierten Mal möglich – und zweimal doppelt: Zwischen Bildern und Skulpturen sowie zwischen Kunst und (Zufalls-)Betrachtern.

Info Die Ausstellung wird am Sonntag, 8. November, um 15 Uhr im Foyer der Stadthalle eröffnet.

Plastiken von Jörg Bach und Zeichnungen von Uwe Ernst ab Sonntag im Backsteinbau

Plastiken von Jörg Bach und Zeichnungen von Uwe Ernst ab Sonntag im Backsteinbau
Kunst und Künstler im Dialog: Jörg Bach (links) und Uwe Ernst unterhielten sich gestern beim Aufbau im Foyer der Stadthalle über ihre Werke. Vorne „Bodenfrucht“ von Bach, hinten „Rad der Zeit“ und „Abendmahl“ von Ernst.Bilder: Kuball

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04.11.2015, 12:00 Uhr

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