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Poetik-Dozentur Tübingen: Dada in Big Data
Bestens vernetzt: Clemens J. Setz. Foto: Rainer Richter

Poetik-Dozentur Tübingen: Dada in Big Data

Sie vertreten eine Autoren-Generation, die ganz anders zu Werke geht. Clemens J. Setz und Kathrin Passig beleben die Tübinger Poetik-Dozentur.

27.11.2015
  • WILHELM TRIEBOLD

Tübingen. Der Dichter im Elfenbeinturm hat ausgedient. Heute sind Literaten bestens vernetzt. Das schlägt zurück auf das Verständnis des eigenen Schreibens. Auch deshalb wurden mit den beiden ehemaligen Bachmann-Preisträgern Clemens J. Setz und Kathrin Passig zwei Protagonisten der neuen Linie nach Tübingen eingeladen.

Setz hat zuletzt mit "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" einen horrenden Wälzer vorgelegt, der das faszinierte wie ratlose Feuilleton ebenso beschäftigt wie erste Dechiffrier-Kommandos: Sie machen sie nun in Blogs über den geradezu uferlos mäandernden Textinhalt her. Überhaupt bewegt sich der Grazer gern auf der Ebene des Beta- und Meta-Bloggers, der Beispiele und Bezüge überall aus dem Alltag, den Büchern und dem Netz klaubt, um sie verblüffend anders zusammen zu setzen.

Auch in Tübingen ist Setz lieber leichtlebig anekdotisch als mit der Last einer Poetik unterwegs. Er erläutert dabei seine "Nonseq"-Methode, die ("non sequitur") solange Kurzschlussfolgerungen aneinander reiht, bis ein eigener Sinn (oder eben auch keiner) entstehen kann. Dada in Big Data. Wer je ein Hölderlin-Gedicht durch mehrere Schnellwaschgänge bei Babelfish gejagt hat, weiß vielleicht, dass göttlicher Nonsens dabei heraus kommt. Setz wiederum unterzieht ein chinesisches Han-Gedicht einer automatische Google-Übersetzung, bis der schöne Satz "Der Tag begann in der Sub-Luft" ihm das willkommene Motto für die Poetik-Vorlesung in Tübingen bietet.

Anders dagegen die von Setz verehrte Kollegin Passig. Sie ist eine Pionierarbeiterin der Literatur-Technologe, sieht sich als Vermittlerin zwischen Technikgläubigen und -skeptikern. Also erzählt sie weniger Praktisches, mehr Ingenieurhaftes in ihrer ersten Vorlesung, von Google Docs, wiki-haftem Zusammenschreiben und kollektiver Textkontrolle, von stilistischer Korrektur-Software wie Anonymouth und anderen Segnungen künstlicher Intelligenz, die aber die humane Autoren-Intelligenz nicht zum Erliegen bringen. Fazit: Die Literatur bleibt nicht stehen. Sie entwickelt sich mit dem technischen Fortschritt und in ihn hinein.

Info Heute, Freitag, 20 Uhr, endet die Tübinger Poetik-Dozentur mit einer Diskussionsrunde mit Kathrin Passig im Institut für Wissensmedien (Schleichstraße 6).

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27.11.2015, 08:30 Uhr

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