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Hollenbach Wohnbau GmbH in akuter Finanznot

Pleite stoppt Umbau der alten Silcherschule

Die Käufer der Wohnungen und Gewerberäume in der alten Silcherschule müssen sich länger gedulden als geplant und versprochen. Nachdem die Bauarbeiten schon im Frühjahr einige Zeit stockten, kamen sie jetzt vollends zum Erliegen. Diesmal wohl für längere Zeit, denn dem Stuttgarter Bauträger ist offenbar das Geld ausgegangen.

20.09.2012
  • Sepp Wais

Tübingen. Seit Anfang August tut sich nichts mehr in dem einstigen Schulhaus an der Kelternstraße. Damals durfte Klaus Reif, der mit seiner Fahrrad-Werkstatt „Rat + Tat“ in das Erdgeschoss des Altbaus einziehen möchte, noch annehmen, die Handwerker hätten sich in die Sommerferien verabschiedet. Doch sie kamen nicht wieder. Und daran wird sich laut Ulrich Latus, dem Bauleiter vor Ort, in nächster Zeit auch nichts ändern: „Ich weiß nicht, wie und wann es weitergeht, im Moment kann ich nur hoffen und abwarten.“

Dabei schien die jahrzehntelange Hängepartie um den Altbau aus dem Jahr 1892 endlich ausgestanden, als der Gemeinderat im Oktober 2010 dem Stuttgarter Investor Jürgen Hollenbach den Zuschlag für den Kauf gab. Im Juni 2011 ging das Schulhaus für 540 000 Euro in den Besitz der Hollenbach Wohnbau GmbH über. Im September bekam die Firma von der Stadt die Baugenehmigung, und bereits im Oktober machten sich die Handwerker an die Sanierung und den Umbau des maroden Schulhauses. In den zwei Etagen über Reifs Werkstatt im Erdgeschoss sollen dreißig Studentenappartements eingerichtet werden, im Dachgeschoss zwei größere Wohnungen.

Nur ein Jahr nach Baubeginn sollten die neuen Besitzer oder deren Mieter einziehen. Für den Rad+Tat-Laden handelte sich Klaus Reif bei Hollenbach den 1. Oktober als notariell besiegelten Wechsel ins neue Domizil aus. Der knappe Terminplan hätte laut Latus aufgehen können, wäre der Umbau nicht schon im Frühjahr ins Stocken geraten – „wegen Geldmangel“, wie der Bauleiter damals erfuhr. Aus eben diesem Grund seien die Arbeiten dann auch im August eingestellt worden. Betroffene Handwerker befürchten, dass das Vorhaben „von Anfang an nicht sauber durchkalkuliert“ war.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Immobilienwirt Hollenbach diesen Fehler macht. Erst vor wenigen Monaten hat er sich bei einem weitaus größeren Investitionsprojekt gewaltig verrechnet. Die Hollenbach Wohnbau GmbH plante auf einer 5400 Quadratmeter großen Fläche im Degerlocher Gewerbegebiet Tränke ein 35 Millionen Euro teures Fünf-Sterne-Hotel mit 200 Zimmern. Im Jahr 2008 hatte sie den Bauplatz von der Häussler-Gruppe übernommen, die sich kurz davor just an diesem Projekt verhoben hatte.

Hollenbach erging es nicht besser: Die Finanzierung scheiterte. Der Baukonzern Baresel verlangte seine Vorleistungen zurück, und weil Hollenbach die geforderten drei Millionen Euro nicht aufbringen konnte, ordnete das Stuttgarter Amtsgericht im Juni die Zwangsversteigerung des Hotel-Bauplatzes an, auf dem sich nun die Degerlocher Metallfirma Mädler ausbreitet. Bald darauf, am 16. August, eröffnete das gleiche Gericht das Insolvenzverfahren über die Hollenbach Wohnbau GmbH.

Das vorgestreckte Geld der Käufer steckt im Bau

Formal hat die alte Silcherschule mit dieser Pleite wohl nichts zu tun. Denn das Tübinger Projekt, so weiß Latus, hat Hollenbach vor Baubeginn innerhalb seiner Unternehmensgruppe von der Wohnbau in die Hausverwaltungs GmbH verschoben. Wir hätten Jürgen Hollenbach gern selber dazu befragt, doch er war in letzter Zeit fürs TAGBLATT nicht zu sprechen. Und auch vom Stuttgarter Anwalt Tibor Braun, der sich seit einigen Wochen als Insolvenzverwalter um die Hollenbach Wohnbau GmbH kümmert, gab es bislang keine Auskünfte. Ulrich Latus kann den Käufern immerhin versichern, dass ihr Geld, das sie nach Baufortschritt in Raten an Hollenbach gezahlt haben, nicht perdü ist: „In dem Bau steckt mehr drin, als die Käufer bisher bezahlt haben.“ Daran zweifelt Reif nicht, der bereits 134 000 Euro überwiesen hat. Insgesamt muss er für seine 250 Quadratmeter im Erdgeschoss und einen Kelleranteil 580 000 Euro aufbringen. Trotzdem hat er einen Schaden: „Ich kann kaum etwas für die neue Saison ordern, weil ich nicht weiß, wie viel Platz ich nächstes Jahr habe.“

Eigentlich sollten längst die Dachflächen gedeckt und die Fenster eingebaut werden. Die entsprechenden Aufträge sind längst rausgegangen, aber ohne Aussicht auf Bezahlung rückt kein Handwerker an. Trotzdem ist Latus zuversichtlich, dass die alte Silcherschule den Winter ohne Schaden übersteht: „Das Dach ist mit den Folien und der Wärmedämmschicht auch ohne Platten hinreichend abgedichtet – bis auf ein paar Stellen, nach denen wir noch gucken müssen.“

Lesen Sie dazu auch das “Übrigens” in der Donnerstagsausgabe des Schwäbischen Tagblatts.

Pleite stoppt Umbau der alten Silcherschule
Im Oktober sollten die Gewerbeflächen und die Wohnungen in der Alten Silcherschule bezugsfertig sein. Doch daraus wird nichts – die Bauarbeiten sind eingestellt.

OB Boris Palmer hat großes Interesse daran, dass der Umbau der Alten Silcherschule zügig abgeschlossen wird. Zum einen, weil es sich um ein „gutes und sinnvolles Projekt“ handle. Und zum anderen, weil es die Stadt nicht hinnehmen könne, dass ein historisch so bedeutsames Gebäude wie das einstige Raupengymnasium zur nächsten Ruine verrottet. Da dem Umbau ein „wirtschaftlich tragfähiges Konzept“ zugrunde liege, rechnet der Oberbürgermeister fest damit, dass der Bauträger (oder auch sein Insolvenzverwalter) alles daran setzen wird, das Projekt abzuschließen. Sollte sich dafür kein privater Investor finden, müsste seiner Ansicht nach wohl oder übel die Stadt einspringen. Und zwar in Form ihrer Baugesellschaft GWG. Weil die aber „schon mehr als genug“ zu tun habe, hat „eine private Lösung“ für Palmer absoluten Vorrang.

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20.09.2012, 12:00 Uhr

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