Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Eine dünnhäutige Debatte

Podium stritt über Beschneidungspraxis

Immer wieder wurden Beiträge beklatscht und beklopft, auch verlacht, es wurde aufgestöhnt und dazwischengerufen. Am Montagabend im größten Kupferbau-Hörsaal waren knapp 300 Zuhörer mit viel Emotion bei der – Sache?

25.07.2012
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. In ihrem ganzen Leben nicht, sagte Regina Ammicht Quinn zu Beginn des von ihr moderierten Podiumsgesprächs, habe sie sich so intensiv mit Form und Zuschnitt eines männlichen Geschlechtsorgans beschäftigt. Form und Zuschnitt betrifft in diesem Fall die Praxis der rituellen Beschneidung bei Moslems und Juden, soweit sie an Buben vorgenommen wird.

„Körperverletzung oder Religionsverletzung?“, hieß die Leitfrage, die dem vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) veranstalteten Podium vorgegeben war. Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin, interpretierte eingangs das Beschneidungs-Urteil des Kölner Landgerichts als „Symbol einer Strömung“ in der Gesellschaft.

Auch seiner eigenen Einschätzung nach handle es sich bei der Beschneidung um eine – „wenn auch geringe“ – Körperverletzung, die aber manchmal traumatische Folgen haben könne. In der juristischen Beurteilung der Problemfrage sieht er „einen Gewichtungskonflikt“, in dem er die Grundrechte des Kindes gegenüber den Elternrechten „etwas höher“ veranschlage. Und an die betreffenden Religionsgemeinschaften gewandt, denen er seinen grundsätzlichen Respekt versicherte, sagte Wiesing: „Es ist höchstwahrscheinlich, dass Gott nicht an Vorhäuten gelegen ist.“

Podium stritt über Beschneidungspraxis
Hussein Hamdan

Rabbiner Joel Berger hielt seinem Vorredner entgegen, dass auch er körperliche Unversehrtheit als ein hohes Rechtsgut achte, aber gemessen an der geringen Intensität („kurz und fast schmerzlos“) sehe er bei der rituellen Beschneidung „keine grundrechtlichen Kollisionen“. Die ihm entgegengehaltene wachsende Sensibilisierung für Kinderrechte empfinde er, gemessen an den tatsächlichen Zuständen in der Gesellschaft, als „akademische Vermutung und Scheinargument“. Man müsse doch festhalten, spitzte Berger zu, dass zwangsläufig „die ganze Kindheit ein Eingriff durch die Erwachsenen darstelle“. Für ihn stellt sich das Problem auf anderer Ebene: „Antireligiöse Eiferer wollen jüdische und islamische Identität angreifen."

Im Sinne der Kinderrechtskonvention

Es sei nicht hinnehmbar, dass jemand als „antireligiöser Eiferer“ bezeichnet werde, wenn er das Kölner Urteil für richtig hält, betonte TAGBLATT-Redakteurin Renate Angstmann-Koch. „Ich respektiere die betreffenden Glaubensgemeinschaften“, versicherte sie. Doch unabhängig davon und aus einer prinzipiellen Haltung heraus streite sie als Staatsbürgerin für die Pflicht, Leid zu vermeiden.

Was die Beschneidung angeht, ist für sie der Fall eindeutig. „Alles spricht für Körperverletzung.“ Daraus seien, auch im Sinne der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, die erforderlichen Konsequenzen zu ziehen. Also ein Verbot des Rituals an Kleinkindern und Kindern.

Podium stritt über Beschneidungspraxis
Joel Berger

„Dass Sie uns Menschenrechtsverletzung vorwerfen, das geht mir entschieden zu weit“, sagte Berger und leitete über zu einem Exkurs in die Geschichte. Das letzte Mal überhaupt sei durch den römischen Kaiser Hadrian vor annähernd 1900 Jahren ein Beschneidungsverbot verfügt worden. Es treffe ihn hart, dass „ausgerechnet ein deutsches Gericht“ die Beschneidung kriminalisiere.

Ausgerechnet nach dem Holocaust, in dem mit jüdischen Kindern nicht eben pfleglich umgegangen worden sei, wie er sarkastisch hinzufügte, äußerten sich nun deutsche Kinderanwälte nach dem Motto: „Nach dem, was wir den Juden angetan haben, können wir nicht zulassen, dass sich die Juden selbst verstümmeln.“

Urban Wiesing wies die Bezüge auf die Geschichte zurück. „Man muss trennen, was nicht zusammengehört.“ Für ihn seien Islam und Judentum so reichhaltig, dass er sie nicht auf die Beschneidung reduziert wissen wolle. „Es geht hier um ein einziges Ritual.“ Er appellierte, sich in der Diskussion auf diesen Eingriff und dessen Folgen zu konzentrieren. Seine ethischen Überlegungen fasste er zusammen: „Menschen reagieren unterschiedlich. Und wenn das so ist, muss ich raten, auf dieses Ritual zu verzichten.“

Podium stritt über Beschneidungspraxis
Regina Ammicht Quinn

Der Islamwissenschaftler Hussein Hamdan gab zu bedenken: „Die Mehrheitsgesellschaft kennt das Ritual gar nicht.“ Das Thema sei aber elementar und werde in dieser Dimension nicht erkannt. „Für Juden ist das ein zentraler Bestandteil des Glaubens.“ Er mache sich Sorgen, falls ein Beschneidungsverbot kommen werde. „Sollen die Juden dann mit den Babys zum Beschneiden ins Ausland reisen? Ist das für die Kinder nicht viel strapaziöser?“

Über die Grenzen der Religionsfreiheit

Die Antwort blieb offen, die Moderatorin lenkte das Gespräch in ein neues Fahrwasser und fragte nach den Grenzen der Religionsfreiheit. Die Antwort des Rabbiners: „Dort, wo anständige Christen Juden missionieren wollen.“ Die Journalistin: „Dort, wo es um die Freiheit des anderen geht.“ Angstmann-Koch wollte indes enger am Thema bleiben: „Es gibt auch innerreligiöse Kritik an der Beschneidung. Ginge es nicht auch in symbolischer Form? Oder könnte als wichtiger Grund, aus dem man die Beschneidung verbieten kann, nicht auch die Rechtsordnung des Staates gelten, dessen Bürger oder Bewohner man ist?“ Falls dies nicht fruchte, beschied sie, „kann man die Diskussion abbrechen“.

In der Konsequenz widersprach Berger nicht, dem Vorschlag einer Reform durchaus. „Die Beschneidung ist nicht verhandelbar.“ Es gehe um ein göttliches Gebot.

Podium stritt über Beschneidungspraxis
Renate Angstmann-Koch

Auch Hussein Hamdan wollte sich nicht auf externe Reformdiskussionen einlassen. „Wir haben gerade Ramadan“, erwähnte er ein anderes Beispiel, „das ist eine ungesunde Sache. Tagsüber kein Essen, kein Trinken, kein Sex.“ Ein Christ habe ihn unlängst Vorschläge unterbreitet, wie man das reformieren könne.“ Solche Einmischungen seien unerwünscht. „Es gibt Traditionen, auf die man nicht verzichten kann.“

Wortbeiträge aus dem Publikum lobten und kritisierten das Kölner Urteil. Oder bestritten, wie dieser, die behaupteten traumatisierenden Wirkungen: „Ich bin Amerikaner, Christ und beschnitten.“ Er behauptete: „Hier sind fremdenfeindliche und antisemitische Untertöne.“

Podium stritt über Beschneidungspraxis
Urban Wiesing

Eine schwieriger Themenabend neigte sich dem Ende, der Moderatorin kam die Ringparabel aus „Nathan der Weise“ in den Sinn. „Was heißt für Sie Toleranz?“, wollte sie wissen. Renate Angstmann-Koch: „Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten. Da endet die Toleranz.“ Urban Wiesing deutete auf eine künftige Rechtslage. Sollte sie sich gegen seine Meinung ändern, könne er das hinnehmen. „Ich werde deswegen nicht auswandern.“

Hussein Hamdan: „Solche Konflikte werden wir immer haben. Wichtig ist, dass wir darüber diskutieren. Wir brauchen mehr Respekt untereinander. Eine Mehrheitsgesellschaft, die weltoffen sein will, muss nicht alle ihre Maßstäbe für verbindlich erklären." Joel Berger: „Es geht darum, Andersdenkende voll und ganz zur Geltung kommen lassen. Ich brauche dafür keine Ringparabel.“

Aus „Nathan der Weise“ zitierte Regine Ammicht Quinn die letzte Regieanweisung: „Unter stummer Wiederholung allerseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.“ Sie selbst schloss: „So weit sind wir noch nicht.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

25.07.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball